Deutschsprachige Literatur in schwedischer Übersetzung

Zwischen Angst und Abenteuer -
Wie man zu zweit Monika Rincks Poesie übersetzt

Monika Rinck, Foto: Timm Kölln

Lyrik zu übersetzen ist eine Herausforderung. Die Gedichte von Monika Rinck zu übersetzen kann sogar Angst machen. Das sagen die Übersetzerinnen Cecilia Hansson und Anna Lindberg, die zusammen Monika Rincks Gedichtsammlung zum fernbleiben der Umarmung (Rámus) übersetzt haben – die erste Sammlung von Rinck, die auf Schwedisch erscheint. In einem Interview mit dem Goethe-Institut Schweden erzählen Hansson und Lindberg, wie sie es geschafft haben, die wilden Wortspiele von Monika Rinck wiederzugeben.Monika Rinck, Foto: Timm Kölln

Die deutsche Dichterin Monika Rinck, Foto: Timm Kölln.

Goethe-Institut: Cecilia, du bist auf Monika Rinck aufmerksam geworden und hast den Plan gefasst, ihre Texte zu übersetzen. Was hat dich besonders gereizt?

Cecilia: Ja, ich habe sie an einem Vorsommertag 2007 „entdeckt”, als Berlins unabhängige Verlage am Literarischem Colloquium in Wannsee zusammentrafen. Es kam mir vor, als wenn alle von Monika Rinck sprächen - die Poetin, die man nicht verpasssen sollte. Als ihr Auftritt an der Reihe war, las sie ganz ruhig aus zum fernbleiben der umarmung. Gedichte über Tiere und Menschen, Liebe und Tod, Philosophie und Alltägliches. Geschrieben mit distanzierter Ironie und dagegen positionierten Ernst, mit linguistisch eleganten Purzelbäumen und Referenzen auf genauso Populärliteratur wie auf Rilke.
Ich war begeistert, gleichzeitig wurde mir ganz schwindelig – das war Philosophie und Poesie, und vielleicht auch Poetik, alles zusammen. Und mit welcher Leichtigkeit die Gedichte geschrieben waren! Plötzlich bekam ich ein Gefühl, als ob die Möglichkeiten der poetischen Sprache unendlich wären, als ob alles auf der Welt und außerhalb es wert wäre, dass darüber gedichtet wird, und als ob es gerade das Gedicht ist, das alles umfassen sollte. Ich musste sie einfach übersetzen.

"Rincks Sprachwelt profitiert von einer Zusammenarbeit"

Abwesenheit der Umarmung, KookbookGoethe-Institut: Wie und wann bist du dazu gestoßen, Anna?

Anna: Im Herbst 2011 fragte Cecilia mich, ob ich Monika Rinck mit ihr zusammen übersetzen wolle, und ich wollte sofort. Ich fand, dass es eine spannende Idee war, zusammen zu übersetzen – die Literatur ist viel zu selten eine Beschäftigung in Gemeinschaft. Cecilia und ich hatten schon früher gegenseitig unsere Texte gelesen und ich glaube, dass wir beide der Meinung waren, dass eine Zusammenarbeit sich lohnen würde.

Cecilia: Als dann schließlich feststand, dass die Gedichte in Schweden herausgegeben werden, bekam ich das Gefühl, mir fehle die Zeit. Ich fürchtete, nicht rechtzeitig fertig zu werden, wenn ich alleine arbeiten würde. Außerdem – und das war der wichtigste Grund – war ich davon überzeugt, dass Rincks Sprachwelt von einer Zusammenarbeit profitieren würde. Die Verspieltheit und Gesprächigkeit, die die Texte prägen, sind in ihrer Tiefe leichter zu erreichen, wenn es zwei sind, die assoziieren, spielen und sprechen. Darüber hinaus war es selbstverständlich, eben mit Anna zu arbeiten. Wir teilen Erfahrungen, die viele unterschiedliche Bereiche abdecken, und wir haben ein ähnliches ästhetisches Verhältnis zu Texten.

Anna: Ich sehe das genauso. Wir haben eine ähnliche Ästhetik. Ich denke, dass wir beide Klarheit und Körperlichkeit an Texten schätzen. Es war wohl eine Voraussetzung für die Zusammenarbeit, zu wissen, dass wir eine gemeinsame Basis haben.

Zwei Übersetzerinnen, ein Auftrag

Goethe-Institut: Wie habt ihr die Übersetzung praktisch gehandhabt? Habt ihr während des gesamten Prozesses nebeneinander gesessen und gemeinsam übersetzt?

Anna Lindberg,Cecilia Hansson, Foto: Bernhard HagenCecilia: Ich hatte schon vorher mit vielen der Texte gearbeitet, unter anderem wurden einige Gedichte in den Zeitschriften Pequod und Lyrikvännen publiziert. Aber als Anna und ich anfingen zusammenzuarbeiten, ließen wir hinter uns, was ich vorher schon erarbeitet hatte und nahmen uns als Anfang jeder eine Hälfte der Gedichtsammlung vor.

Anna: Ich war damals noch Studentin an Södertörns literarischem Übersetzerseminar und das nutze ich aus, indem ich meine Übersetzungen den anderen Kursteilnehmern zur Prüfung überließ. Als wir beide mit unserem Teil fertig waren, begannen wir intensiv mit unseren Übersetzungen zu arbeiten, sie zu redigieren und zu diskutieren. Das letzte – und vielleicht das wichtigste war, die Gedichte einander laut vorzulesen. Weil wir zu den Sichtweisen von vielen unterschiedlichen Lesern Stellung nehmen mussten, war es wichtig zusammen einen gemeinsamen Ton zu modellieren.

Cecilia: Uns die Gedichte gegenseitig laut vorzulesen, erlaubte uns, sich in Rincks Sprache einzuhören. Wir merkten es sofort körperlich, wenn da etwas im Umgangssprachlichem oder Rhythmischen harkte. Manche der Gedichte sind wir so oft durchgegangen, dass sie unser Hörgedächtnis nie verlassen werden.

Monika Rinck kommt nach Schweden - Gespräch mit Cecilia Hansson

24. Oktonber 18 Uhr, Stockholm
Bibliotekets Bokbazar, Stadsbiblioteket Stockholm, Eintritt frei
Im Gespräch mit Cecilia Hansson und Stefan Ingvarsson

25. Oktober 20 Uhr, Malmö
Stanza, Inkonst Malmö, Tickets über Inkonst
Gemeinsam mit der deutschen Dichterin Anja Utler, Christian Hawkey (USA) och Dragana Mladenovic (Serbien)

26. Oktober, Göteborg
Poesifestival Göteborg, Tickets über Poesifestival Göteborg 

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Wie übersetzt man "nutten zur literatur"?

Goethe-Institut: Rincks Texte sind voller intertextueller Anspielungen, sprachlicher Experimente und, wie du schon gesagt hast, Cecilia, Referenzen auf Philosophie wie Populärkultur! Wie schwer war es, eine solche „poeta docta“ zu deuten?

Anna: Rinck zu übersetzen war ein Abenteuer –extrem bereichernd und sehr beängstigend. Manchmal fühlte es sich nahezu unmöglich an, ihre wilden Sprachspiele wiederzugeben. Ein Beispiel ist das Gedicht NZL, eine Abkürzung von Adornos Noten zur Literatur. Das Gedicht beginnt mit einem Scherz in einer Vorlesung: "nutten zur literatur. keiner lachte. / note to self: never make that joke again." Hier spielt Rinck auf Adornos Buchtitel an, indem sie „Noten“ gegen „Nutten“ austauscht. Man kann sich vorstellen, dass die Zeile sich auf die Studenten als „Huren“ der Literatur bezieht. In der ersten Version haben wir den Titel und den deutschen Scherz beibehalten. Wir dachten uns, dass es unmöglich zu übersetzen sei und dass der Leser, der sich in der deutschen Literaturgeschichte auskennt, das verstehen könnte und alle anderen sich dann eben damit begnügen müssten.
Aber nachdem wir das Gedicht zusammen viele Male hin und her gewälzt hatten, sind wir auf eine andere Lösung gekommen, die sich auf der Linie von Rincks eigenem Sprachgebrauch bewegt und auch denselben Sprachklang wie „Nutten“ hat. Der neue Titel wurde zu „egna anteckningar“ („Eigene Aufzeichnungen“) und die einleitenden Zeilen zu "noteringar för muttor. ingen skrattade. (Noten zur Muschi) / note to self: never make that joke again." Wir haben uns also dafür entschieden, einen Schritt vom Deutschen abzurücken und etwas zu machen, dass nach unserer Ansicht auf eigenen Beinen stehen kann. Eben solche Lösungen wären schwieriger zu finden und zu wagen, wenn man allein übersetzt.

Cecilia: Ja, die Angst, etwas zu übersehen oder etwas Wesentliches missverstanden zu haben, ist immer da. Um das zu vermeiden, haben wir gegen Ende der Arbeit sogar einen Sprachprüfer einberufen, einen deutschsprachigen Literaturprofessor, der außerdem viel von Rinck hält. Über ihn hinaus hatten wir noch andere Leser aus unterschiedlichen Bereichen, die andere Perspektive mitbrachten.

"Wir haben uns nicht geschlagen gegeben" 

Till omfamningens frånvaro, Foto: RamusGoethe-Institut: Werdet ihr beide noch einmal zusammen übersetzen?

Cecilia: Ja, ich bin mir sicher, dass Anna und ich noch einmal zusammenarbeiten werden. Die Erfahrung, dass man mit gemeinsamer Kraft so tief in die Gedichte hineinkommt, war prägend für uns beide. Wir haben uns durch mehrere Schichten aus Sprache, Klang und Willen gearbeitet. Wir haben uns nicht geschlagen gegeben, bevor wir wirklich zufrieden waren mit unserer Wahl von Bedeutung, Ton und Rhythmus. Es ist klar, dass wir diese Erfahrung nicht so einfach vergessen können.

Anna: Dem stimme ich voll zu. Es war eine wichtige Erfahrung auf vielen Ebenen. Wir hatten viel Spaß während der Arbeit und gleichzeitig vermittelte sie uns ein Bewusstsein dafür, dass die eigenen Lösungen nicht selbstverständlich sind. Ich glaube, dass wir gelernt haben, besser zu artikulieren, warum man das eine oder das andere findet. Es wäre toll, in der Zukunft noch einmal zusammenzuarbeiten!

Das Interview führte Stefan Pluschkat, Leiter der Abteilung Information & Bibliothek am Goethe-Institut Schweden.

Oktober 2012.

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