Jugendtheaterbüro Berlin „Bildung ist ein Dialog“

Die Jugendtheatergruppe mit Gaststar Athi-Patra Ruga (Zweiter von links). | Foto: © normanposselt.com
Die Jugendtheatergruppe mit Gaststar Athi-Patra Ruga (Zweiter von links). | Foto (Ausschnitt): © normanposselt.com

Das Jugendtheaterbüro in Berlin-Moabit hat ab März 2014 eine eigene Bühne. Hier arbeiten Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund an eigenen Produktionen und sind damit erfolgreich. Und das, obwohl der Stadtteil nicht unbedingt für seine Hochkultur bekannt ist. Ein Gespräch mit dem Theaterpädagogen und stellvertretenden Vorstandsvorsitzenden der Landesvereinigung Kulturelle Jugendbildung Berlin e. V., Çığır Özyurt, über Partizipation, kulturelle Bildung und erfolgreiches Jugendtheater.

Der Weg zur Erfolgsbühne

Herr Özyurt, das Jugendtheaterbüro Berlin ist eine Erfolgsgeschichte und hat nun eine eigene Bühne. War das von Anfang an das Ziel?

Vom Europäischen Sozialfonds wurden uns Gelder für ein dreijähriges Projekt bewilligt. Damit konnten wir uns eigene Räume suchen und sind in das ehemalige Gemeinschaftshaus einer Kirche eingezogen, das vorher fünf Jahre leer stand. Dort steht jetzt im Erdgeschoss unsere Bühne. Wir sind das erste Projekt in Moabit, das zusammen mit Jugendlichen einen Theaterbetrieb aufbaut. Bevor wir ein richtiges Theater wurden, haben wir Projekte an verschiedenen Bühnen verwirklicht. Anfangs waren wir wie Nomaden, hatten keine eigenen Räume und waren Gäste in unterschiedlichen Jugendeinrichtungen. Aber es gab zahlreiche Jugendliche, die eigenes politisches Theater machen und sich beteiligen wollten. Bei uns bekommen die Jugendlichen jetzt die Möglichkeit, ihrer Meinung sowohl auf der Bühne als auch in Diskussionen Ausdruck zu verleihen. Dadurch ist das Projekt hier im Viertel sehr erfolgreich.

Inzwischen wird auch die Kirche neben Ihren Büros wieder genutzt. Wie gestaltet sich eine solche Nachbarschaft?

In Kooperation mit dem REFO Moabit – Kirche im Kiez e. V. haben wir 2013 ein Theaterstück mit dem Titel Salãm Günther! entwickelt. Es beschäftigt sich mit Günther Dehn, der vor 100 Jahren der Pastor der Kirche nebenan war. Da er im Widerstand aktiv war, wurde er von den Nazis verfolgt. In dem Stück haben wir den Bezug zu heute hergestellt und uns gefragt: In welchem Zusammenhang stehen eigentlich Religion und Widerstand?
 
 

Kulturelle Bildung als beidseitiger Austausch

Viele Theaterhäuser arbeiten an Konzepten, um ein neues Publikum zu erreichen. In dem Zusammenhang spricht man von Partizipation und kultureller Bildung.

Ich finde den Begriff kulturelle Bildung und das Konzept, das oft damit verbunden wird, problematisch. Kulturelle Bildung, eigentlich jede Form von Bildung, ist ein Dialog und läuft deshalb nicht nur in eine Richtung, sondern zwischen allen Beteiligten. Oft wird der Begriff jedoch so verstanden, dass es auf der einen Seite Menschen gibt, die Ressourcen haben, und auf der anderen Seite Menschen, die kulturfern sind und denen man deshalb die Hochkultur vermitteln und erklären müsse. Für uns ist es wichtig, dass wir auf Augenhöhe miteinander arbeiten. Deshalb haben wir mit den Jugendlichen eine Art Genossenschaft gegründet. Sie müssen Verantwortung für das Projekt übernehmen und es aktiv mitgestalten. Es geht nicht nur darum, ein junges Publikum heranzuziehen.

Wie geht es weiter, nachdem Sie Ihre Bühne eröffnet haben?

Schon jetzt produzieren wir jedes Jahr etwa fünf Stücke. Dabei übernehmen die Jugendlichen wichtige Positionen auf allen Ebenen, führen etwa selbst Regie. Wir unterstützen sie nur dabei. Diese kontinuierliche Weitergabe der Verantwortung von den Initiatoren an die Jugendlichen wird sich noch verstärken. Wir sind eine Art Kiezakademie, in der Jugendliche auch Licht- und Tonkonzepte erarbeiten, zusammen Schauspiel und Regie lernen und auch im Büro mithelfen. Irgendwann können die Jugendlichen das Projekt selbst managen, weil sie die Strukturen und Abläufe gut kennen. Das braucht Zeit. Aber es geht.