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100 Jahre Bauhaus
Das Bauhaus, vom Südosten aus gesehen

Bauhaus Atelier in Dessau
Bauhaus Atelier in Dessau | © Hans Engels

100 Jahre Bauhaus: Die Vorbereitungen für das Jubiläumsjahr 2019 laufen auf Hochtouren. Gleich drei Museumsneubauten sind in Bau und ein Marathon an Aktivitäten in Planung. Um sich im Vorfeld ein Bild zu machen, reiste eine Gruppe von Architektinnen, Kuratoren, Kunst- und Architekturhistorikerinnen aus Südosteuropa auf Einladung des Goethe-Instituts an die historischen Standorte des Bauhaus, nach Weimar, Dessau und Berlin.

 

Von Doris Kleilein

Kaum eine andere Bewegung hat die Kunst und Architektur der Moderne so sehr beeinflusst wie das Bauhaus. Die Erwartungen sind also hoch: Wie wird Deutschland dieses Jubiläum feiern? Wird man über die historische Aufarbeitung hinaus die Idee des Bauhaus für die Gegenwart produktiv machen können? Ein Großteil der Expertengruppe, die eine Woche lang den Spuren des Bauhaus vom Gründungsort in Weimar über Dessau nach Berlin folgte, hat sich jahrelang bereits theoretisch mit dem Bauhaus beschäftigt, war aber noch nie vor Ort.

„Der Besuch in Weimar hat mir die politischen Wurzeln des Bauhaus gezeigt“, fasst Miško Šuvaković, Künstler und Kunsthistoriker aus Belgrad, die Erfahrung zusammen. „Es ist nicht aus einer universalistischen ästhetischen Theorie entstanden, sondern ganz konkret aus der sozialdemokratischen Politik der Weimarer Republik.“ Von den progressiven Ideen des Bauhaus würde man in der Stadt Weimar, wo das Staatliche Bauhaus 1919 als Kunstschule von Walter Gropius gegründet wurde, allerdings bis heute wenig spüren: „Weimar identifiziert sich mit den Klassikern Goethe und Schiller und muss das Bauhaus, Buchenwald und den Zweiten Weltkrieg erst noch integrieren,“ kommentiert der griechische Architekt Loukas Bartatilas, Organisator der Reise und Doktorand an der Bauhaus-Universität Weimar. Während Weimar also eher als traditionell wahrgenommen wird, war der Besuch des 1925-26 von Walter Gropius erbauten Bauhausgebäudes und der Meisterhäuser in Dessau der architektonische Höhepunkt der Reise: „Nur in Dessau hatte ich das Gefühl, in einem Labor der Moderne zu sein“, so Aida Abadžić Hodžić, Kunsthistorikerin aus Sarajevo.

Berlin wiederum, die dritte Station der Reise, wurde zwiespältig erfahren: „In Berlin haben wir gesehen, wie die Lehre des Bauhaus in Beton gegossen wurde“, so Kurator Ali Kemal Ertem aus Izmir. „Vor allem die Tour durch das Hansaviertel hat mir klargemacht, woher moderne türkische Architekten und Designer ihre Ideen nehmen.“ Während die Bauten der IBA 1957 und der Besuch des Mies-van-der-Rohe-Hauses und der Schaubühne begeisterten, blieb die heutige Auseinandersetzung mit dem Bauhaus in Berlin unklar: „Die Rolle des Berliner Bauhaus-Archivs scheint passiv zu sein, und die Vorbereitungen für das Jubiläum sind dezentralisiert. Als ob in diesen Vorbereitungen etwas über Berlin fehlen würde,“ fasst Kuratorin Vesna Meštrić aus Zagreb zusammen.

Bei aller fachlichen Kritik: Nur durch die Reise habe man begreifen können, dass das Bauhaus auch im lokalen Kontext gesehen werden und sich mit den Alltagsproblemen der jeweiligen Städte auseinandersetzen muss. „Wir erwarten von den Bauhaus-Museen und den Jubiläums-Projekten, dass sie die progressivsten auf der ganzen Welt sind, aber wenn man den lokalen Kontext einbezieht, wird die Geschichte komplizierter”, so Aida Abadžić Hodžić und bezieht sich damit auch auf das kleine Städtchen Dessau, wohin Architekturtouristen aus aller Welt pilgern, die Dessauer sich aber bis heute mit ihrem modernen Erbe schwertun. Das Bauhaus mit seinen örtlichen Befindlichkeiten zu sehen, sei eine wichtige Erkenntnis der Reise, meint auch die Architektin Derin Inan aus Ankara: „Jede Bauhaus-Stadt hat ihr Narrativ, das immer wieder von ihren Meistern und ihren Schülern unter unterschiedlichen Voraussetzungen neu geschrieben wurde. Das Bauhaus hat sich auf der Tour immer wieder bewähren müssen und als die Meister in die Welt zogen, haben sie ihre Botschaft verstreut und vervielfältigt.“ Dass das Bauhaus nicht auf die eine große Erzählung und schon gar nicht auf einen Baustil reduziert werden kann, wird von den Experten aus Südosteuropa letztendlich als Chance empfunden. „Vielleicht ist ja die Grand Tour der Moderne die eigentliche Überraschung“, vermutet Deniz Ova, Direktorin der Design-Biennale Istanbul, und verweist damit auf die anlässlich des Jubiläums zusammengestellte Reiseroute zu 100 „Bauhaus-Orten“ in Deutschland.

Insgesamt habe man sich mehr Effizienz bei der Jubiläumsplanung erwartet, so die einhellige Expertenmeinung, die dann auch gleich relativiert wird: Gerade weil man aus Ländern komme, in den viele Strukturen nicht funktionierten, erwarte man von deutschen Kulturinstitutionen perfekt durchgeplante Museums- und Ausstellungskonzepte. Nicht nur hierzulande ist man also verwundert darüber,  dass wohl keines der Museen rechtzeitig fertig wird. Und dennoch: „In Deutschland wird über die Konzepte von drei Museen für das Bauhaus diskutiert, in der Türkei haben wir nicht einmal ein einziges Museum für türkische Architektur oder Design. Und es gibt auch keine Sammlung, die wir darin ausstellen könnten“, so Deniz Ova. Doch die Sammlung könne nicht alles sein: „Wir müssen uns mit dem beschäftigen, was wir vom Bauhaus nicht wissen.“

Auch für Yiorgos Hadjichristou, Architekt aus Nikosia, geht die Auseinandersetzung mit dem Bauhaus weit über die Museen und die Architekturgeschichte hinaus: „Das Bauhaus bietet die Gelegenheit, anders über Städte und die Gesellschaft nachzudenken. Wir können einen offenen Prozess beginnen. Der Bau von Museen bündelt viel Kraft und führt bei diesen Fragen nicht weiter.“ Die Architektin Maria Kyrou aus Thessaloniki weist darauf hin, dass das Bauhaus eine „neue Version des historischen Kollektivs und des Einzelnen“ erschaffen hat. Warum sollte das Bauhaus also nicht Impulse für drängende Probleme der Gegenwart, wie etwa für die Wohnungsfrage, geben können? Miško Šuvaković legt dar, dass jede Generation neue Interpretationen des Bauhaus liefert und stellt die Frage, wer heute die Avantgarde in der Architektur und Kunst sei.

Dass das deutsche Jubiläum auch für die Städte Südosteuropas eine Rolle spielt, beschreibt die Architektin Brîndușa Tudor aus Bukarest: „Das Bauhaus-Jubiläum ist eine großartige Chance, die Aufmerksamkeit auf die Architektur zu richten, die zwischen den beiden Weltkriegen in Bukarest entstanden ist. Ein Großteil dieser Gebäude ist wenig bekannt und in einem schlechten Zustand. Wir brauchen ein nationales Rettungsprogramm.“ Auch in der Türkei gebe es Forschungsbedarf: „Das Bauhaus war die Grundlage für die Lehre an vielen Architekturschulen. In der Türkei der Fünfziger war es nicht leicht, die Bauhaus-Ideen zu übersetzen. Es wäre interessant zu sehen, wie diese Ideen auf die Reise gegangen sind“, so Ali Kemal Ertem.

Die Verbindungslinien von Dessau nach Südosteuropa verlaufen über das architektonische Erbe und die Lehre, und in vielen Fällen auch über Biographien und darüber hinaus: „Die Auseinandersetzung mit Bauhaus-Schülern wie Selman Selmanagić kann zu der Frage führen, wie junge Architekten heute in Selemanagićs Heimatstadt Srebreniza gesellschaftliche Probleme lösen,” so Aida Abadžić Hodžić.

Immer wieder taucht die These auf, dass man zwar viele Informationen über das Bauhaus habe, aber niemand genau sagen könne, was das Bauhaus überhaupt sei. Warum ist die Beschäftigung mit dem Bauhaus heute überhaupt noch interessant? Was ist mit der gender issue, wie werden die Bauhausfrauen gewürdigt? Warum sind manche Stimmen in der Bauhaus-Rezeption zu wenig vertreten, man denke nur an den zweiten Bauhausdirektor und Kommunisten Hannes Meyer? Bleibt zu hoffen, dass 2019 in Dessau, Weimar und Berlin nicht nur über das historische Bauhaus, sondern auch über diese Fragen diskutiert wird.
 
Statements:
 

  • Brîndușa Tudor, Architektin, Bukarest:
„Wir müssen einen zeitgenössischen Blick auf das Bauhaus werfen und fragen, was es heute für die Städte Weimar, Dessau und Berlin bedeutet.“
 
  • Maria Kyrou, Architektin, Thessaloniki: 
„Das Bauhaus schärft das Bewusstsein, mit welchen Werkzeugen Architekten heute arbeiten.“
 
  • Derin Inan, Architektin, Ankara:
„Jede Bauhaus-Stadt hat ihr Narrativ. Das Bauhaus hat sich auf der Tour als verstreut und vielfältig erwiesen.“
   
  • Yiorgos Hadjichristou, Architekt, Nikosia:
„Ich habe mich viele Jahre mit dem Bauhaus beschäftigt, aber niemand konnte mir bisher sagen, was das Bauhaus eigentlich ist. Jetzt bin ich froh, dass ich es nicht weiß. Das Wichtigste ist, Fragen zu stellen.“
 
  • Loukas Bartatilas, Architekt, Athen:
„In Griechenland wird das Bauhaus mehr als ein Stil wahrgenommen, nicht als Weltanschauung.“
 
  • Miško Šuvaković, Künstler und Kunsthistoriker, Belgrad:
„Jede Generation liefert neue Interpretationen des Bauhaus. Welche Bildhauer, Künstler, Architekten sind heute Avantgarde?“
 
  • Aida Abadžić Hodžić, Kunsthistorikerin und Philosophin, Sarajevo: (OK)
„Warum beschäftigen wir uns überhaupt noch mit dem Bauhaus?”
 
  • Ali Kemal Ertem, Kurator, Izmir:
„In Weimar und Dessau kam mir Deutschland sehr traditionell vor, als ob die Gesellschaft bis heute die neue Architektur und die damit verbundenen Ideen zurückweist.“
 
  • Vesna Meštrić, Kuratorin, Zagreb:
„Die neuen Museumsgebäude in Weimar und Dessau sowie die Dauerausstellungskonzepte wurden nicht im Detail präsentiert. Alles ist in einer Phase der Vorbereitung und es ist schwer, sich ein Bild vom dem Dauerausstellungskonzept zu machen.“
 
  • Deniz Ova, Direktorin Design Biennale, Istanbul:
„Wir müssen uns mit dem beschäftigen, was wir vom Bauhaus nicht wissen.“

 

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