Kasan

Schnittstelle Kasan

Gefangen in den Netzen der eigenen Geschichte lebt Kasan heute das Leben einer großen, aber dennoch provinziellen Stadt. Mit ihr beginnt für alle die, die sich nach Osten begeben, das „richtige“ Russland.

Am Bahnsteig von Kasan kommt es einem noch so vor, als würde einen am Bahnhofsplatz ein Minarett, Moscheen und nach tatarischer Art bemalte Häuser erwarten. Die Frauen, denkt man, werden wohl Kopftücher tragen und die Männer hohe Tjubetejkas (traditionelle, tatarische Kopfbedeckung, Anm. d. Übers.), und darunter haben sie wahrscheinlich stechende Augen, so wie Präsident Schaimijew. Schließlich ist das hier doch die Hauptstadt von Tatarstans!

Doch diese Illusion verfliegt schnell. Im Koffertrubel blitzen gewöhnliche russische Gesichter auf, und den mit Autos vollgestopften Bahnhofsvorplatz umgeben niedrige alte Häuser im Stil der kaufmännischen Moderne. Nur die weiche Aussprache einiger russischen Wörter, die von den Vorbeigehenden herüberwehen, erstaunt, belustigt und rührt: Da ist er wohl, der tatarische Einfluss!

Identität in Stein?

Wenn man zum ersten Mal an den Fassaden der einander umklammernden Kasaner Gebäude vorbeifährt, verblüfft die Unterschiedlichkeit ihrer Stile. An die ausgeblichenen Wände einer aparten verblassten Hofanlage ist ein abbruchreifes, schwarz gewordenes Holzhaus geklatscht. Hinter ihm: noch so ein einzelnes kaufmännisches Wohnhaus, eine „Stalinka“, ja, ein Verwaltungsgebäude – das Resultat der geometrischen Architektur der 1970er-Jahre. Solche Ensembles gibt es überall. Es ist, als ob die Architekten verschiedener historischer Epochen miteinander gewetteifert und ihre „Prachtstücke“ im vollen Bewusstsein neben die des jeweiligen Konkurrenten aus der Vergangenheit gestellt hätten. Wenn man die Baumannstraße entlang oder um den Kasaner Kreml herumgeht, kann man nicht weniger als zehn architektonische Stile zählen: Russische und islamische Baukunst (die Gebäude und Wände des Kremls), Klassizismus (das Universitätsgebäude) und sowjetischer Neoklassizismus (die Oper), Barock, Empire, Moderne (das Kunstmuseum Tatarstans), Konstruktivismus, die bauklotzartigen Gebäude aus den Sechziger- und Siebzigerjahren und das moderne gläserne High-Tech, das in keinerlei Zusammenhang mit dem Prinzip der Funktionalität steht.

Wenn man sich in solch einem eklektischen Raum aufhält, stellt sich unwillkürlich die Frage: Und wo ist hier die tatarische Identität? Nach dem Verständnis einiger örtlicher Architekten ist die tatarische Identität in der Architektur mit der islamischen gleichzustellen. Das weiße 57-Meter-Gebäude der Moschee Kul-Scharif (der größten in Europa) mit den hellblauen Kuppeln ist ein starkes Beispiel dafür. Dieser Bau beeindruckt in der Tat, aber mit den Tataren wird er überhaupt nicht assoziiert. Kul-Scharif ist eine bewusste, handgemachte Fantasie nach dem Thema östlicher Märchen, die an die bedeutenden Moscheen Ägyptens erinnern soll. Tatarische Moscheen haben dagegen immer zurückhaltend ausgesehen. Der Stil des Gebäudes spielt keine so wichtige Rolle. Die erste steinerne Moschee Kasans, Al Mardschani, offiziell genehmigt von Katharina der Zweiten, ist in Einzelteilen im Stil des provinziellen Barock gebaut. Und das stört sie überhaupt nicht in ihrer religiösen Bestimmung.

Wenn man in alten Alben gräbt und durch verlotterte Seitengässchen geht, begreift man, dass auch die tatarischen Wohnhäuser im alten Kasan nach der geltenden allgemeinen Mode ihrer Zeit gebaut worden sind. Nur die Höfe wurden immer etwas verschlossener und tiefer gemacht, und das Haus war in zwei Teile geteilt: den für Männer und den für Frauen. Die Sockeletage wurde hoch gebaut – dort waren normalerweise kleine Geschäfte und Werkstätten untergebracht. Von Außen wurden die tatarischen Häuser mit Schnitzereien verziert, und im Unterschied zu den analogen russischen Häusern wurden sie in kräftigen Farben gestrichen.

Aber daran erinnert sich die Kasaner Regierung offensichtlich nicht. Im Zentrum der Stadt hat sie ein sogenanntes tatarisches Dorf aufgebaut. Hier kann man auf Bänken vor handgeschnitzten Toren oder auf den Sawalikas (kleine niedrige Fenster mit Holzverkleidung, Anm. d. Übers.) sitzen, Tee trinken und dazu tatarische Blinys mit dem Namen „Koimak“ verspeisen. Über die tatarische Architektur aber sagt das Dorf nichts aus. Die Autoren haben sich wieder einmal ihrer Fantasie bedient. Das „Dorf“ und Kul-Scharif sind Beispiele dafür, wie heute versucht wird, die tatarische Identität künstlich in Holz oder Stein zu schlagen. Aber sollte man das? Oder zeigen nicht genau diese Eklektizität und die architektonische Demokratie Kasans die Originalität und den Charakter der Tataren?

Kreuzung der Kulturen

Auf der Suche nach der tatarischen Identität wenden sich die örtlichen Wissenschaftler gelegentlich von dem unklaren Wort „Tataren“ ab und bestehen auf der Bezeichnung „Bulgaren“. Und hinter diesem hochgeachteten Wort steckt auch der Ursprung der tatarischen Mentalität. Der Wissenschaftler und Theologe Schigabutdin Mardschani, im vergangenen Jahrhundert Namensgeber der steinernen Moschee, hat die Bedeutung des Wortes „Bulgar“ in seinem Buch „Mustafa Al-Achbar“ analysiert. Er hat die These aufgestellt, dass dieses Wort vom Verb „bolgamak“ in den türkischen Sprachen stammt und „Mischung“ oder „Beimengung“ bedeutet. Mardschani zitiert außerdem arabische Reisende, die über die bulgarischen Pilger und Mekka-Besucher schrieben, deren Volk von den Türken und den Saqaliba abstammt (den Slawen und Finno-Uguren).

Die Lage Kasans hat immer eine Überschneidung der Völker, Kulturen und Religionen impliziert, bedeutet also Adaption und Vermischung. Was für eine Art von Identität soll man also in Kasan suchen? Die nationale? – Allerdings wohnen hier mehr als fünfzig Volksgruppen, und die Tataren bilden etwas weniger als die Hälfte der Einwohner der Stadt. Die religiöse? – Doch Kirchen und Klöster gibt es in Kasan nicht weniger als Moscheen, nämlich etwa zwanzig.

Der Ursprung Kasans liegt nicht im Stein und nicht nur in der Religion. Die Mentalität dieser Stadt wurzelt in der Lebensweise der Menschen, in ihren Geschichten und in kleinen Details. Die Kasaner Zeitungskioske heißen nicht „Rospechat“ wie überall sonst in Russland, sondern „Gorpechat“. Der Tee in den Imbissen kostet mitunter mehr als der Kaffee. Im Restaurant wird man sofort gefragt, ob man das Fleisch „halal“ (rein; nach islamischem Recht erlaubt, Anm. d. Übers.) möchte. Und zum Mittagessen kann man die tatarischen Piroggen „Itschpetschmak“ (eine dreieckige Teigtasche mit Fleisch, Anm. d. Übers.) im benachbarten Supermarkt für 20 Rubel das Stück kaufen.

In Kasan hat man Lenin für sich entdeckt, über dessen Kindheit auch heute noch jedes Kasaner Kind referieren kann; Tolstoi, der in dieser Stadt geboren wurde, vielleicht als religiöser Rebell; Maxim Gorki, der als Bäcker in den örtlichen Bäckereien arbeitete. Auch der Geist der wichtigsten tatarischen Dichter wurde Kasan eingehaucht: Nämlich der Gabdulla Tukais und Mussa Dschalilis. Und Nikolaj Lobatschewskij hat genau hier sein berühmtes Prinzip über die nichteuklidische Geometrie der Schnittstelle formuliert.


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Nuria Fatihova, 26,
ist freie Journalistin, Kulturmanagerin und Korrespondentin der Zeitschrift „Tscheljabinskaer Arbeiter“. Momentan bereitet sie sich auf die Verteidigung ihrer Dissertation mit dem Thema Sprachphilosophie vor.

Fotos: Nuria Fatihova, Peter Burdak, Dentel Chon
Übersetzung: Anna Brixa
© To4ka-Treff, Juli 2009