Thomas Stangl

    Thomas Stangl: Der einzige Ort

    Rezension

    Timbuktu, goldene Stadt im Herzen Malis. Etymologen sind der Meinung, der Ortsname bedeute "Brunnen der Buktu", denn die Sklavin Buktu soll zur Bewachung eines Brunnens an genau der Stelle des heutigen Timbuktus von Tuareg zurückgelassen worden sein. Andere haben die Herkunft des Wortes mit "weit entfernter Brunnen" erklärt. Der Name der Stadt in all seinen Schreibweisen ist auch heute noch Synonym für einen weit entfernten, exotischen Ort, dessen Existenz zweifelhaft erscheint und so flüchtet selbst Donald Duck regelmäßig nach Timbuktu, wenn ihm zuhause alles zu viel wird. Doch nicht nur moderne Comiczeichner benutzen den Mythos Timbuktu. Der Ort wurde bereits in der Antike und frühen Neuzeit erwähnt: von Herodot, Plinius, Vergil und Leo Africanus. Timbuktu beschäftigte auch verschiedener Afrikaforscher, wie etwa den berühmt-berüchtigten Mungo Park, Leo Frobenius oder Heinrich Barth. Doch der eigentliche Wettlauf nach Timbuktu startet zu Beginn des 19. Jahrhunderts – also noch vor der systematischen Kolonialisierung – mit dem Briten Laing und dem Franzosen Caillié, die fast zeitgleich und doch unabhängig voneinander dorthin aufbrechen.

    Stangl greift in seinem außergewöhnlichen Abenteuerroman auf all diese Geschichten um Timbuktu zurück und breitet das Gewebe der sagenumwobenen Stadt kunstvoll vor dem Leser aus. Er knüpft ein Netz von Räumen, Zeiten und Personen so zusammen, dass vor den Augen des Lesers ein melancholisches Wüstenpanorama entsteht.

    Was die Protagonisten Laing und Caillié vorantreibt, ist vor allem Forscherdrang, gepaart mit Neugierde. Jedoch vernimmt der Leser auch immer wieder – mehr oder weniger verdeckt – Eroberungslust, Machtwille und Erfolgsgier, und das nicht nur bei den beiden Protagonisten: vor allem Laing wird von unterschiedlichen Repräsentanten Europas umzingelt. Und über historische Rück- und Vorgriffe stellt Stangl die Geschichte unterschwellig in das Umfeld des beginnenden Kolonialismus und den europäischen und amerikanischen Bestrebungen nach kolonialer Vormachtstellung und dementsprechenden Handelsinteressen.

    Der Engländer Laing hat zwar das gesamte Empire hinter sich, wird aber dadurch von Formalitäten und weiteren unerklärlichen Verzögerungen (darunter auch Korruption) aufgehalten. In seine Reise, die eher einem Warten gleichkommt, mischen sich Spekulationen, Vorahnungen und Verdächtigungen. Während er im Haus des Konsuls den Aufbruch erwartet, entspannt sich eine zurückhaltende viktorianische Liebesromanze zwischen ihm und der Konsulstochter Emma. Laings Erzählstrang ist vor allem durch Geschichten geprägt, die sich um ihn herum aufbauen.

    Caillié hingegen erdichtet sich während seiner Reise selbst. Um sein fehlerhaftes Arabisch zu verbergen und sich die Reise ins verbotene Timbuktu zu ermöglichen, gibt er sich als Abdulah aus, der aus Frankreich geflohen ist, um seine vermeintliche Heimat aufzusuchen. Doch auch wie Laing wird Cailliés Reise von Verdächtigungen geprägt, die aus seiner Angst, entlarvt zu werden resultieren.

    Beide sind und bleiben Außenseiter ihrer, aber auch der fremden Gesellschaft, in der sie sich zu bewegen versuchen.

    Stangl mutet mit seiner "sadistischen Lust am Detail" seinem Leser einiges zu: "quälend langsam" wird die Reise der beiden vergessenen "Erstentdecker" Timbuktus beschrieben. Zudem ist der Roman nur grob gegliedert: er folgt einer klassischen Dreiteilung, wobei jedem Teil ein Motto vorangestellt wird. […] Ungewöhnlich ist, dass es in dem ganzen Roman keine direkte Figurenrede gibt. Alle Dialoge und Gespräche werden in indirekter Rede wiedergegeben, wodurch der Roman eher wie ein sehr langes Prosagedicht wirkt.

    Befremdend ist auch die wechselnde Perspektive, aus der berichtet wird. Abwechselnd werden die Erlebnisse Laings und Cailliés erzählt, wobei manchmal erst nach einigen Seiten klar ist, ob nun gerade von dem Briten oder dem Franzosen die Rede ist. Allerdings gelingt es Stangl auf diese Weise, die beiden Entdeckungsreisen, die ja zeitlich nicht synchron verlaufen, miteinander in Beziehung zu setzen: Immer deutlicher erkennt man, wie beide Schicksale miteinander verwoben sind, obwohl sich Laing und Cailliés niemals begegnet sind.

    Wenn man sich auf diesen Rhythmus von Stangls Sprache einlässt und auch darauf, dass Zeit in diesem Roman keine Rolle […] spielt, kann man sich von der leicht melancholisch musikalischen Sprache treiben lassen. Die Romanwelt, die Stangl entwirft, erscheint einem so als bunter Teppich, in dem Geschichten und Schicksale um die geheimnisvolle Stadt Timbuktu kunstvoll miteinander verwoben sind.
    Kira Schmidt, 2010