Ich bin dann mal weg...

Mit dem Fahrrad bis ans Ende der Welt

© Richard Löwenherz„Auf dem Fahrrad stört kein Motorenlärm, keine Scheibe kapselt mich von der Außenwelt ab.“ Wenn Richard Löwenherz mit dem Fahrrad durch die Welt reist, empfindet er vor allem eins: Leidenschaft und Neugier. Immer wieder Neues entdecken, besonders bei seinen Reisen durch Russland. Kamera, Tagebuch und Thermometer dürfen nicht fehlen. Seine Touren finanziert sich der 33-jährige Diplom-Geograph durch seine Tätigkeit als Meteorologe bei einer privaten Wetterfirma. Im Interview hat To4ka-Treff den leidenschaftlichen Radler über seine Erlebnisse und Gefühle während seiner Reisen befragt.

© Richard Löwenherz

Was hat die große Leidenschaft zum Reisen mit dem Fahrrad in Ihnen geweckt?

Es hat sich alles schrittweise entwickelt. Mit 13 Jahren legte ich mir ein neues Rad zu (mit dem ich bis heute reise) und fing an, auf eigene Faust die Umgebung zu erkunden, meinen Horizont zu erweitern. Als ich 16 war, begann das große Radeln mit Freunden. Zuerst Tagestouren in die unmittelbare Umgebung: 100km, 200km, 300km. 1998 schafften wir innerhalb 24 Stunden 375km. Die erste mehrwöchige Gepäcktour ging nach Südschweden und hat wohl die Leidenschaft entfacht. Dieses Erlebnis, mit reduziertem Hausrat auf dem Rad so frei und unabhängig zu sein, war sehr beeindruckend für mich. Es hat mich nicht mehr losgelassen, deswegen bin ich jedes Jahr wieder aufgebrochen; 2002 dann das erste Mal nach Nordrussland.

Sie sind durch Russland und Deutschland getourt. Was reizt Sie an den beiden Ländern?

Was mich an Russland reizt, ist das, was ich in Deutschland nicht finde: die endlosen Weiten, die raue Natur, die überaus gastfreundlichen Menschen. Russland ist ein unermesslich großes Land – es vereint die verschiedensten Landschaften und Klimazonen, aber auch eine Vielzahl an Kulturen und Ethnien. Abenteuer sind garantiert. Wenn ich durch Deutschland fahre, dann weil ich Entspannung und Ruhe suche, oder mit Freunden etwas unternehmen möchte. Für längere Touren reizt mich Deutschland weniger, hier hat der Mensch alles im Griff. Unberührte Natur beschränkt sich oft auf kleine Inseln inmitten einer stark besiedelten und bewirtschafteten Landschaft.

Sie reisen allein, oft für mehrere Wochen. Wie fühlt sich das an so ganz allein? Haben Sie manchmal Angst?

© Richard LöwenherzReisen bedeutet Bewegung. Bewegung bedeutet Freiheit von wiederkehrenden, äußeren Einflüssen. Die einzige Konstante, die bleibt, ist man selbst. Wenn ich längere Zeit allein unterwegs bin, habe ich Gelegenheit mich weiterzuentwickeln, über mich hinauszuwachsen. Das gibt mir Kraft und Zuversicht, nicht nur für die Reise selbst, sondern für das ganze Leben. Ängste und Zweifel verschwinden da recht schnell.

Wie reagieren die Menschen, die Ihnen während Ihrer Reisen begegnen?

Erstaunen, Unverständnis, Respekt. Vor allem da, wo Radreisende absolute Exoten sind. Oft werde ich eingeladen und herzlich bewirtet. Besonders in den abgelegenen Gebieten ist die Hilfsbereitschaft sehr groß. Es gibt aber auch Leute, die einfach nur den Kopf schütteln oder mir einen Vogel zeigen. Am meisten Unverständnis aber erzeugt das Reisen im Alleingang, denn in Russland ist es üblich, in der Gruppe unterwegs zu sein.

Wie beschreiben Sie die Beziehung zu ihrem Fahrrad?

Mein Hauptreiserad ist 20 Jahre im Einsatz und wird es auch weiterhin bleiben. Ich hatte es damals für 600 DM erstanden und es hat sich als absolut reisetauglich erwiesen, auch wenn es einige technische Probleme gab. Spätestens nach den ersten Russland-Reisen, die teilweise unter extremen Bedingungen durch schweres Gelände gingen, war für mich klar, dass ich dieses Rad nie einfach so gegen ein neues eintauschen würde. Als ich 2008 die Tretkurbel wechseln lassen wollte, erklärte ein Fahrradmechaniker mein Rad sogar für schrottreif. Natürlich hatte der keine Ahnung – wie sonst hätte ich damit noch durch den Kaukasus und durch den russischen Winter fahren können?

Wo schlafen Sie während der Touren und was essen Sie?

© Richard LöwenherzWenn ich nicht eingeladen werde, übernachte ich draußen unter freiem Himmel. Da habe ich meine Ruhe. Feste Unterkünfte oder Zeltplätze sind nichts für mich, am allerwenigsten Hotels inmitten einer Stadt. Mein Speiseplan ist oft spartanisch: Morgens Haferbrei mit Rosinen, abends Nudeln mit Tütensuppe. Unterwegs gibt’s Brot, Wurst, Trockenobst, Nüsse, Kekse und Schokolade. In Russland auch immer dabei: Prjaniki (traditionelle Lebkuchen) – davon kann ich nie genug bekommen.

Ihr Reisestil hat das Motto: „Low-Budget-Abenteuer abseits ausgetretener Pfade“. Was reizt Sie besonders daran, abgelegene Gegenden zu erkunden?

Es ist die Sehnsucht nach Ursprünglichkeit, die mich in die abgelegenen Regionen zieht – zu den Orten, in denen die Zeit scheinbar stehen geblieben ist, und zu den Menschen, die ihren Alltag noch nach althergebrachter Weise leben. Richtig interessant wird eine Region aber erst, wenn ich trotz umfangreicher Recherchen kaum etwas in Erfahrung bringen kann. So habe ich die Möglichkeit in der heutigen, scheinbar vollständig erklärten Welt, selbst zum Entdecker zu werden.
Sophie Knebel, 24, Hamburg

Copyright: To4ka-Treff
August 2013
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