Kain und Abel in Afrika

Inhalt

Hans Christoph Buch:
Kain und Abel in Afrika
Berlin: Verlag Volk und Welt, 2001
221 S.
ISBN 3-353-01170-6

Hans Christoph Buchs "Roman", wie er seinen Text im Nachwort selbst nennt, verschränkt zwei historische Ebenen miteinander, die in insgesamt sechs Kapiteln abwechselnd und weitgehend unvermittelt gegeneinander gestellt sind. Die erste Ebene besteht aus den dokumentarischen, tagebuchähnlichen Aufzeichnungen dreier Reisen nach Ruanda und Zaire, die der Autor zwischen 1995 und 1997 im Auftrag einer großen deutschen Wochenzeitung unternahm. In ihnen berichtet er über die ethnischen Auseinandersetzungen in Ruanda und Burundi, sowie die Machtübernahme Kabilas in Zaire, das inzwischen in "Demokratische Republik Kongo" umbenannt wurde.

Die zweite Ebene des Textes besteht aus einer literarischen Autobiographie des Afrika-Forschers Richard Kandt, den Buch auf der Basis historischer Aufzeichnungen verfasste. Kandt bereiste 1897/98 die gleiche Region, in der 100 Jahre nach ihm der deutsche Schriftsteller unterwegs ist, und wurde 1905 zum ersten Kolonialverwalter in Ruanda ernannt. Auf der Gegenwartsebene des Textes beschreibt Buch die Spannungen zwischen Tutsis und Hutus, die sich nach dem Massenmord in Ruanda in den Flüchtlingslagern der Nachbarländer fortsetzen. Der Leser erlebt Grausamkeit und Willkür der burundischen Tutsi-Soldaten, die die Zugänge zu den Lagern kontrollieren, aber auch der Hutu-Milizen, die innerhalb der Lager den Ton angeben.

Darüber hinaus reflektiert Buch seine Rolle als westlicher Journalist in Afrika, die Motivationen für seine Reise. Er beschreibt den Gegensatz zwischen den gepflegten Hotels, in denen er absteigt, und der Situation in den Flüchtlingslagern, seine innere Abwehr gegen die Berichte von Überlebenden der Massaker, die jede Vorstellungskraft sprengen. Selbstkritisch erkennt er schließlich, dass eine journalistische Beschreibung den Ereignissen und ihren Opfern nicht gerecht werden kann und wechselt daher zu einer fiktionalen Verarbeitung seiner Erlebnisse. Diese Überlagerung zweier zeitlicher Ebenen in Buchs Roman, ergänzt durch autobiographische Reflexionen der beiden Ich-Erzähler, zeichnet ein vielschichtiges Bild von 100 Jahren Afrika und macht einige der Ursachen für die Konflikte der Gegenwart deutlich.

Sonja Lehner

    Kommentar

    Hans Christoph Buch: Kain und Abel in Afrika

    Buchs Wechsel zwischen dokumentarischer Berichterstattung und einer fiktionalen Verarbeitung seiner Erlebnisse in Afrika erinnert an eine These, die der nigerianische Autor Wole Soyinka in seinem jüngsten Essayband "Die Last des Erinnerns" (2001) aufgestellt hat: Im Vergleich zu dokumentarischer Beschreibung und selbst juristischer Verfolgung erweist sich die Literatur immer wieder als ein effizienteres Medium zur Verarbeitung traumatischer Erfahrungen. "Kain und Abel in Afrika" leistet Trauer- und Erinnerungsarbeit für die Opfer des Völkermords in Ruanda und klärt die Leser gleichzeitig über einige der zentralen Ursachen dafür auf.

    Mit dem Hinweis auf den biblischen Bruderzwist, der dem Buch seinen Titel gibt, geht der Autor von der Afrika-Berichterstattung der Medien aus, in denen der afrikanische Kontinent häufig als ein Krisenherd erscheint, dessen Probleme weitgehend hausgemacht sind. Der Rückblick in die deutsche Kolonialgeschichte macht die europäische Mitverantwortung an diesen innerafrikanischen "Stammesfehden" sichtbar, und warnt vor dem Fehlschluss, diese gingen Europa nichts an.

    Eine interessante Parallele zwischen den Afrika-Reisen des modernen Journalisten und den kolonialen Forschungsreisen Richard Kandts deutet sich in ihrer Begründung für den Afrika-Aufenthalt an: In beiden Fällen sind die Reisenden auch von Europamüdigkeit, der Flucht vor persönlichen Problemen motiviert, und auf der Suche nach Heilung, oder zumindest Ablenkung. Buchs Roman zeigt, dass diese Suche nach dem ganz anderen sich nicht erfüllen kann, weil es eine Erfindung des europäischen Denkens selbst ist: Die strikte Trennung von Ich und Anderem, Eigenem und Fremden ist eine Fiktion, die mit Gewalt hergestellt und bewahrt werden muss. Das Beispiel Kandts macht deutlich, wie falsche Erwartungen in Desillusionierung münden, die schließlich dem Objekt der Sehnsucht selbst angelastet wird. So schlägt auch die moderne Afrika-Begeisterung im Kontakt mit der Realität häufig in Rassismus um. Die so genannte Dritte Welt muss "der blinde Fleck, das Verdrängte, die Unterwelt" bleiben, wie es auch auf dem Klappentext des Buches heißt: "Um Europa, um unserer abendländischen Zivilisation willen."

    Buchs Roman ist in seiner Beschreibung der Grausamkeiten und des Flüchtlingselends in Zentralafrika nicht einfach zu lesen. Seine komplexe Darstellung der zentralafrikanischen Konflikte und seine selbstkritische Analyse des europäischen Afrika-Diskurses leisten jedoch einen wichtigen Beitrag zu einer Überwindung des kolonialen Blicks, den der Autor in seinen literarischen wie wissenschaftlichen Publikationen immer wieder thematisiert.

    Sonja Lehner

    Links

    Literaturkritik.de   deutsch

    Rezension von Peter Mohr, Literaturkritik.de Nr. 4 (April) / 2001

    Lyrikwelt.de   deutsch

    Besprechung von Fritz Rudolf Fries, Frankfurter Rundschau, 26.05.2001

    Perlentaucher   deutsch

    Kommentierte Rezensionen aus diversen Zeitungen