Märchen des späten 19. Jahrhunderts

Gegen die dürre Vernunft – Theodor Storms „Die Regentrude“

Rathaus Norderstedt mit Regentrude, created/published 2006-07-04, Foto: Stephan Poost, CC BY-SA 3.0Dürrekatastrophen wie in dem Märchen „Die Regentrude“ beschrieben gibt es auch in der Realität. Ausgetrockneter See im Altai-Gebirge, Russland, August 2001, Foto: Stefan Kühn, CC BY-SA 3.0Von einem verheerenden Klimawandel erzählt Theodor Storm in seinem Kunstmärchen „Die Regentrude“. Das Korn verdorrt auf den Äckern, das Vieh verdurstet auf den Weiden – eine Szenerie wie in heutigen Dürreregionen. Allein eine alte Frau erinnert sich, was die Vorfahren in solcher Not unternahmen.

Über die explodierenden Preise für landwirtschaftliche Erzeugnisse freut sich nur einer im Dorf, der schlaue Wiesenbauer: „Er hatte vor Jahren eine bedeutende Fläche sumpfigen Wiesenlandes um einen geringen Preis erworben und die letzten dürren Jahre, welche auf den Feldern seiner Nachbarn das Gras versengten, hatten ihm die Scheuern mit duftendem Heu und den Kasten mit blanken Krontalern gefüllt.“ Ökonomisches Kalkül und Existenznot beherrschen das Landleben, so wie es Storm auf den ersten Seiten seines 1864 erschienenen Märchens schildert. Gefühle zählen nicht für den Profiteur der Dürrekrise: Der Wiesenbauer will verhindern, dass seine Tochter Maren ihren Jugendfreund Andrees heiratet, den Sohn der verarmten Witwe Stine.

Kritik an der Aufklärung

Einen „Neugläubigen“ nennt Stine den Wiesenbauern. Das heißt, er hält die Sagen und Legenden der Vorfahren für albernes Zeug. Nicht zufällig datiert Storm die Handlung um 100 Jahre zurück in die Mitte des 18. Jahrhunderts, in die Blütezeit der Aufklärung, als die Bewirtschaftung von Feldern und Wäldern auf wissenschaftlicher Grundlage sich durchsetzte. Der alte Volksglaube an eine von Göttern und Geistern bewohnte Natur galt seither als Aberglaube. In Gestalt der Regentrude kehrt er in Storms Märchen zurück: Die Witwe Stine erinnert sich noch daran, dass ihre Vorfahren regelmäßig Jungfrauen zu dieser mythischen Regenmacherin schickten, um sie in Dürrezeiten durch einen passenden Zauberspruch aufzuwecken.

Realistische Phantastik

Das Rathaus in Norderstedt mit einer Statue der „Regentrude“, aufgenommen und veröffentlicht am 04. Juli 2006, Foto: Stephan Poost, CC BY-SA 3.0Storm führt das Wunderbare zunächst durch Erzählungen Stines und ihres Sohnes in das nüchtern geschilderte Alltagsleben des Dorfes ein. Mit großer Genauigkeit beschreibt Andrees seine Begegnung mit dem Feuermann, einem feuerroten Kobold. Der Gegenspieler der Regentrude verrät ihm und Maren den Weg in eine unheimliche Unterwelt, die genauso unter Trockenheit leidet wie die Felder der Bauern: „Weißer Sand und Kiesel bedeckten den Boden, dazwischen lagen tote Fische und blinkten mit ihren Silberschuppen in der Sonne.“ Die apokalyptische Landschaft und ihre spätere Rückverwandlung in ein fruchtbares Paradies schildert der Realist Storm so anschaulich wie ein Naturforscher des 19. Jahrhunderts, der von einem fernen Land berichtet.

Als Märchenerzähler entführt Storm seine Figuren weder in ein goldenes Zeitalter noch in eine romantisch verklärte Gegenwelt. Näher als den Kunstmärchen des frühen 19. Jahrhunderts steht Die Regentrude den herben Volksmärchen der Brüder Grimm, in denen das Wunderbare einfachen Leute hilft, ihre Alltagsprobleme zu lösen. So ist es auch bei Storm. Nie verlieren die Figuren den Boden unter den Füßen. Legitimer Eigennutz treibt das Liebespaar Maren und Andrees an. Die Zauberkraft der Regentrude veredelt sie nicht zu besseren Menschen und erhebt sie nicht in den Adelsstand. Maren reagiert sogar eifersüchtig auf ihre gute Fee. Sie möchte nicht, dass ihr Liebster nach der erfolgreichen Mission die Regentrude zu Gesicht bekommt. „Ein sauber Weibsbild“, ruft Andrees der Regentrude nach. Als das Paar wieder ins heimatliche Dorf zurückkehrt, wägt er kühl den Schaden, der dem künftigen Schwiegervater durch das Regenmachen entstanden ist, gegen seinen eigenen wirtschaftlichen Vorteil ab.

Weisheit der Mythen

Porträt von Theodor Storm, 1886, Public DomainErschienen ist Die Regentrude 1864 in einer Illustrierten. Das Honorar war für den Amtsrichter Theodor Storm ein willkommenes Zusatzeinkommen. Als Jurist im Hauptberuf hatte er Alltagskonflikte rational zu beurteilen und zu schlichten. Aufklärerisches Denken und wissenschaftlich-technischen Fortschritt in Bausch und Bogen zu verwerfen, lag ihm fern. Er glaube nicht an Übernatürliches, schrieb Storm 1882 an den Schriftstellerkollegen Gottfried Keller, wohl aber, „dass das Natürliche, was nicht unter die alltäglichen Wahrnehmungen fällt, bei weitem noch nicht erkannt ist.“ In Die Regentrude kommt es zur gefährlichen Klimaerwärmung, weil die Menschen vergessen haben, dass die Natur komplexer ist als alle ihre Berechnungen. Die Lösung liegt in der Wiedererinnerung an die mythischen Erzählungen der Vorfahren, in denen ein älteres Wissen um Naturzusammenhänge verborgen liegt.

Märchen aus einer Vorkriegszeit

Storm schrieb das Märchen in einer äußerst unruhigen Phase seines Lebens. Geboren 1817 in der Kleinstadt Husum, wurde er Opfer des Streits zwischen Deutschen und Dänen um die politische Zugehörigkeit der Grenzregion Schleswig. Unter dänischer Herrschaft verlor Storm 1852 seine Zulassung als Rechtsanwalt. Er ging nach Preußen ins Exil, wo er seit 1856 als Kreisrichter in Heiligenstadt arbeitete. Sieben Jahre später spitzte sich der politische Konflikt um Schleswig erneut zu. Von seinen Landsleuten wurde Storm als gewählter Richter in seine Heimatstadt zurückgerufen. Nach dem deutsch-dänischen Krieg von 1864 fiel Husum an Preußen. „Vermöge eines seltsamen Widerspruchs in der menschlichen Natur werde ich jetzt, wo ich wie niemals durch unsere schleswig-holsteinischen Verhältnisse politisch aufgeregt bin, durch unabweisbaren Drang zur Märchendichtung getrieben“, schrieb Storm kurz vor Kriegsausbruch: „Es ist, als müsse ich mich zur Erholung der unerbittlichen Wirklichkeit ins äußerste Reich der Phantasie flüchten.“
Michael Bienert
arbeitet als Kulturjournalist, Buchautor und Stadtführer in Berlin. Mehr unter www.text-der-stadt.de

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März 2012

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