Festival Maerzmusik Austausch als Prinzip

Matthias Osterwold, Künstlerischer Leiter des Festivals Maerzmusik seit 2001.
Matthias Osterwold, Künstlerischer Leiter des Festivals Maerzmusik seit 2001. | Foto (Ausschnitt): Kai Bienert

Berlin hatte schon immer eine enorme Ausstrahlung als Kulturmetropole. Das gilt auch für die Neue Musik. Zahlreiche Komponisten aus aller Welt zog und zieht es immer noch in diese Stadt. Was ist das Besondere an Berlin für Komponisten zeitgenössischer Musik? Matthias Osterwold, künstlerischer Leiter des Festivals Maerzmusik, geht in seiner letzten Festivalausgabe dieser Frage nach. Im Interview aus Anlass von Maerzmusik 2014 spricht er über das große Potenzial der Stadt im Widerstreit der Geschichte, über Hochkultur und freie Projekte, Neu-Berliner, internationale Gäste und alteingesessene Künstler.

Nach Berlin! Nach Berlin! Mit diesem bekannten Fußballschlachtruf haben Sie 2014 zu Maerzmusik, dem Festival für aktuelle Musik gerufen. Was machte Ihre letzte Maerzmusikausgabe zu einem Publikumsmagneten?

Die Ausgangssituation in den Szenen neuer Musik ist diese: Es gibt kein Leitbild mehr in der neuen Musik, es gibt unendlich viele parallele Strömungen und es herrscht eine relativ große Unübersichtlichkeit, die das Festival spiegeln muss. Es gilt, sie in jedem Jahrgang thematisch so zu fokussieren, dass sich bei den Zuhörern Wahrnehmungsschneisen bilden können. Es ist im Laufe der Jahre immer besser gelungen, die Art dieser Themensetzungen so schlüssig zu gestalten, dass die Programme in sich mehr und mehr den Charakter einer nachgeordneten Komposition oder Landschaft oder Musikausstellung gewinnen konnten, durch die ein Besucher wandern kann.

Sie haben in diesem Jahrgang den Fokus auf Berlin gelegt, nachdem Sie in den letzten Jahren mit verschiedenen Schwerpunkten durch die ganze Welt gereist sind. In einem ausführlichen Essay im Programmheft beschreiben Sie die Situation vor und nach dem Mauerfall. Wie stellt sich die Situation für Komponisten und Musiker, vielleicht für Künstler allgemein in Berlin heute, 25 Jahre nach dem Mauerfall, dar?

Es gab schon Vorläufer vor dem Mauerfall, aber nach dem Mauerfall hat sich schnell abgezeichnet, dass Berlin besonders für die „neuen“ Musiker, die erfindenden, die kreativen Musiker ein attraktiver Wohn- und Arbeitsort ist, weil diese Stadt viele Leer-Räume, Zwischenräume, Brachen aufwies – im baulich-physischen wie im metaphorischen Sinn. In diese Räume konnte die Imagination der Künstler einströmen. Es konnten Orte etabliert werden, in denen sich arbeiten und auch irgendwie wohnen ließ. Günstige materielle Verhältnisse, niedrige Preise haben gewiss auch eine Rolle gespielt. Diese Zuwanderung ist eine internationale gewesen. Inzwischen kommen wirklich aus allen Ecken der Welt Künstler nach Berlin, weit über die Grenzen Europas hinaus. Und der Grad an Überschneidung und Vernetzung zwischen den Künsten und den Künstlern ist relativ hoch.

Das Programm von Maerzmusik fokussierte sich auf das aktuelle Berlin. Was bedeutet das konkret?

Wir stellen Berlin nicht als eine Stadt vor, die einen bestimmten Sound hat, sondern deren vornehmste Eigenschaft die Vielfalt, die Diversität und die Parallelität unterschiedlichster künstlerischer Strömungen ist. Maerzmusik möchte diese Vielfalt spiegeln, in Gestalt der Programme der eingeladenen Künstler, aber auch in Gestalt der Genres, um die es geht, von Orchestermusik über kleinere Formen des Musiktheaters hin bis zur Composer-Performance oder zur sogenannten „Echtzeitmusik“, der neuesten Stufe improvisierter Musik, die so etwas wie subtile Klangforschung ist. Von all dem haben wir eine Auswahl getroffen, um ein möglichst breites Bild dieser Vielfalt zu entwerfen.

Sie schreiben im Programmheft, dass in Berlin eher das Miteinander als eine Konkurrenzsituation gelebt wird.

Ich glaube, es ist eine der vornehmen Tugenden der musikalischen Community in Berlin, dass sie tatsächlich eher von kooperierendem als von konkurrierendem Geist geprägt ist. Als die Mauer fiel, haben wir hier ein gesellschaftliches Laboratorium par excellence erlebt, nämlich an einem Ort zwei Bevölkerungsgruppen, die völlig unterschiedliche Herkunfts- und Lebensgeschichten haben. Und es ist klar, dass eine experimentelle Situation auch bedeutet, dass man das Ergebnis vorher noch nicht kennt. Die offenen Räume, die Leer-Räume, die vorhanden sind oder waren, bedingen, dass es genug Platz gibt für kreative Ressourcen. Man braucht sich nicht gegenseitig zu verdrängen, sondern man sucht eher danach, die Kräfte im Miteinander zu stärken. Ich empfinde das als eine schöne und ausgezeichnete Eigenschaft Berlins.

Das Festival Maerzmusik ist Teil der Berliner Festspiele und wird von der Bundesregierung unterstützt. Hat diese Förderung des Bundes Auswirkungen auf die konkrete Auswahl international repräsentativer Komponisten und Projekte?

Ich habe diese Förderung immer als Aufgabe verstanden, dass wir Dinge ermöglichen müssen, die andere nicht machen können, dass wir Dinge riskieren können, dass wir zu besonderen Projekten einladen können. Wir haben das in vielfältiger Form realisiert, aber auch immer mit Rücksicht auf die bodenständigen, die kleinen Kräfte, die in Berlin heimisch sind. Geld von der Bundesrepublik Deutschland ist eine Verpflichtung in Hinblick auf Originalität, Qualität, Innovationskraft und auf die Öffnung neuer Horizonte. Ich habe darunter auch immer verstanden, dass es auf eine interkulturelle Perspektive ankommt: also über Deutschland, über Europa hinaus denken, aber auch vertikal, über die bürgerliche Bildungsschicht hinaus denken, Subkulturen beachten, wo immer künstlerisch Interessantes passiert.

Haben Sie eher ältere Wahl-Berliner zum Festival Maerzmusik eingeladen oder solche, die es aus der aktuellen Lebenssituation heraus aufgrund eines Stipendiums oder Gastaufenthaltes werden könnten?

Wir haben ältere Wahlberliner dabei und auch Künstler, die nur temporär in Berlin leben, die aber andeuten, dass sie mit der Berlin-Situation besonders viel anfangen können. Ich glaube, der älteste „Immigrant“ ist Sven-Åke Johansson, „der alte Schwede“. Er ist schon in den späten 1960er-Jahren gekommen. Zu den älteren Zuwanderern gehört auch der US-Amerikaner Arnold Dreyblatt, der in den frühen 1980er-Jahren nach Berlin kam, sich von hier aus auf die Suche nach seinen familiären und kulturellen Ursprüngen in Osteuropa machte und dann – nachdem er vorübergehend in Belgien gelebt hatte – beschloss: Berlin ist mein Platz. Er fand einen Resonanzboden für experimentelle musikalische Formen in Berlin. Und wir freuen uns, denn er ist hier geblieben, er hat hier eine Familie gegründet.

Auch schon lange in Berlin ist der wunderbare experimentelle Vokalist David Moss. Wir haben auf der anderen Seite jüngste Zuwanderer wie die „american-born Chinese“ Audrey Chen, eine Musikperformerin, die erst seit einem knappen Jahr in Berlin ansässig ist; und wir haben temporäre Gäste, solche, die in Berlin gelebt haben und weiterhin enge Verbindungen halten wie etwa Nicolas Collins. Dann ist da jemand wie Sergej Newski, einer der interessantesten Komponisten; er stammt aus Russland und lebt jetzt schon mehr als 15 Jahre in Berlin.

Der gegenwärtige russische Gast des Berliner Künstlerprogramms des DAAD Boris Filanovsky, von dem wir die große Uraufführung „Scompositio“ haben, plant in Berlin zu bleiben, wenn sein Stipendium ausläuft. Arthur Kampela aus Brasilien ist nach seinem DAAD-Stipendium noch eine Weile in Berlin geblieben, dann zurückgezogen nach New York, aber warum? – weil dort sein kleiner Sohn lebt, den er erst mal durch die Schule ziehen muss. Aber er ist kurz davor, dann vielleicht mit seinem Sohn nach Berlin zu ziehen. Ich spüre immer wieder im Gespräch mit den Künstlern diesen starken Appeal, den Sexappeal, den Berlin auf sie ausübt. Einige unken ja, dass das nun vielleicht schon vorbei sei, dass der Höhepunkt überschritten sei. Ich weiß es nicht, weil wir nicht in die Zukunft schauen können. Es mag sein, dass Berlin allmählich starrer wird, weil die Lücken buchstäblich zugebaut sind, weil sich die Gesellschaft stärker sortiert, aber im Moment ist das Musikleben und das Kunstleben im allgemeinen immer noch äußerst lebendig und dynamisch.