Inhalt
Tintenpalast
Berlin: Berlin-Verlag, 2000
330 S.
ISBN 3-8270-0361-X
Taschenbuchausgabe:
Berliner Taschenbuchverlag, 2003
Henry Magdaleni ist ein 17 Jahre alter Jugendlicher, der in Blubars in der Deutschen Demokratischen Republik lebt. Er hat enorme Schwierigkeiten, sich in seinem soziokulturellen Umfeld durchzusetzen. Ausgeschlossen und an den Rand gedrängt, führt er das Leben eines Paria. Er ist verliebt in die Schwestern Beatrice und Ursula Rotuma, aber er kann sich nicht zwischen den beiden entscheiden, was ihn in den Augen ihrer Familie in Verruf bringt. Um diese Integrationsschwierigkeiten zu überwinden, führt Henry ein Tagebuch mit dem Titel "Tintenpalast". In diesem Buch schafft er sich schreibend ein Universum, das ihn vor der harten Realität abschottet. Leider ist diese bedrückende Wirklichkeit ständig gegenwärtig. Deshalb versucht Henry nach dem Fall der Mauer im Jahr 1989 sein Glück in Westberlin.
Als er zehn Jahre später nach Blubars zurückkehrt, ist seine vertraute Umwelt verschwunden: seine Mutter ist gestorben und auch die Familie Rotuma existiert nicht mehr. Der Besuch bei seinem alten Leidensgefährten Simon endet im Streit. Aus diesem Grund verlässt er Ostdeutschland und begibt sich nach Namibia, wo sein Großvater einst unter der Fahne der deutschen Kolonialarmee gedient hatte. Das namibische Abenteuer bedeutet eine weitere Herausforderung: Als Hunger, Durst und das Wüstenklima Henry auf eine harte Probe stellen, schöpft er seine ganze Lebensenergie aus seinem Tagebuch. Außerdem wird er in Swakopmund Opfer einer Geiselnahme durch Simon, der von der verstorbenen Witwe Rotuma den Auftrag zu seiner Ermordung erhielt. Glücklicherweise kommt in der Wüste, in die Simon ihn verschleppt hat, ein Wirbelsturm auf und begünstigt so die Flucht Henrys. Dieses Wunder ermöglicht es ihm erstmals, eine Harmonie mit sich und seiner Umwelt zu finden. In dem ausgetrockneten Bett des Flusses Orange wirft er sein Tagebuch weg. Diese Geste symbolisiert den Anfang eines neuen Lebens.
Kommentar
Olaf Müller: Tintenpalast
In diesem Text erscheint Afrika wie ein Zufluchtsort für Henry. Doch auch hier ist er nicht in Sicherheit, denn er lebt in ständiger Furcht, in Swakopmund seinem alten Bekannten Simon zu begegnen, der den Auftrag hat, ihn umzubringen. Die Anwesenheit Simons in Afrika versinnbildlicht das Wiederaufleben einer Vergangenheit, von der Henry sich lösen will. Er möchte die Brücken zu seinem alten Umfeld, das lange Zeit dazu beigetragen hat, ihn zu verschlingen, völlig abbrechen. Dennoch erscheint Afrika hier nicht als ein paradiesisches Universum: es ist nur ein Notbehelf, ein Ausweg für ein Individuum, das Mühe hatte, sich in seinem soziokulturellen Umfeld zu integrieren. Die Haltung eines anderen Deutschen, der in Namibia lebt, unterstreicht diesen Eindruck. Dieser Geschäftsmann heißt Rudolf und ist Eigentümer des Hotels "Rudolf Antik" in Swakopmund. Er interessiert sich nur für die Diamanten Namibias. So lässt sich das Bild Namibias als "Diamantenland" zeichnen. Letzten Endes ist Henry weniger an Afrika interessiert als vielmehr von dem Wunsch besessen, das Gegenstück zu einem menschenfeindlichen System zu finden, welches den Einzelnen zermalmt. Daher ist Olaf Müllers Roman Ausdruck der Ablehnung eines bestimmten Europas, wobei die hemmungslose Afrika-Suche hierfür nur ein Vorwand ist.










