Auf dem Strom

Inhalt

Hermann Schulz (Text)
Wolf Erlbruch (Illustrationen):
Auf dem Strom
Hamburg: Carlsen Verlag, 1999
136 S.
ISBN 3-551-58035-9

Hermann Schulzs Roman spielt in der britischen Kolonie Tansania, in den 1930er Jahren. Friedrich Ganse, ein deutscher Missionar, kommt von einer Reise zurück und steht vor den Scherben seines Familienlebens: Seine Frau ist an einem tödlichen Fieber gestorben, und auch seine Tochter Gertrud ist schwer krank. Leute aus dem Dorf haben sich um das Mädchen gekümmert. Sie raten dem völlig apathischen Ganse, das Kind auf schnellstem Weg in die Stadt zu bringen, in ein europäisches Krankenhaus.

So sitzt er bald in einem kleinen Einbaum, um seine Tochter den Fluss hinunterzurudern, bis zur nächsten größeren Stadt. Die Reise dauert 5 Tage und 5 Nächte. Nachts legt Ganse am Ufer an, um seine Vorräte aufzufüllen und einen Platz zum Schlafen zu finden. Obwohl er kein Geld bei sich hat und keine der afrikanischen Sprachen spricht, auf die er unterwegs trifft, wird der weiße Missionar überall gut aufgenommen, seine Tochter mit einheimischen Medikamenten und Kräutern gepflegt. Das Mädchen ist fast gesund, als die beiden schließlich in der Stadt ankommen.

Das Ende des Romans bleibt offen, doch Vater und Tochter überlegen, in Tansania zu bleiben. Damit sind sie nicht alleine - bei ihren Nächten im Busch treffen sie auf den deutschen Geologen Goldschmitt, der eine Afrikanerin geheiratet hat, und später auf eine in Europa geborene Afrikanerin, die in ihre Heimat zurückgekehrt ist. Ihre Eltern waren als lebende Exponate für die kolonialen Völkerschauen nach Deutschland verschleppt worden. Über diese beiden Figuren, deren historische Vorbilder im Nachwort ausdrücklich genannt sind, rückt unaufdringlich auch die deutsche Kolonialgeschichte in Afrika in den Blickpunkt der Handlung.

Sonja Lehner

    Kommentar

    Hermann Schulz: Auf dem Strom

    Hermann Schulz beschreibt in seinem Roman eine existenzielle Situation, in der ein Mann sein Leben überdenkt und ein neues, enges Verhältnis zu seiner Tochter aufbaut. Alleine und ohne Geld reisend, ist er gezwungen, den Afrikanern zu vertrauen, die ihn unterwegs aufnehmen. Mit Ganse bekommt auch der Leser einen ganz neuen Einblick in afrikanische Spiritualität und Kultur, jenseits exotistischer Klischees.

    Ganses Reise auf dem Fluss spielt in Tansania, doch sie erinnert stark an Joseph Conrads Kongo-Roman Heart of Darkness (Herz der Finsternis), einen englischen Afrika-Klassiker aus dem Jahr 1902. Die Perspektiven jedoch, die beide Autoren in ihren Büchern entwickeln, könnten gegensätzlicher nicht sein: Auch Conrad war kolonialismus-kritisch, doch sein Roman spiegelt die koloniale Vorstellung Afrikas als eines "dunklen" Kontinents - die Reise aus der Kolonialsiedlung in den afrikanischen Busch, das koloniale Abenteuer insgesamt münden in Wahnsinn und Verzweiflung. Hermann Schulz' Hauptfigur reist in umgekehrter Richtung, aus dem Urwald an die Küste, in die nächste Stadt. Ironischerweise ist die Zivilisation bei seiner Ankunft bereits weitergezogen, das Krankenhaus existiert nicht mehr. Doch weder der deutsche Missionar noch seine Tochter brauchen für ihre Heilung die Segnungen der europäischen Medizin oder Kultur: Es ist das afrikanische Umfeld, das Gertrud gesund pflegt und Ganse hilft, seine Lebenskrise zu überwinden. In der endlosen Zeit auf dem Fluss und bei seinen Übernachtungen im Busch lernt der Deutsche die Wärme und die Gastfreundschaft schätzen, mit der man ihm begegnet, und er beginnt, die Werte der Zivilisierung und Missionierung in Frage zu stellen, mit denen er nach Afrika gekommen ist. Auch der vermeintliche Aberglaube, mit dem man seine Tochter behandelt, erweist sich bald als eine europäische Erfindung: Die Hahnenkralle an Gertruds Hals ist nur ein Kommunikationsmedium, sie steht für den Namen der Krankheit, gegen die man das Mädchen behandelt hat.

    Ganses neues Ideal eines pragmatischen, an den Bedürfnissen vor Ort orientierten Engagements in Afrika lässt sich in die Vision einer alternativen Entwicklungszusammenarbeit überführen. Voraussetzung dafür ist eine Abkehr von vorgefassten Meinungen und Kategorisierungen, also eine neue Demut und Bescheidenheit, wie sie Chinua Achebe, der Friedenspreisträger des deutschen Buchhandels (2002) und andere Verfechter eines alternativen Dialogs immer wieder gefordert haben.

    Sonja Lehner

      Links

      Carlsen Verlag   deutsch

      Verlagsseite zum Buch mit Kurzbeschreibung

      Süddeutsche Zeitung   deutsch

      Rezension von Heribert Prantl, 10.05.2006