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Interview
Dr. Gabriele Gauler, Institutsleiterin

Die Institutsleiterin Frau Dr. Gabriele Gauler steht im Garten des Goethe-Instituts Nikosia und lächelt in die Kamera. Sie trägt eine blau-weiße Bluse. Im Hintergrund sind die grünen Bäumen und Pflanzen sowie der Springbrunnen des Instituts zu sehen.
© Goethe-Institut/Marie Lena Groenewald

Am 1. Februar 2022 übernahm Frau Dr. Gabriele Gauler die Leitung des Goethe-Instituts Zypern. Die gebürtige Kasselänerin studierte Sinologie, Japanologie und Germanistik in Würzburg und Taipei (Taiwan). Seit 1991 war sie in verschiedenen Funktionen an den Standorten München, Bremen, Peking, Budapest, Hongkong und Berlin fürs Goethe-Institut tätig. In diesem Interview spricht sie über die Besonderheiten des Standorts Zypern, die Auswirkungen der Pandemie, Zielsetzungen für die nächste Zeit sowie ihre persönlichen Begegnungen und den Austausch in Zypern.

Was zeichnet die deutsche Kultur- und Spracharbeit in Zypern besonders aus?

Das Institut hier macht schon seit über 60 Jahren kontinuierlich Angebote in der Sprach-, Kultur- und allgemeinen Informationsarbeit über Deutschland. Allein das ist besonders erwähnenswert, denn 60 Jahre sind wirklich eine lange Zeit. Besonders ist auch die große Kontinuität in der Zusammenarbeit mit Partnern im Süden sowie im Norden Zyperns. Außerdem erreichen wir mit unseren Sprachkursen eine große Zielgruppe jeden Alters: Kinder, Jugendliche und Erwachsene, deren Muttersprache Griechisch oder Türkisch ist, oder die bilingual aufwachsen. Auch das macht das Besondere der Arbeit auf Zypern aus.

Das Hervorstechende für eine:n Besucher:in unseres Instituts ist natürlich, dass wir in der so genannten Pufferzone beheimatet sind. Das Institut befindet sich zwischen griechisch-zyprischem und türkisch-zyprischem Checkpoint. Wir sind direkter Nachbar des Ledra Palace, einem Gebäude, das jede:r hier auf Zypern kennt, und das sehr geschichtsträchtig ist.

Gibt es Ähnlichkeiten zwischen Ihrem letzten Arbeitsort Berlin und Nikosia?

Nikosia ist die letzte geteilte Hauptstadt in Europa. Auch Berlin war eine geteilte Stadt. Diese Erfahrung der Teilung haben beide Städte gemeinsam. In Berlin konnte sie glücklicherweise 1989 überwunden werden. Hier ist die Insel seit 1974 und die Stadt Nikosia bereits seit 1963 geteilt. Das macht natürlich etwas mit den Menschen, dem Land und der Mentalität. Es lassen sich also schon Parallelen ziehen, auch wenn die historischen Ursprünge völlig andere sind, und die Situationen selbstverständlich nicht direkt vergleichbar sind.

Auch ansonsten sind die Kontexte verschieden. Berlin hat eine Einwohnerzahl von 3,7 Millionen Menschen. Es ist eine Weltstadt, während Nikosia sehr viel kleiner ist. Hier mache ich die Erfahrung, dass man sehr schnell viele Menschen kennenlernt, die dann wiederum gemeinsame Bekannte kennen. Insofern ist es hier dann doch ein ganz anderer Ort.

© Goethe-Institut Zypern

Was bedeutet Offenheit in Zeiten der Pandemie für Sie?

Die Pandemie hat uns alle auf der Welt in den letzten Jahren wahnsinnig beeinflusst, auch die Arbeit der Goethe-Institute weltweit. Ich habe den Anfang der Pandemie in Berlin erlebt, wo wir vom Lockdown betroffen waren. Das Institut musste einige Monate geschlossen bleiben und die Mitarbeiter:innen mussten in Kurzarbeit gehen. Das war eine sehr starke Beeinträchtigung für meine Kolleg:innen und mich. Und auch hier in Zypern spüre ich die Veränderungen natürlich auch noch jetzt, im dritten Jahr der Pandemie. Für das Goethe-Institut weltweit, aber auch in Nikosia, war es wichtig, die Angebote, die es gibt, möglichst aufrecht zu erhalten, also digital zugänglich zu machen. Das betraf besonders unsere Sprachkursangebote. Prüfungen konnten hier aufgrund der offiziellen Bestimmungen und Abstandsregeln über längere Zeit leider nicht durchgeführt werden. Aber wie viele Institute auf der Welt haben auch die Lehrkräfte des Goethe-Instituts Nikosia sehr schnell umgelernt und Wissen im Bereich Online Lernen und -Unterrichten aufgebaut. Dies nutzen wir auch weiterhin, denn es gibt Kursteilnehmende, die online bei uns Deutsch lernen, aber auch Kursteilnehmende, die wieder zu Präsenzkursen ins Institut kommen, was uns natürlich besonders freut.

Befindet sich Zypern in Asien oder in Europa?

Das ist eine gute Frage. Wenn man es politisch sieht, sind wir natürlich in Europa, denn immerhin gehört Zypern ja seit vielen Jahren zur EU. Auch Deutschland ist mit gut drei Flugstunden noch schnell und gut erreichbar. Englisch ist eine der offiziellen Sprachen in Zypern und viele Menschen hier sprechen extrem gut Englisch. Auch das spricht für eine starke Nähe zu Europa. Aber im Bereich der Gefühlswelt, der Musik, der Gerüche in der Stadt, der Hitze merkt man natürlich schon, dass die Insel sehr nah an Vorderasien und bei der Levante liegt. Da gab es geschichtlich sehr starke kulturelle Einflüsse. Diese Faktoren sind spannend und für die Arbeit sehr bereichernd.

Was erwartet eine:n Besucher:in des Goethe-Instituts Zypern?

Besucher:innen erwartet zuerst einmal natürlich, dass wir in der Pufferzone inmitten der geteilten Insel angesiedelt sind und man dadurch Menschen aus dem Süden und aus dem Norden treffen kann. Dass Menschen von beiden Teilen der Insel zu Kulturveranstaltungen und Ausstellungseröffnungen kommen, ist für mich eine der schönsten Erfahrungen. Das Goethe-Institut Zypern ist ein Treffpunkt. Es ist den ganzen Tag offen. Fast jeden Tag können unsere Ausstellungen besucht werden. Wir haben einen tollen Ausstellungssaal, in dem es aktuell eine sehr schöne Ausstellung mit dem Titel Found and Lost gibt. Dort stellen wir momentan eine deutsche Künstlerin und eine zyprische Künstlerin vor. Wir haben außerdem einen schönen Garten. Wir haben fünf Klassenräume und sehr nette Kolleg:innen, die immer gerne auf Fragen antworten. Es ist ein offener, freundlicher Ort, der immer versucht, mit seinen Angeboten Deutschland und die deutsche Kultur ein bisschen näher zu bringen.

Wann kamen Sie selbst zum ersten Mal mit Zypern in Berührung?

Ich habe immer – und tue es auch immer noch – sehr, sehr viel gelesen. Als Jugendliche war eins meiner Lieblingsbücher ein griechisches Sagenbuch. Das habe ich fünf, sechs, sieben Mal gelesen (lacht). Ich war fasziniert von den griechischen Sagen. Darin fand sich natürlich auch die berühmte Geschichte der Geburt der Aphrodite. Das war für mich als Kind und Jugendliche die erste Berührung mit dem griechischen und zyprischen Kulturkreis. In meiner Studienzeit in Würzburg gab es im Studierendenwohnheim, in dem ich damals gewohnt habe, sehr nette zyprische Studierende. Die meisten von ihnen haben Medizin oder Zahnmedizin studiert. Da bin ich das erste Mal mit Zyprern in Kontakt gekommen.

Haben Sie ein Objekt geistig präsent, das für Sie Zypern repräsentiert?

Es gibt hier in Nikosia einen Olivenbaum, der mich fasziniert. Er muss uralt sein. Bei den Bauarbeiten für den Eleftheria Square ist er unberührt stehen geblieben. Dieser uralte Baum ist ganz dick und total verkrüppelt. Die gesamte, moderne Architektur läuft auf diesen einen Baum zu. Ich fand es faszinierend, wie da die moderne Architektur versucht, das Alte, die Tradition und die Natur auf Zypern einzubeziehen.

Ein anderes Objekt, das ich in verschiedenen Ausstellungen, zum Beispiel im Archäologischen Museum und im Leventis Museum, gesehen habe, sind kleine Figürchen aus hellgrüngrauen Mineralen, die man in Gräbern gefunden hat. Sie haben überdimensionierte Köpfe, einen dicken Hals, einen kurzen Körper und dicke Beine. Sie sind aus einem Stein gemacht, der Picrolit genannt wird. Den gibt es nur auf Zypern. Diese Objekte sind mehr als 4500 Jahre alt und man hat sie bei den ersten Grabfunden auf Zypern geborgen. Man sieht die Figürchen hier an verschiedenen Stellen. Auch das steht für mich für Zypern.

Welche Ziele haben Sie sich für Ihre Zeit in Zypern gesetzt?

Das wichtigste Ziel für mich ist, die erfolgreiche Arbeit des Instituts der letzten Jahrzehnte weiterzuführen. Ich hoffe, dass die Pandemie und die aktuelle Situation in Europa, die stark durch den Krieg in der Ukraine geprägt ist, das auch zulassen. Ich habe in meinen ersten Wochen hier gelernt, dass die deutsche Sprache besonders im südzyprischen Teil eher rückläufig ist, auch wenn es tolle Initiativen an einzelnen Schulen gibt, die den Deutschunterricht sehr stark befördern. Deshalb möchte ich die Stärkung der deutschen Sprache gerne weiter voranbringen. Und ich habe auch zwei sehr konkrete Ziele: Zum einen müssen wir das Haus erdbebensicher machen. Das ist ein wichtiges Ziel für dieses Jahr. Zum anderen ist es ein weiteres wichtiges Ziel, einen Projektauftrag der Europäischen Kommission umzusetzen. Dabei handelt es sich um ein Stipendienprogramm für den Norden Zyperns, das sich an Studierende, aber auch Graduierte richtet und für Stipendien in ganz Europa – nicht nur in Deutschland – gilt. Dieses Projekt hat gerade erst begonnen und wird uns die nächsten Jahre sehr beschäftigen.

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