Achille Mbembe im Interview „Die Dichotomie von Nord und Süd überwinden“

Weltkarte
Grafik: Shutterstock

Im postkolonialen Kontext stehen europäische Kulturinstitute vor Herausforderungen: Der kamerunische Politikwissenschaftler Achille Mbembe über die Zukunft von Kulturarbeit sowie über aktuelle Süd-Nord-Dynamiken.

Die Zukunft kultureller Einrichtungen wie des Goethe-Instituts hängt stark von ihrer Fähigkeit ab, sich den verschiedenen Prozessen der Globalisierung anzupassen. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
 
Wir leben in einer Epoche, in der die westliche die übrige Welt dominiert. Diese Hegemonie befindet sich vielleicht noch nicht unbedingt im Niedergang, ist jedoch aufgrund der wirtschaftlichen Krise zumindest bedroht. Und sei es nur, weil es mittlerweile neue Wirtschaftsmächte gibt, die nun die westliche Dominanz massiv infrage stellen. In kultureller Hinsicht ist diese Hegemonie noch viel stärker gefährdet. Das Epizentrum des weltweiten Wandels befindet sich heute im globalen Süden und im Osten. Ich habe den Eindruck, dass diese Veränderungen neue Formen der Auseinandersetzung mit fremden Welten und fremden Kulturen erfordern. Sie verlangen zudem ein Umdenken bei den kulturellen Einrichtungen, die ihre traditionelle Rolle überdenken müssen, um die kreativen Kräfte zu berücksichtigen, die vor allem im Süden entstehen.

Wir arbeiten immer noch viel in klassischen Formaten wie Film, Tanz, bildender Kunst – funktionieren sie in Ihren Augen noch?
 
In bestimmten Ländern ist das traditionelle Engagement immer noch absolut notwendig, und sei es nur, um kleine Inseln kultureller Aktivität zu schaffen. In Ländern wie Südafrika, Nigeria und Senegal fallen mir vor allem der schnelle Wandel auf und der große Wunsch lokaler Schauspieler, Verbindung zu größeren Einheiten und Ensembles aufzunehmen. Wir müssen aber immer mehr neue Formen der Kulturarbeit finden, die sich nicht mit dem bereits Bestehenden zufrieden geben, sondern den Kulturschaffenden helfen, in einen interdisziplinären Dialog zu treten. Film im Dialog mit Musik, Musik im Dialog mit Literatur, die wiederum durch Tanz und die kritische Theorie belebt wird. Diese interdisziplinären Genres und Formen zeigen einen Weg in die Zukunft auf, erfordern aber eine ernsthafte intellektuelle Investition. Man muss nach aktuellen Entwicklungen fragen und herausfinden, was neu ist, was den Kontinent anspricht, aber auch die Welt insgesamt.
 
Wird die Digitalisierung unseren Umgang mit Kultur grundlegend verändern?
 
Das digitale Zeitalter macht direkte Begegnungen von Angesicht zu Angesicht auf keinen Fall überflüssig. Menschliche, physische Kontakte sind einzigartig und werden sich nie durch Technologie ersetzen lassen. Doch mit dem digitalen Zeitalter wird Geschwindigkeit zu einer ganz besonderen Ressource. Die Digitalisierung eröffnet uns eine neue Ära, in der das Denken und Entwerfen, die Entwicklung von Dingen und Projekten, viel flexibler werden. Dazu kommt im Vergleich zu früher eine stärkere Formbarkeit. Die Auswirkungen auf das kulturelle und künstlerische Schaffen sind enorm.
 
Wird angesichts dieser Entwicklung ein Kulturinstitut wie das Goethe-Institut weiter bestehen? Gibt es weiterhin Bedarf an Deutschunterricht?
 
Absolut. Es wäre gut, wenn mehr Leute Deutsch lernen würden. Wenn ich Deutsch gelernt hätte, könnte ich Hegel und Heidegger im Original lesen. Ich hätte ohne Übersetzung Zugang zu ihrer Philosophie. Die deutsche Sprache ist ein Geschenk der Deutschen an die Menschheit. Daher sollte das Goethe-Institut weiter Deutschkurse anbieten. Der Verlust einer Sprache ist ein großer Schaden für das Erbe der Menschheit. Wir sollten uns auf eine multilinguale Welt zubewegen, in der Übersetzungen nicht mehr nötig sind, weil wir hoffentlich in der Lage sind, mehrere Sprachen zu sprechen.
 
Braucht es auch in Zukunft das Goethe-Institut?
 
Wir brauchen Einrichtungen wie das Goethe-Institut. Ihre Aufgabe besteht nicht nur darin, Begegnungen zwischen Menschen zu erleichtern, die sonst nie zusammenkommen würden. Sie sollten auch flexibel genug sein, das Unerwartete zuzulassen, Dinge, die sich erst entwickeln, die womöglich noch nicht einmal einen Namen haben, aber ein enormes Potenzial. Solche Einrichtungen fördern dieses Potenzial und bringen es zur Geltung. Und wir brauchen Einrichtungen, deren Hauptaufgabe darin besteht, Räume zu schaffen, wo sich Fähigkeiten entwickeln können. Damit meine ich zum Beispiel die Fähigkeit, sich auf seine eigene Stärke und seine eigenen Ressourcen zu verlassen, intellektuell wie – wenn möglich – finanziell.
 
Als europäische Einrichtung ist das Goethe-Institut in einem postkolonialen Umfeld tätig, dessen Kulturen durch die Eindringlinge aus dem Norden traumatisiert wurden.
 
Das ist eine delikate Aufgabe. Man möchte natürlich auf keinen Fall die brutalen Mechanismen der Begegnung wiederholen, die charakteristisch waren für eine frühere Periode in der Geschichte. Einfühlungsvermögen ist wichtig. Bei der Begegnung von Menschen spielt unsere Fähigkeit eine Rolle, das eigene Gesicht im Gesicht des anderen zu erkennen. Wenn man als Kulturinstitut mit seiner Arbeit im Süden etwas erreichen will, muss man daher gewisse politische und ethische Implikationen berücksichtigen. Der beste Weg ist, solche Bindungen mit einem Sinn für Freiheit einzugehen, weil sonst das Trauma der Vergangenheit die Zukunft beeinträchtigt. Die Aufgabe besteht darin, eine andere Zukunft für alle aufzuzeigen, auch für den Norden. Durch das kulturelle Engagement bewerten wir den Norden und das was ihn ausmacht und unsere heutige Welt bewegt, nun ganz neu. Einrichtungen wie das Goethe-Institut sind Orte des Dialogs und ermöglichen es uns, all diese Erinnerungsprozesse in eine Projektion auf die Zukunft umzuwandeln. Diese Ausrichtung auf die Zukunft ist absolut notwendig, wenn man die Dichotomie von Nord und Süd überwinden will.
 
Gibt es Bereiche, in denen kulturelle Interventionen Wirkung zeigen oder neue Dimensionen eröffnen könnten?

 
Die Zukunft der Stadt als Idee sowie die Stadt als menschliche Form sind zwei Aspekte, an denen wir unbedingt arbeiten müssen. Afrika stehen dramatische Veränderungen bevor. Zum Beispiel werden sehr bald eine Milliarde Menschen auf dem Kontinent leben. Die demographische Frage spielt bei jeder Überlegung zur Zukunft der Kultur eine bedeutende Rolle, ebenso die schiere Macht der Zahlen. Die Zahl der Menschen, die eine Unterkunft benötigen, ernährt werden müssen, um die man sich kümmern muss, das alles sind für mich dringliche Fragen, mit denen man sich beschäftigen sollte. Ein anderes Phänomen hat mit der Tatsache zu tun, dass der Kontinent gerade einen neuen historischen Zyklus der Transnationalisierung erlebt. Menschen wandern aus, Menschen wandern ein, ziehen hin und her. Das ist nicht auf die Frage der Migration an sich beschränkt, sondern stellt eine Art Zirkulation dar. Da ist ein ganzer Kontinent in Bewegung.

Zur Person

Achille Mbembe, geboren 1957 im Kamerun, ist Professor für Geschichte und Politik an der Witwatersrand Universität in Johannesburg, Südafrika. Der weltweit anerkannte Theoretiker des Post-Kolonialismus wurde mit „De la Postcolonie“ / „On the Postcolony“ (2000, Paris) einem breiten Publikum bekannt. Für „Critique de la raison nègre“ (2013, Paris) erhielt er im Dezember 2015 in München den Geschwister-Scholl-Preis