Ich nehm zwei


Eine Nacht im Konsumtempel

Auf der Suche nach einem Milchshake


Die ersten zwei Stunden nach Feierabend sind im Einkaufszentrum die aktivsten. Um 19:00 Uhr verlassen die meisten ihre Arbeit, um die nächsten Stunden ihre Freizeit zu genießen. Die Straßen sind voll mit Feierabendverkehr, die Autos kriechen wie Schildkröten durch die Stadt. Je weniger fahrende Autos auf den Straßen, desto mehr Leute im Einkaufszentrum.

Autos füllen die Parkplätze. Autofahrer kurven auf der Suche nach einem freien Platz möglichst in Nähe des Eingangs ins Einkaufsparadies. Herrenlos und willkürlich stehen Einkaufswagen auf Parkplätzen herum. Die Securitys schaffen es nicht, die Wagen zügig wegzuräumen. Denn kaum ist eine Ladung weg, kommt schon die nächste Einkaufswagenschlange.

Es ist fast sieben Uhr abends. Alle vierzig Kassen in der Lebensmittelabteilung sind voll, die Kunden stehen Schlange. Auch die Mitarbeiter des Foodcourts haben ihre aktivste Arbeitsphase. Nach 18 Uhr kommen viele Kunden, die einfach nur eine Limo oder Tasse Kaffee bestellen und sich damit Zeit lassen. Das führt zu Stau und Kämpfen, um den Plastiktisch und kann mitunter Kunden mit größerer Zahlungskapazität verjagen. Nicht etwa reiche Geschäftsmänner, sondern Familien, die man als Mittelschicht bezeichnen kann. In Weißrussland sind das diejenigen, bei denen wenigstens ein Familienmitglied im Durchschnitt 500 Dollar im Monat verdient. Es ist sinnlos, diese Summe in Rubel oder Euro umzuwandeln, denn nur der Dollarkurs bleibt fast immer einigermaßen stabil. Wenn die Regierung Gehaltserhöhungen verspricht, werden diese auch in Dollar berechnet.

Eine weißrussische Familie aus der Mittelschicht sucht nicht unbedingt immer nach einem Ort, an dem man die ein oder andere Ware am billigsten bekommt, sondern fährt in die Shoppingmall. Solch ein Einkauf ist oft ein Ereignis für die ganze Familie. Schließlich leistet man sich nicht so oft Dinge wie einen neuen Grill oder eine Markenjacke. Und das muss dann auch, wie es sich in Osteuropa gehört, „gefeiert“ werden. Deswegen ist das Bild einer glücklichen Familie, die mit ihren Einkäufen um den Plastiktisch im Foodcourt versammelt sitzt, kein seltenes.

Meine Aufmerksamkeit zieht ein junger Mann auf sich, der verzweifelt nach einem Milchshake sucht. In jedem Imbiss und Restaurant der Essensmeile bekommt er nur entschuldigendes Kopfschütteln als Antwort.

„Wo kommen wir denn da hin! Hier kriegt man ja noch nicht mal einen Milchshake!“, ruft er empört in die Menge hinein und nennt sofort mehrere Restaurantketten, die es hier nicht gibt.

In einem Café erklärt man ihm, dass es zu lange dauert, Milchshakes zu gemachen, und trotzdem nur billig verkauft werden können. Er bekommt die Empfehlung in einem anderen Café vorbeizuschauen, in dem es angeblich Milchshakes gibt. Doch die Schlange dort ist so gigantisch, dass der junge Mann aufgibt.

Was Schnellrestaurants angeht, so findet man hier nur KFC. Einkaufszentren, die sich als „luxury“ und „Premium class“ verkaufen, versuchen natürlich auch die entsprechenden Restaurantketten anzubieten. Wobei es, wie auch schon in den Neunzigern, heißt: Kommt etwas aus dem Westen, ist es toll und privilegiert. Ist es etwas Unbekanntes und kommt aus dem Westen, ist es „das Beste vom Besten“.

Doch de facto interessiert sich eigentlich nur die jüngste Zielgruppe für Marken aller Art. Alle anderen haben zwei Hauptfaktoren bei der Auswahl des Cafés: freie Tische und je näher, desto besser. Sprich, je näher das Café an dem Fahrstuhl oder der Rolltreppe ist, desto attraktiver ist es (aus Kundensicht). Die Realität sieht dann aber so aus: Schüler schlürfen ihre Limo in genau diesen Cafés, während alle anderen weiter nach hinten ziehen.

Mathematische Zeichen und hallende Stimmen


Viele Schaufenster sind zugeklebt mit hässlichen Schildern: „Rabatt 50%“, „Final Sale“, „Sale, sale, sale!“, „Alles muss raus“. Es entsteht der Eindruck, als ob nach 18:00 Uhr die Anzahl dieser Aufkleber auf den Schaufenstern absichtlich zunimmt. Trotzdem werden die Läden dadurch nicht zwingend besser besucht. Parallel tönen Durchsagen aus den Lautsprechern. Auch da geht es um trendige Marken und Rabatte. Die Verkäufer auf den „Verkaufsinseln“ setzen dabei gequälente Gesichter auf, wenn die ersten Worte der Werbung erklingen. Schließlich geht das den ganzen Tag so.

Das Menschliche in Robotern


Ich gehe wieder in die Lebensmittelabteilung und gucke mir die Leute an. Vor dem Obststand ist die Hölle los. Eine Stimme aus dem Lautsprecher verkündet, es gäbe 50% Preissenkung auf Orangen und „andere Früchte“. Ohne eine Tüte Orangen verlässt hier heute keiner den Supermarkt. Diese Verkaufsstrategie klappt nicht mit allen Waren so gut.

An der Kasse höre ich das Gespräch von zwei Verkäuferinnen mit:
„Ich arbeite nur noch 27 Tage hier“, sagt die eine Verkäuferin mit lauter Stimme.
„Hier bleibt niemand lange“, antwortet ihre Kollegin an der Nebenkasse.
„Na, ich bin ja schon seit sieben Jahren hier…Ljudka, hast du deine Haare gefärbt?!“, sagt die Erste.
„Nein, ich war nur in der Sauna“, antwortet Ljudka.

Die Käufer lassen sich von den plappernden Verkäuferinnen nicht verunsichern. Schließlich sind die Kassiererinnen dadurch nicht langsamer. Die meisten bezahlen übrigens mit Kreditkarten. Die wenigsten kramen ihr Bargeld hervor.

Hier gibt es an jeder Ecke Bankautomaten nahezu jeder großen Bank, aber niemand scheint abzuheben. Das erinnert an Kybernetikartikel in sowjetischen Magazinen, als diese Wissenschaft und ihre Anhänger verpönt und verfolgt wurden.

Wir haben immer noch Menschen und keine Roboter, die durch die endlosen Geschäfte der Shoppingmall irren. Obwohl man nach einem Tag im Einkaufszentrum anfängt, daran zu zweifeln.

Der Ort für Streetracer


Punkt 23:00 Uhr schließen sich die Türen des Einkaufszentrums. Fast alle Läden schließen bereits eine Stunde früher. Shopping Malls mit Kinos und Konzertplätzen (der Trend der letzten fünf Jahre) schließen sogar noch später. Die Lebensmittelabteilung hat als letzte Feierabend.

Ungefähr ab zehn Uhr abends werden alle Schilder und Werbebanner beleuchtet. Der Parkplatz ist nahezu leer. Nur noch die liegen gebliebenen Plastiktüten, Plastikbecher und halb aufgegessene Hotdogs erinnern an die konsumfreudigen Menschenmassen. An ihre Stelle treten nun Streetracer. Gleich fünf deutsche Automarken aus den Neunzigern halten mit quietschenden Autoreifen auf der Parkplatzmitte. Die Autotüren gehen auf — Dancemusik dröhnt aus allen Boxen. Ein junger Mann setzt sich in einem alten Siebener BMW ans Steuer und fährt auf dem Parkplatz seine Slaloms. Gut, dass niemand im Weg steht.

„Lässt euch die Polizei hier in Ruhe?“, frage ich einen von ihnen.
Die ganze Truppe entpuppt sich als sehr freundlich und gesprächig. Sie fragen mich aus, ob ich einen Führerschein habe und ob ich nüchtern bin. Schlagen mir vor eine Runde mit ihren Autos zu drehen und zu kiffen. Und ja, die Polizei lässt sie hier in Ruhe.

„Wir sind mit denen (der Polizei) befreundet. Wir bringen den jungen Leuten bei, wie man fährt und aus brenzligen Situationen im Straßenverkehr heil rauskommt“, sagt einer der Männer, der selbst vielleicht gerade mal Anfang 20 ist. „Wir brauchen hier nur den Parkplatz, Essen und Trinken holen wir uns an der Tankstelle in der Nähe“.

Dann springt der Jüngling unverzüglich ans Steuer und drückt aufs Gaspedal. Das Auto rast davon. Eine Abgaswolke bleibt zurück. Wie auch alle anderen übt er das „kontrollierte Schleudern“. Und man sieht, dass er in dieser Sache Profi ist.

Der Ort für Handelstechnologien


Der Bau eines Einkaufszentrums oder, wie man früher alle großen Infrastrukturobjekte des Handels genannt hat, „Hypermarktes“, ist im Grunde eine Einsatzfläche für Marketingwaffen. Vielleicht ist das zu bestreiten, aber meist werden Großunternehmen, die solche Objekte bauen, dazu verdonnert der Stadt zu „helfen“. Dafür hat man sich sogar einen Fachbegriff ausgedacht: „Soziale Unternehmensverantwortung“. Oftmals dient dieses Instrument aber auch PR-Zwecken, doch mit Hypermärkten ist alles einfacher: Sie können experimentieren, soviel sie wollen. Ihre Erscheinung ist der Inbegriff kapitalistischer Utopie. Mit anderen Worten — diese Einkaufzentren sind die Herbstpilze der Marktwirtschaft. Je mehr es davon gibt, desto größer erscheint uns die Utopie der Erschwinglichkeit von allem, was das Herz begehrt (oder nicht begehrt). An einem Ort finden wir Birnen aus Belgien, Technik aus Japan, Schmuck aus China. Hier kannst du Lebensmittel für das auch noch so außergewöhnlichste Abendessen kaufen.

Der Handel im Einkaufzentrum ist die mobilste Erscheinung überhaupt. Je nach Marktsituation ändert sich genau hier alles am schnellsten und wird angepasst. Und es gibt bereits die Theorie, dass je schneller Technologien der Neuronenketten und Big Data anfangen zu arbeiten, desto personifizierter wird der Handel und Verkauf. Anfangen könnte das mit personalisierten Club- und Rabattkarten einzelner Shops und Marken. Solche gibt es schon, aber momentan sind sie noch sehr persönlichkeitsorientiert, sondern richten sich eher an eine bestimmte Schicht. Es wird also entweder einen qualitativen Umbruch in dem Bereich oder einen neuen Entwicklungsimpuls geben.
© Andrej Ditschenko

Andrej Ditschenko


Andrej Ditschenko (1988 in Kaliningrad geboren) ist ein weißrussischer russischsprachiger Schriftsteller und Journalist. Er studierte Geschichte an der Staatlichen Weißrussischen Max-Tank-Pädagogikuniversität. Er ist Autor der Bücher „Platten und Lücken“, „Du – mich“ und „Sonnenmensch“. Die künstlerischen Texte des Autors sind Teil des Pflichtprogramms des Literaturkurses mit Schwerpunkt Osteuropa des Swarthmore College (Swarthmore, Pennsylvania, USA). Er hat als Redakteur des weißrussischen Magazins „Ja“ („Ich“) gearbeitet, war stellvertretender Redaktionsleiter der Zeitung „Znamja Junosti“ („Fahnen der Jugend“), Journalist des weißrussischen Magazins „Bolshoj“ („Groß“) und weiterer weißrussischer Medien.

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