Briefwechsel

Vasyl Lozynskyi
Vasyl Lozynskyi
30.01.2012
Liebe Uljana,

es war sehr schön, wie Du auf dem Paul-Celan-Festival Meridian Chernowitz Deine Gedichte vorgelesen hast und dass wir uns dort treffen konnten.

In Fortsetzung unseres Gesprächs, das wir nach der Lesung im September 2011 geführt hatten, kann man konstatieren, da sich die politische Lage in der Ukraine verschlechterte und die bösen Prophezeihungen von damals Wirklichkeit geworden sind. Die neue Macht sorgt für neue Skandale, über die ich meistens durch Internet erfahre, die einen gruseln und auch verwirren: Es gab gerade wieder Zensurfall in der Literatur aus politischen und moralischen Gründen. Die Mitglieder der vorherigen Regierung sind wegen Machtmissbrauchs im Gefängnis. Oft passieren aber Missbräuche auf den niedrigsten Machtstufen (dazu gab es schon 2010 eine Veranstaltungreihe „Gerichtsexperiment“, an der ich auch teilgenommen habe).

In der Wahl zwischen Politischem und Ästhetischem ist in dieser Situation beides anzustreben, das ist klar. Die Debatte um Wähler, die „gegen alle” abstimmten, war hier heftig. Die Mikropolitik mit eigenen Strategien unterscheidet sich vom Handeln der Businesseliten, die jedes Medium (außer vielleicht das Internet) mit ihrn eigenen ökonomischen Zielen nutzen und auch entfremdete Bürger nicht miteinbeziehen.

Es ist sehr treffend, wie Du in Deinen Gedichtband “falsche freunde“ formal experimentierst und zugleich gesellschaftskritisch vorgehst. So z.B. in dem ALIEN-Zyklus, der einer alphabetischen Checkliste mit Kranheiten oder Gebrechen, folgt, die amerikanische Inspektoren bei Immigranten in Ellis Island aufspürten, oder im DICHTionary mit den falschen Freunden des Übersetzers.

Ich finde Deine Sekundärliteraturliste am Ende des Buches sowie die Epigraphen aus medizin-historischen und historischen Werken oder allerlei Anleitungen für moderne Sicherheitssysteme und Grenzkontrollen sehr interessant. Dazu möchte ich noch im Hinblick auf die Poesie von Ernst Jandl, seiner Forderung „durch Nicht-Können zur Kunst!“ und nicht-literarischen Methode, Deine Meinung über möglichen Zusammenhänge zwische Dichtung und Dokumentation fragen.

Herzlich,
Vasyl

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