Lukas Bärfuss

Lukas Bärfuss: Hundert Tage

Rezension

Einen Genozid zu erzählen ist ebenso ein Wagnis wie politische Kritik in einem Roman. Lukas Bärfuss wagt beides. Entstanden ist ein sarkastischer, erschütternder, spannender und politisch anklagender Roman. Die Schweizer Direktion für Entwicklung in Ruanda diente von Anfang an dem Mordsystem, lautet der harte Vorwurf, der in der Schweiz eine heftige Diskussion ausgelöst hat. In der Rahmenhandlung erzählt David Hohl seine Geschichte in einem Schweizer Schneewinter. Das kleine saubere Land in den Alpen ist so idyllisch, wie es immer war. "Nein, wir gehören nicht zu denen, die Blutbäder anrichten. Wir schwimmen darin. Und wir wissen genau, wie man sich bewegen muss, um obenauf zu bleiben".

Bärfuss hat präzise recherchiert. Der größte Teil des Romans konzentriert sich auf die Vorgeschichte der "Hundert Tage". Hintergrundinformationen werden immer in den Erzählton eingebunden. Von dem Grauen selbst erfährt der Leser nur indirekt aus der Perspektive des in seinem Haus versteckten Hohl.

Für westliche Entwicklungshelfer war Ruanda das ideale Land, mit gutem Klima, funktionierendem Staatswesen, mit disziplinierten und lernfähigen Bewohnern. So gab es auf jedem Hügel ein Projekt. Wald wird aufgeforstet, wo er schon unwiederbringlich zerstört ist, ein Schweizer Ingenieur kommt beim Rettungsversuch eines Baumes ums Leben. In Kigali spielen die Entwicklungshelfer und Diplomaten Schnitzeljagd, organisiert von dem zynischen Hedonisten Missland. Heimlich wären sie alle gern näher am "dunklen Afrika": Wir "wünschten uns manchmal, wir hätten uns der Urmutter näher gefühlt, dem dunklen Ursprung, der nicht weit entfernt pulsieren musste. Wir hätten gerne öfter geschwitzt, häufiger das Weiße in den Augen der Menschen gesehen, den Wahnsinn zum Frühstück begrüßt."

In der Ordnung und Bescheidenheit der Ruander erkennen die ahnungslosen Schweizer sich selbst wieder und merken nicht, was sich zusammenbraut. Denn es ist gerade diese Ordnung, die den Genozid ermöglicht. Völkermord kann nur in einem geregelten Staatswesen geschehen, in dem jeder seinen Platz kennt. Analysten sind sich einig, dass der Völkermord in Ruanda eine perfekt inszenierte Aktion war, die eine funktionierende Machthierarchie voraussetzt, kein atavistischer Ausbruch spontaner Gewalt. Im Roman wird dies aber eher behauptet als erfahrbar gemacht.

Entwicklungshilfe ist auf Stabilität ausgerichtet und nützt deshalb immer dem, der an der Macht ist. So war die Schweizer Hilfe von Anfang an im Bund mit den späteren Mördern, ohne sich dessen bewusst zu sein. Man hatte keinen Sinn für die Konsequenzen dessen, was man tat und dachte nicht darüber nach, wem man nützte, weil man sich als unpolitisch verstand. Man half Telefonleitungen legen, durch die später Mordbefehle weitergegeben wurden, man bot eine hervorragende Ausbildung im Radiojournalismus an, so dass die Hetze in gut gemachten Programmen stattfand. Und ein Schweizer, der bis 1993 direkt auf der Schweizer Gehaltsliste stand, war der Berater des Diktators.

Diejenigen, die das Morden hätten vorhersehen können, fliehen rechtzeitig, als es so weit ist. David Hohl will kein Feigling sein, aber als er sich in seinem Haus versteckt hält, wird er abhängig von seinem Gärtner und später von dem jungen Vincent. Beide gehören zu den Mördern. "Ich habe später gehört, wie pflichtbeflissen sie waren, wie ordentlich sie ihr Handwerk erledigten, wie eine gewöhnliche Arbeit, und so, wie sie früher Punkt fünf die Arbeit am Entwässerungsgraben niederlegten, so hielten sie es auch jetzt, bei ihrem Mordhandwerk." Der verletzte Bussard, den Hohl gepflegt hat, frisst sich gesund an Menschenfleisch. Als Hohl das merkt, erschlägt er entsetzt das Tier. Aber er kann nicht mehr vermeiden, dass er immer tiefer in die Komplizenschaft mit den Mördern rutscht.

Nur die Liebesgeschichte mit der Afrikanerin Agathe hinterlässt Ratlosigkeit. Hohl erlebt Agathes Sexualität als fremd, als tierhaft, und ihre Hassausfälle erregen ihn. Soll das nun doch wieder auf Abgründe in der afrikanischen Seele verweisen? Blickt Hohl hier in die Finsternis des archaischen Afrika, nach dem sich die westlichen Ausländer so gesehnt hatten? Man hofft, dass es nicht so gemeint ist.

Ingrid Laurien