Lukas Bärfuss

Hundert Tage

Lukas Bärfuss
Göttingen: Wallstein Verlag, 2008
197 S.
ISBN 978-3-8353-0271-6
Taschenbuchausgabe: btb Verlag, 2010

Ruanda 1990. Der Schweizer Entwicklungshelfer David Hohl kommt voller Ideale in ein ordentliches Land, in die "Schweiz Afrikas". Aber sein Idealismus wird von Anfang an ernüchtert. Seine Arbeit ist Bürokram; fragwürdige Entwicklungsprojekte der Schweizer Direktion für Entwicklung und Zusammenarbeit stützen ein diktatorisches Regime. In der Hauptstadt Kigali, einem langweiligen Kaff, bricht nur Chaos aus, als der Papst im Stadion eine Rede hält. Hohl wird fast von der Menge erdrückt. Im Krankenhaus findet er Agathe wieder, die er bereits vom Brüsseler Flughafen kennt. Eine heftige Liebesbeziehung beginnt. Dann marschieren die Tutsi-Rebellen ein, und der Völkermord kündigt sich an. Agathe, eine Hutu, wird ideologisch infiziert. Hohl bemerkt mit Befremden, dass das seine sexuelle Lust verstärkt.

Als 1994 das Morden beginnt, verlassen die Entwicklungshelfer das Land. Hohl entscheidet sich spontan zum Bleiben und versteckt sich in seinem Haus. Sein Gärtner hortet dort Beutegut, versorgt ihn aber, bis Hohl bemerkt, dass er zu den Mördern gehört und ihn vertreibt. Hohl ist halb verdurstet, als sich Hutu-Milizen in seinem Garten niederlassen und ihm Wasser und Nahrung geben. Als die Rebellen vor Kigali stehen, wird der Gärtner von den Milizen getötet. Hohl verhindert das nicht, obwohl er es gekonnt hätte. Er flieht mit den Hutus in den Kongo. Im Flüchtlingslager organisieren jetzt die Bürgermeister, die das Morden befohlen haben, das Lagerleben. Auch Hohl verteilt Hilfsgüter an die Mörder. Als er hört, dass Agathe, nun eine Anführerin von Mörderbanden, in Goma ist, verschafft er sich durch Korruption Geld, um zu ihr zu reisen. In Goma stirbt Agathe vor seinen Augen an Cholera.

Lukas Bärfuss: Hundert Tage

Einen Genozid zu erzählen ist ebenso ein Wagnis wie politische Kritik in einem Roman. Lukas Bärfuss wagt beides.Mehr ...