2013

Peter Nestler: Geschichte steckt in den Menschen

Er verzichtet auf Spezialeffekte und stellt hohe Ansprüche an die Betrachter seiner Filme. Der 1937 geborene deutsche Regisseur Peter Nestler ist mit seinen politisch engagierten Dokumentarfilmen oft auf Widerstand gestoßen. Da seine Werke als linksgerichtet eingeschätzt wurden, musste er 1966 aus der Bundesrepublik nach Schweden emigrieren. Trotzdem haben seine Filme, in denen er sich nicht nur mit Politik, sondern auch mit dem Alltag der Menschen und der Natur befasst, ihren Weg zum Publikum gefunden. Bei einer doppelten Retrospektive in Moskau, die dem Regisseur und seinem Freund, dem Filmemacher Jean-Marie Straub, gewidmet wurde, erzählte Peter Nestler über seine Werke.© Andrej Zaplatin

Ansehen von Filmen ist eine Arbeit

Unvorbereiteten Betrachtern fällt es oft schwer, seine Filme zu verstehen, was Peter Nestler aber nicht stört: „Ich mache Filme nicht mit dem Gedanken, wie ich das Publikum fange, sondern es sind bei meinen Filmen immer Gegenstände und Menschen, die mich sehr berühren und von denen ich es für wichtig halte, dass diese dokumentiert, ausgedrückt, nicht vergessen werden. Ich habe den Anspruch an die Betrachter der Filme, dass sie eine Arbeit ausführen, dass sie sich auseinandersetzen mit dem, was ich da gefunden habe.“

Über seine Lieblingswerke

© Andrej Zaplatin Seine Filme unterscheiden sich sehr stark, was mit den verschiedenen Lebenserfahrungen des Dokumentaristen zu tun hat. Zu seinen Lieblingswerken zählt der Film „Pachamama – unsere Erde“, der dem Leben im Ecuador gewidmet ist. „Der Antrieb, diesen Film zu machen, war in der Ausstellung von den archäologischen Funden aus Ecuador, die nach Schweden kam. Dann hab ich eine Reise gemacht und verschiedene Orte aufgesucht, Kontakte geknüpft und ein halbes Jahr später gedreht. Den Harfenspieler Guandinamo haben wir nach dem Anhören in verschiedenen Dörfern im nördlichen Ecuador gefunden. Dass wir ihn entdeckt haben, war eine Offenbarung, er ist unglaublich.“ Auch seine schweren Filme sind für ihn von großer Bedeutung. Der Film „Die Folgen der Unterdrückung“ setzt sich mit den Folgen des Militärputsches in Chile auseinander. „Die Geschichten, die erzählt werden, sind unerträglich grausam, obwohl ich keine Bilder zeige, die Schrecken erregen. Das ist ein echtes Problem, dass man unglaublich belastet wird als Betrachter und als Macher, aber es waren für mich Sachen, die notwendig sind.“

Über berufliche Schwierigkeiten

Seine Filme fanden nicht immer Unterstützung seitens der Verleiher und Behörden. Dafür gab es nicht immer politische Gründe. Seinen Film „Aufsätze“, wo Schüler aus der Schweiz über ihr Leben erzählen, wollte man in Deutschland nicht unterbringen: „In Deutschland sagte man mir, sie sprechen mit einem so starken schweizerischen Akzent, das sollte man mit jemandem aus Berlin synchronisieren“. Dafür wurde der Film in der Schweiz gezeigt. Später hat er doch noch einen Bundesfilmpreis gekriegt. „In Schweden war es für mich sehr viel einfacher, da konnte ich eine Reihe von Filmen machen, die für mich sehr wichtig sind, über Bergbau, Produktion von Glas, Stoff und alles, was in Schweden für die Industrialisierung wichtig war“. Aber auch hier wurden einige Werke von Nestler blockiert, wie, zum Beispiel, der Film „Dürfen Sie wiederkommen?“ über neofaschistische Tendenzen in der Bundesrepublik.

Jean-Marie Straub – der Gleichgesinnte

© Andrej Zaplatin Viele von seinen Ansichten über Regiekunst teilt Peter Nestler mit seinem Freund, dem französischen Filmemacher Jean-Marie Straub. „Wir haben viel über Film gesprochen und sind uns sehr einig gewesen, was wichtig ist und was im Film absolut nicht geschehen darf und häufig doch geschieht – eine Unehrlichkeit in der Verwendung von Mitteln, um die Reaktion bei dem Betrachter zu erreichen. Man hat Straub vorgeworfen, er mache das Ansehen vom Film schwierig und fordere die Leute, statt ihnen entgegenzukommen und etwas darzubieten.“ Peter Nestler ist aber ganz anderer Meinung. Der von Straub gedrehte Film „En rachâchant” hat ihn besonders fasziniert. Der Film erzählt die Geschichte eines Jungen, der nicht in die Schule gehen will, weil ihm da Sachen beigebracht werden, von denen er nichts wissen will. „Einmal weil der Film wunderschön gemacht ist, alle Darsteller - Lehrer, Eltern und der Junge - toll gewählt und die Regie toll geführt wurde. Aber auch weil die Situation des Jungen mich berührt, denn ich bin die ersten Jahre noch in eine Volksschule der Nazis gegangen, die uns an den kurzgeschorenen Haaren hochgezogen haben, um uns zu erniedrigen“.

Über Effekte

Peter Nestler verlässt sich meistens darauf, Musik direkt zu einem Film komponieren und spielen zu lassen. Musikauswahl ist manchmal eine sehr harte Arbeit. Beim Film „Mühlheim“ hat Peter Nestler mit dem Musiker Dieter Siebert eng zusammengearbeitet. „Wir haben am Schneidetisch gesessen und er hat versucht, bestimmte Punkte des Films zu treffen, beispielsweise eine Szene in der sich ein Vogel rührt“. In seinen Filmen mischt Nestler ungern natürliche Geräusche mit der Musik, die eine eigenständige Rolle hat. Technische Neuerungen verwendet er in seiner Arbeit genauso vorsichtig, wie die Musik. „Der Zoom kam in den 60-er Jahren und wurde sehr fleißig ausgenutzt. Das hat bei mir eher noch den Widerstand verstärkt. Ich hab Zoom verwendet, aber sehr vorsichtig und sehr deutlich“.

Über seine künstlerische Aufgabe

In seinen Filmen vereinigt Peter Nestler das Ausmaß der menschlichen Geschichte und die Bedeutung des einzelnen Lebens. „Die Geschichte steckt in den Menschen, in den Gebäuden, in den Landschaften. Es geht darum, das Unnötige beiseite zu schieben und versuchen, die Verbindung in den Filmen zu schaffen. Das ist die Aufgabe, die ich mir stelle“.
Julia Melnikova, 22, Sankt Petersburg

Copyright: To4ka-Treff
April 2013

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