Journalismustrends

„Russki Extrem“: deutsche Journalisten in Russland

© Marina Wolosewitsch

Boris Reitschuster ist ein deutscher Journalist, der über 16 Jahre lang in Russland, hauptsächlich in der Metropole Moskau verbracht hat. Hier war er seit 1999 Leiter des Moskauer Büros des Focus. In seiner Zeit in Russland entwickelte sich bei ihm eine große Faszination für den Osten, die in fünf Büchern über Kultur und Politik in der Russischen Föderation mündete. „Russki Extrem. Wie ich lernte, Moskau zu lieben“ ist eines seiner Werke, das 2009 erschien. Seit 2011 ist er wieder in Deutschland und erzählt To4ka-Treff von seinen ganz alltäglichen Erfahrungen als Journalist in Russland.

© Igor Gawrilow 

Wie sieht der Alltag eines Deutschen Journalisten in Russland aus?

Es ist extrem stressig. Wenn ich früher in Deutschland 10 Prozent meiner Arbeitszeit für alle möglichen bürokratischen und organisatorischen Dinge aufwenden musste, dann sind es in Russland mindestens die Hälfte, eher zwei Drittel der Zeit. Die einfachsten Dinge werden zum bürokratischen Spießroutenlauf. Allein für den Mietvertrag musste ich Dokumente vorlegen, von deren Existenz in Deutschland eigentlich schon alle vergessen haben. Der frühere Staatschef von Weißrussland, Schuschkewitsch, hat mir einmal in einem Interview gesagt: Wir Menschen in der Ex-Sowjetunion verbringen den Großteil unserer Lebenszeit damit, irgendwelchen unnötigen Behörden unnötige Bestätigungen vorzulegen, die nachweisen sollen, dass wir keine Kamele sind. Damals lachte ich. Heute weiß ich: Der Mann hat nicht gescherzt. Es muss wohl irgendein Meisterhirn in der Sowjetunion gegeben haben, dass herausfand, dass die Menschen nicht auf dumme politische Gedanken kommen, wenn man sie ständig drangsaliert. Und dieses System funktioniert bis heute. Es hat sich wohl einfach verselbständigt.

Sie haben das Buch «Russki Extrem» geschrieben. Was war Ihr extremstes berufliches Erlebnis in Russland?

Extreme Erlebnisse hatte ich fast täglich, zumindest wenn man hinzurechnet, was einem Freunde und Verwandte aus ihrem Alltagswahnsinn erzählen. Extrem finde ich immer wieder, wie rechtlos man in Russland ist, also dass Gesetze nichts bedeuten, und man als einfacher Mensch einfach Freiwild ist. So richtig mulmig wurde mir, als ich mehrmals beim Polizei-Notruf anrief, und niemand hinging. Zweimal haben mich Polizisten geprügelt, einmal festgenommen, und jedes Mal war danach die Reaktion: Das geschieht dem schon recht. Man hat nicht einmal den Anschein erweckt, als würde man die Taten rechtsstaatlich verfolgen. Und das, obwohl die deutsche Botschaft protestierte. Können Sie sich vorstellen, welche Chancen da ein einfacher russischer Bürger hat, sich gegen die Willkür des Apparats zu wehren? Besonders absurd finde ich, wenn man uns ausländischen Journalisten, die regelmäßig solche Sachen erleben, ständig vorwirft, wir würden zu negativ berichten. Ja in Gottes Namen, sollen wir uns den Mund zukleben, und auch noch die Augen? Das russische Fernsehen scheint damit gut zu fahren, aber für meine Kollegen und mich kommt es nicht in Frage.

Was sind die Besonderheiten eines deutschen Blicks auf Russische Realität?

Natürlich sind wir von Zuhause – bei allen Probleme, die es gibt, Rechtsstaat und Demokratie gewöhnt, daran, dass jeder gewisse Rechte hat, und auch Pflichten. Und deshalb wundern wir uns dann in Russland, wenn alles nicht so läuft. Bei den Kollegen erlebe ich öfter, dass sie, wenn sie frisch aus Deutschland nach Moskau kommen, anfangs der Propaganda auf den Leim gehen. Sie analysieren dann Putins Reden, wie wenn es die Reden westlicher Politiker wären, und stellen dann ganz erstaunt fest: Ist ja alles prima, was der Mann sagt. Natürlich! Demokratie, Pressefreiheit, Menschenrechte, soziale Marktwirtschaft – alles, was gut und billig ist, lässt sich in Putins reden finden. Nur er sagt das seit 12 Jahren, und tut im Wesentlichen das Gegenteil! Genauso Medwedew – nur dass er gar nichts tut, also wenigstens auch nicht das Gegenteil. Und wir Deutsche nehmen es dann für bare Münze. Gott sei Dank durchschauen fast alle Kollegen, zumindest wenn sie länger da sind, diese Potemkinschen Fassaden. Aber gerade deshalb sind wir so unbeliebt bei der Führung: Während die meisten klatschen, sind wir diejenigen, die schreien: Der König ist nackt. So etwas macht einen nicht beliebt.© Marina Wolosewitsch

Wodurch unterscheidet sich Ihrer Meinung nach Berichterstattung in Russland von der Berichterstattung in Deutschland?

In Russland gibt es einen ganz anderen Begriff von Journalismus als bei uns. Die sowjetische Denkweise steckt tief in den Köpfen der Menschen: Die Presse gilt nicht als vierte Macht, sondern als Befehlsempfänger der Mächtigen, als Transmissionsriemen zwischen Kreml und Bevölkerung. Das gilt offenbar als Naturgesetz, und der Ruf von Journalisten ist kaum besser als der von Vertreterinnen des ältesten Gewerbes der Welt. Und selbst bei den kritischen Journalisten, die es ja auch noch gibt, ist es oft so, dass sie sich weniger als unabhängige kritische Berichterstatter sehen, denn als Kämpfer gegen die Mächtigen – und Schlagaxt der Opposition. Wenn ich in Russland Kollegen erzähle, dass ich berichten kann, was ich will, dass ich keine Aufträge erhalte, wie meine Artikel aussehen sollen, dass ich kein Agent des BND bin, dann schütteln die meisten den Kopf und denken: „Hält der uns für blöd, wenn er uns solche Ammenmärchen erzählt?“ Dass ein Journalist unabhängig sein kann, ist für die meisten Russen genauso wenig vorstellbar wie sich die meisten Deutschen wohl kaum vorstellen können, wie viele Journalisten in Russland brave Befehlsempfänger sind – oder, wie es mal ein Kollege in den 90er Jahren ausdrückte: Kettenhunde, die auf Befehl ihres „Herrchens“ bereit sind, jedem ins Bein zu beißen oder ihn zerfleischen.

Das Interview wurde geführt von Anastassija Filimonowa

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Februar 2012

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