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Eine Straße, die Ost und West miteinander verbindet

Foto: Olga MatweewaDer Andreassteig gehört nicht nur zu den ältesten Straßen Osteuropas, sondern wäre auch ein potenzieller Kandidat für das UNESCO Weltkulturerbe gewesen, wäre er nicht in einem so schlechten Zustand. Über diesen Steig, der zwischen den drei Hügeln liegt, wo das Reich der Kiewer Rus seinen Ursprung hatte, haben wir mit dem Berliner Architekten Ilia Kireev und Vera Bagaliantz, der Leiterin des Goethe Instituts Ukraine, gesprochen. 

Hoch hinaus zwischen Moskau und Berlin

Ilia Kireev hat bis zu seinem 17. Lebensjahr in Moskau gelebt, dort sein Abitur gemacht und ein Jahr studiert. Da seine Mutter aber nach Deutschland ausgewandert war, zog auch er dort hin, um ein Architekturstudium an der UDK Berlin zu absolvieren. Mittlerweile ist er seit zwei Jahren selbstständig und realisiert Projekte auf der ganze Welt.

Foto: Olga Matweewa Der gebürtige Moskauer leitete im Rahmen des Projekts „ Spielstraße – Straßenspiele“ gemeinsam mit Igor Gurchik, dem Koordinator der NGO „Spivzakhyst“, ein Bürgerbüro. Zu dieser Veranstaltung wurden unabhängige Experten eingeladen, die den Zuhörern und Bewohnern Kiews, Fakten und Tatsachen über den Zustand des Andreassteigs kunstvoll präsentierten.

„Der Andreassteig hat einen sehr großen historischen Wert, da er ein Künstlerviertel war und ist, wo auch Michail Bulgakow lebte“, erzählt Ilia Kireev. „Es ist wichtig, dass diese kulturell wertvolle Straße für das Land und die nächsten Generationen erhalten bleibt und dass sie nicht weiter zerstört wird. “

Der Architekt klärte uns auch darüber auf, „dass die Häuser am Andreassteig bereits irgendwelchen Parteimitgliedern gehören und man diese verfallen lässt, damit man dort Hotels bauen kann. Den Andreassteig krönt eine Kirche, die von sehr großer architektonischer Bedeutung ist, da sie vom italienischen Architekten Bartolomeo Francesco Rastrelli, der auch den Winterpalast in St. Petersburg erbaut hat, stammt. Diese Kirche wird allerdings demnächst abrutschen, da rund um sie herum falsche bauliche Entscheidungen getroffen wurden. Es wurden Tiefgaragen gebaut und unterirdische Flüsse umgeleitet, sodass der Zustand der Kirche jetzt katastrophal ist. Der momentane Zustand der ganzen Straße ist bereits so kritisch, dass man jetzt handeln muss, denn sonst verschwindet diese.“

Wichtig ist die öffentliche Aufmerksamkeit zu gewinnen

An den ersten drei Oktobertagen verwandelte sich der Andreassteig in eine Bühne, auf der Künstler, Schriftsteller und Musiker aus der Ukraine und Deutschland ihre Projekte vorstellten. Den Anfang machte ein gelungenes Konzert, auf dem fast hundert Musiker und Sänger auftraten. Vera Bagaliantz betonte, „ dass zwar schwere, neue Musik gespielt wurde, diese aber trotzdem ihr Publikum gefunden hat.“

In den darauf folgenden beiden Tagen wurde den Kiewern anhand der vorgestellten Projekte, die dem Andreassteig erhalten bleiben und auch zu seiner Erhaltung bzw. Verschönerung beitragen werden, gezeigt, wie man den Andreassteig kulturell nützen und peut à peut wiederbeleben kann.

So wurde beispielsweise aus einer sonst hässlichen Fassadenabdeckung eine bunte Tropenlandschaft, ein leerer Platz zwischen zwei Häusern wurde durch die Architektengruppe von Viktor Zotov in Public Space verwandelt, den die Projektgruppe GarageGang und Iryna Biletska sogleich mit ihrem Projekt „Stimme der Straße“ nützten und die bittenden Händen von Ivan Gubenko und Roman Tselikov wiesen darauf hin, dass hier am Andreassteig um etwas gebeten wird und zwar um dessen Erhaltung.

Das Bürgerbüro, in dem sehr emotional diskutiert wurde, fand am dritten und letzten Tag des Festivals statt, an dem auch der deutsche Professor Theodor Winter einen Vortrag zum Thema „Behutsame Stadterneuerung in Deutschland“ gehalten hat, welcher Vorschläge und Denkanstöße für die Erhaltung des Andreassteigs beinhaltete. Den Abschluss bildete eine Diskussion, in der die Veranstalter, Experten, Künstler und Entscheidungsträger die Möglichkeit hatten, ihre Meinungen und Vorschläge für das weitere Vorgehen kund zu tun. Ilia Kireev betonte, wie auch manch andere, dass es eine hervorragende Idee vom Goethe Institut war, ein solches Festival zu organisieren, dass öffentliche Aufmerksamkeit erregte. Für die Lösung des Problems bedürfe es allerdings einer Organisation, in der Experten und Aktivisten zusammenarbeiten.

Ein Lösungsversuch von außen

Am Ende des Abends erzählte uns Vera Bagaliantz noch, dass „der Hintergedanke des Festivals darin bestand, den Dialog zwischen verschiedenen Disziplinen und Vertretern der Gesellschaft zu üben und zu wagen. Viktor Hamatow, dem Leiter des Zentrums für zeitgenössische Kunst „Soviart“, und mir, ist das Anliegen, generationsübergreifend zu arbeiten, wobei ältere Generationen, die nicht mehr unbedingt selbst etwas erreichen möchten, jungen helfen, etwas zu bewirken, sehr wichtig. Viktor Hamatow und ich wollen junge Menschen dazu ermutigen, zu versuchen, weitere Türen zu öffnen, was nicht unbedingt einfach in diesem Land und anderen postsowjetischen Gesellschaften ist.“

Sie erklärte uns auch, dass „der Andreassteig nicht zufällig als Veranstaltungsort des Festivals gewählt wurde. Die Probleme und Tatsachen, die es hier gibt, liegen ja förmlich auf der Straße. Es bewegt sich allerdings nichts, obwohl immer wieder engagierte Menschen versuchen, die Situation zu verändern. Ich glaube, dass es uns, gelungen ist, sozusagen den Deckel vom Topf zu nehmen und den ersten Schritt zu wagen. Nicht umsonst haben wir deswegen auch zwei Autoren, zwei Intellektuelle aus anderen ukrainischen Städten eingeladen, denn es gibt diese Probleme nicht nur in Kiew oder in der Ukraine. Sie stellen ein Phänomen in vielen postsowjetischen Gesellschaften dar, das man klug, strategisch und ohne Feindbilder angehen sollte.“

 „Alle meine Erwartungen und Wünsche an das Festival sind in Erfüllung gegangen. Wir haben ein breites Spektrum an Aktivitäten, Kunstaktionen und Diskussionen erlebt, womit wir auch die Medien erreicht haben. Dadurch wird die Botschaft des Festivals weiter verbreitet und bleibt uns nicht nur als punktuelle Veranstaltung in Erinnerung“, erzählte uns Vera Bagaliantz am Ende des Interviews.

Das To4ka-Treff Team bedankt sich bei allen Interviewpartnern für ihre Zeit und drückt auf diese Weise seine Glückwünsche für die gelungene Veranstaltung aus.

Verena Maier

Copyright: To4ka-Treff
Oktober 2010

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