Urs Widmer

Im Kongo

Urs Widmer
Zürich: Diogenes Verlag, 1996
214 S.
ISBN 3-257-06116-1
Taschenbuchausgabe: Diogenes Verlag, 1998

Der Roman beginnt und endet in der demokratischen Republik Kongo, dem ehemaligen Zaire des Diktators Mobutu. Die Hauptfigur des Romans, Kuno, sitzt im afrikanischen Dschungel, wo er innerhalb von drei Tagen und drei Nächten seine Lebensgeschichte auf einem alten Laptop festhalten will. In einem ersten Teil der Handlung erzählt Kuno von seinem Leben als Krankenpfleger in einem Züricher Altersheim, in das eines Tages überraschend sein Vater eingeliefert wird, nachdem er seine alte Kriegspistole auf den Postboten abgefeuert hat. Im Heim trifft Kunos Vater seinen lange verloren geglaubten Jugendfreund Fritz Berger. Die beiden eröffnen dem verblüfften Kuno, dass sie im Zweiten Weltkrieg mit den deutschen Nationalsozialisten zusammengearbeitet hätten.Die Geschichte der beiden alten Männer, die sich an ihre Vergangenheit erinnern, stellt den zweiten Teil des Textes dar.

Im dritten und letzten Teil des Romans schließlich reist Kuno selbst in die Vergangenheit zurück. Der Nazi-Sympathisant und Brauereibesitzer Anselm Schmirhahn schickt ihn in den Kongo, um nach Kunos ehemaligem Freund Willy zu suchen, der dort eine seiner Brauereien leitet und zu dem er keinen Kontakt mehr bekommt. Willy ist ein Freund Kunos, der einst mit Kunos Jugendliebe Sophie verschwunden war. Kuno hat ihn seit 37 Jahren nicht mehr gesehen. Er reist in den Kongo, um herauszufinden, warum Willys reguläre Überweisungen an Schmirhahn in der Schweiz nicht mehr eintreffen.

Als Kuno die beiden in Kisangani findet, stellt er zu seinem Schrecken fest, dass sowohl Willy als auch Sophie im wörtlichen Sinne des Wortes schwarz geworden sind. Er bleibt eine Weile bei ihnen und besteht einige Abenteuer mit Willy, unter anderem ein rituelles Maskenfest mächtiger "Stammesfürsten" im kongolesischen Urwald - an dem auch die Chefs wichtiger europäischer Unternehmen teilnehmen.

Bei seiner Rückkehr in die Schweiz stellt Kuno fest, dass er ebenfalls schwarz geworden ist. Da er als Afrikaner in der Schweiz zu viele Schwierigkeiten hat, entschließt er sich dazu, in den Kongo zurückzukehren. Ironischerweise gewinnt er zuvor noch die Zuneigung der schönen Anna, Oberschwester in dem Altersheim, in dem er früher gearbeitet hatte. Als Kuno noch weiß war, hatte sie ihn stets abgewiesen: "Da können Sie warten, bis Sie schwarz sind!" (S. 18). Jetzt verliebt sie sich in Kuno und gesteht ihm, dass sie immer von Afrika geträumt habe. Die beiden emigrieren in den Kongo, wo sie ihr privates Paradies finden und Kuno ein Geschäftspartner in Willys Brauerei wird.

    Urs Widmer: Im Kongo

    Urs Widmer verbindet die Geschichte der Schweiz im Nationalsozialismus mit der Gegenwart der Beziehungen zwischen Nord und Süd, "erster" und "dritter" Welt. Über strukturelle und symbolische Parallelen zwischen der Schweiz und dem Kongo und eine Intertextualität mit Joseph Conrads Roman "Heart of Darkness" (1902) kritisiert der Roman koloniale Praktiken der Schweiz in so genannten "post-kolonialen" Zeiten: von der Kollaboration mit den Nationalsozialisten über die Diskriminierung und "Repatriierung" von Flüchtlingen, bis hin zu einem neokolonialen ökonomischen Engagement im Rahmen der Globalisierung.Mehr ...