Briefwechsel

Vasyl Lozynskyi
Vasyl Lozynskyi
25.02.2012
Liebe Uljana,

vielen Dank für den so umfangreichen Brief und die Fragen, auf die ich leider nicht alle antworten kann.

Vielen von den Fragen sind fundamental: Sie hinterfragen und reflektieren das Projekt. Wir haben auch über die Vermeidung institutioneller Hierarchie nachgedacht, vor allem was das Kommentieren angeht, doch die Navigation auf der Webseite des Goethe-Instituts ist besser als auf einem Blog. Dass der Brief nicht mit der Hand geschrieben ist und nur mit einem Stempel versehen (obwohl mit der Postamtnummer darauf, über die es einmal hergeleitet wurde), gar ohne Briefmarke, wie es manchmal bei Betriebsversand passiert, ist als Ökonomie und zeitgemäße Form zu verstehen. Das Traditionelle daran ist ein Dialog in Briefform und in der Zeit verlängert, der sich genauso wie die Buchkultur von der heutigen Geschwindigkeit der Internetkommunikation unterscheidet.

Der Winter ist inzwischen wärmer, aber Frühling ist noch nicht da.

Gerade gestern wurde, nach einer neulich geschlossener Ausstellung „Ukrainisches Körper“, die im Forschungszentrum für visuelle Kultur an Kyiver Mohyla-Akademie gezeigt wurde, auch das Zentrums selbst von der Universität geschlossen. Das VCRC war seit einigen Jahren eine Plattform für eine kritisch denkende neue linke Generation von Wissenschaftlern und Künstlern mit zahlreichen internationalen Ausstellungen, Diskussionen, Filmvorführungen und Konferenzen (ein Link auf ihre Veranstaltungen hatte ich gerade letztens erwähnt).

In solchen Zentren entstehen auch die unabhängigen und alternativen Strategien der Mikropolitik, die ich im letzten Brief erwähnt habe. Ein Netzwerk wird wie ein Rhizom gebildet und ist, wie auch Judith Butler deutlich macht, vor allem von den Medien abhängig, obwohl hinten den Medien ein Körper steht. Unser Briefwechsel und unsere Texte werden durch das Goethe-Institut und ihre Mitarbeiter ermöglicht, die auch diese oder viele andere ähnliche sprachliche Botschaften übertragen.

Das Internet erlaubt die Kommunikation zwischen den Gruppen, wie etwa der Kuratorenvereinigung HUDRADA (Kunstrat), die u.a. über eine E-Mail-Gruppe geschieht. Unser öffentlicher Briefwechsel zwischen DichterInnen aus verschiedenen Ländern und Kontexten hat etwas Kunstmäßiges und Dokumenthaftes, ist aber auch langsam und publizistisch. Manchmal im Hinblick auf aktuelle Ereignisse – dann ist es wie das Zusammenspiel von Verzögerung und Einsicht bei Simultanübersetzungen.

Dein Brief ist nicht briefly geraten (um Deiner Methode der falschen freunde zu folgen), wobei ich damit auch an das Buch von Hans-Ulrich Obrist A Brief History of Curating anspiele, das ein Interview-Buch ist und mich auch zu meinem Projekt inspirierte.

Meine zwei Gedichte und die Mail dazu hatten am Ziel ihr Kontext zu erläutern, den Platz sparend. Ich überlege, was bedeuten die Allusionen auf Märchen und Volksspiele in Deinen Texten? Ist das etwas Folkloristisches, also etwas was überleitet und privat wird? Dann wieder verbreitet und rekontextualisiert? Und was heißt eigene Übersetzung in die Fremdsprache bei der Sprachenvielfalt und wie können die kleinen Sprachen wirken?

Herzlich,
Vasyl

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