Begegnungen in Zypern Auf einen Cyprus Coffee mit... Achim Wieland und Marios Ioannou

Achim Wieland und Marios Ioannou
Achim Wieland und Marios Ioannou | Foto: CIPS/Marcos Gittis

Seit acht Jahren arbeiten die Gründer des Theaterkollektivs SRSLYyours Achim (Künstler/Designer, Regisseur) und Marios (Schauspieler, Regisseur) bei verschiedenen Bühnenprojekten zusammen. Ihre Stücke „Woyzeck“ und „Fear Industry“ finden auch international Beachtung. Das Goethe-Institut wollte wissen, warum sie zusammen so erfolgreich sind und traf sich mit ihnen auf einen Kaffee im Garden Day & Night in Nikosia.

Beginnen wir mit der wichtigsten Frage – wie trinkt Ihr Euren Kaffee?

Achim: Ohne Zucker.

Marios: Ich auch skettos. Wir müssen aber jetzt nicht erklären, warum, oder?

Keine Sorge, das würde wohl zu weit führen. Erzählt uns lieber, wie so eine deutsch-zyprische Zusammenarbeit läuft?

Marios: Achim möchte immer, dass ich meine Gedanken strukturiere, ich arbeite dagegen lieber mit Impulsen. Aber das klappt dann schon. Er kommt ja von dort, wo Leute Impulse organisieren.

Achim: Unsere Zusammenarbeit funktioniert, weil wir so unterschiedlich an die Sache herangehen. Wir formulieren Gedanken auf verschiedene Weise. Marios lässt Emotionen einfließen und denkt linear, eben als Geschichtenerzähler. Ich dagegen schaue immer nach Synergien, nach neuen Elementen. Daraus entstehen unsere Projekte, inhaltlich und dramaturgisch.

Achim Wieland © CIPS/Marcos Gittis Was ist euer kleinster gemeinsamer künstlerischer Nenner?

Achim: Poesie und Aufrichtigkeit.

Marios: Wir lieben es, wenn etwas passiert im Raum, bei den Proben oder bei den Vorstellungen. Wenn es uns gelingt, Inspirationen freizusetzen. Es gibt verschiedene Wege, dorthin zu gelangen – den intellektuellen Weg und den emotionalen Weg. Ich bin ein traditioneller Schauspieler, mein Job ist es, Leute etwas fühlen zu lassen.

Achim: Poesie ist in diesem Sinne vieles: verdichtete Gedanken, Widersprüche oder Schönheit, die sich nicht gleich offenbart.

Marios: Fantasie wird nicht durch Wissen entfesselt, sondern wenn man Herzen berührt. Das ist unser Weg.
 

  • Marios Ioannou und Achim Wieland 1 © CIPS/Marcos Gittis
  • Marios Ioannou und Achim Wieland 2 © CIPS/Marcos Gittis
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Sind die Reaktionen des Publikums auf eure Stücke in Zypern und in Deutschland unterschiedlich?

Marios: In Bremen sind bei Fear Industry die Emotionen im Saal explodiert, wir hatten das Gefühl, wir spielen vor Italienern. In Zürich und in Stuttgart zum Beispiel waren die Reaktionen verhaltener. Aber die Lacher kommen immer an der gleichen Stelle, egal in welchem Land wir spielen. Bei Woyzeck haben wir einen mediterranen Zugang zur Eifersucht, zu starken Gefühlen.

Achim: Der Unterschied beim Endapplaus oder der Gesamtbeurteilung des Stücks ist gering. Besonders schön finde ich aber auf Zypern, wenn man die Resonanz im Publikum schon während des Spielens in den Gesichtern und Reaktionen spürt. Diese Art der sichtbaren Präsenz hilft vor allem den Performern auf der Bühne.

Marios: Beim Ausdruck solcher Emotionen sind die Deutschen vielleicht eher reservierter oder minimalistischer. Aber Menschen sind Menschen, egal wo. Berühre ihre Herzen, und sie verstehen dich, auch wenn du in einer anderen Sprache sprichst. Angst und Eifersucht, das sind Instinkte, das verstehen alle Kulturen.

Was glaubt Ihr, was ist euer Beitrag zur künstlerischen Landschaft in Zypern?

Achim: In Zypern ist die vorherrschende Form des Theaters sehr traditionell, mit klaren und ein bisschen limitierten Formen. Gerade im Staatstheater werden oft zu wenig Experimente gewagt. Was wir beitragen können, ist ein Weg, diese konservativen Formen aufzubrechen. Wir arbeiten mehrheitlich im Stil des „Devised Theatre", das Skript wird in den Proben durch Improvisation erarbeitet, auf diese Weise findet viel mehr zeitgenössisches, oder sagen wir alltägliches, Material seinen Weg in das Stück. So entsteht in aller Ehrlichkeit, Poesie und vielleicht auch Unschuld eine Theaterperformance. Uns sind Gefühle und Inhalte wichtiger als strenge Formen. Dadurch ist unsere Arbeit auch mehrdimensionaler. Meine Hoffnung ist, dass wir damit ein Publikum aufschließen, das zwischen den Zeilen liest, auf visuelle Impulse reagiert und sich nicht ausschliesslich an den zentralen Aussagen orientiert.

Marios: Ich möchte die Schuld von den Schultern des Publikums nehmen und auf mich laden. Für Theater braucht man keine gebildeten Leute. Es existieren zu viele Studien, zu viele Analysen. Vögel können fliegen, da muss man nicht immer untersuchen, warum sie das können. Ist auch egal. WIR fliegen! Teure Bauten helfen nicht Theater zu machen, das die Menschen berührt. Man muss den Zugang zu den Leuten finden, die nicht ins Theater gehen. Ich spiele gern an falschen Orten, zum Beispiel Monologe von Gogol im Kafeneion. Wer da nebenbei reden will, kann das tun. Toll ist, wenn die Besucher danach zu mir kommen und sagen: „Komm wieder!“. Unser nächstes Projekt Myths and Tales from across the divide soll sich auf einem Basketballfeld abspielen. Das Unerwartete ist das wichtigste.