Briefwechsel

Uljana Wolf
Uljana Wolf
Brooklyn, 29. Februar 2012

Lieber Vasyl,

verzeih die überlange Posthornbotschaft vom letzten Mal. Ich kam aus diesem Brief so schnell nicht wieder heraus, vielleicht lag es an dem Dämpfer, oder der fehlenden Tinte, der nur simulierten Seitenbegrenzung.

Aber mein Interesse an Brief und Stempel und Marken ist nicht nostalgisch. Eher geht es mir um die Körperlichkeit dessen, was wir tun, und der Dinge, mit denen wir zu tun haben. Um den Körper, der schreibt. Um seine Grenzen, Nähte, Nöte, Ängste, sein Wesen und seine Prothesen. Ich werte Briefe nicht authentischer oder besser als Mails, ich werte sie gar nicht. Mit ist klar, wie wichtig das Internet, Email, Mailinglisten, Facebook, Blogs usw. gerade für die Kommunikation sind, die Du beschreibst, den Austausch zwischen Künstlern, Schriftstellern, Oppositionellen deren tatsächlicher Raum immer stärker beschnitten wird.

Es scheint mir daher wie eine ironische Fortschreibung der Porno-Zensur, dass die letzte Ausstellung in dem Zentrum VCRC, das Du erwähnst, ausgerechnet „Ukrainische Körper“ war. Körper gingen sich Körper anschauen, dann wurde das Zentrum geschlossen. Körper sind unheimlich. Sie haben Rechte. Sogar im Museum. Worum ging es in der Ausstellung?

Wie reagiert die ukrainische Lyrik derzeit auf diese Schließungen, Verschließungen, Schnitte und Beschneidungen?

Du fragst nach den märchenhaften Motiven in meinen Gedichten. Da geht es auch oft um Schnitte, um aufgeladenes Schweigen, um Väter und Töchter, Riegel und Regeln. Mich interessieren die in Märchen tradierten Machtverhältnisse im Bezug darauf, wie sie Kommunikation bzw. Kommunikationsbrüche codieren und Räume abbilden, in denen das scheinbar Private als das Politische entlarvt wird (der Wald der Jagd, der Garten der Nachbarin, der Turm der Jungfrau, Haare ab!)

Was meinst Du in Deiner letzten Frage mit „eigene Übersetzung in die Fremdsprache“? Déjà-vu: Habe ich das letzte Mal schon geschrieben, dass ich das nächste Mal von Übersetzung schreiben würde?

Ich drehe mich um, schaue aus dem Fenster in den Abendregen, ich sehe mir dabei zu, wie ich mir über die Schulter schaue.

So klein ist diese Sprache heute:
Uljana