Interview Maren Wickwire, Anthropologin und Filmemacherin

Maren Wickwire portrait
© Jill Fager

Ihr Dokumentarfilm „Together Apart“ wurde in Zypern (dem temporären Aufenthaltsort der philippinischen Frauen, den Sie porträtiert haben) zum allerersten Mal gezeigt. Wie fühlte es sich an, die Reaktionen des Publikums zu spüren?

Guil Ann (die junge Frau, die im Film porträtiert wurde)und ich standen hinten im Veranstaltungssaal des Goethe-Instituts und sahen gespannt zu, wie sich die Reihen Stuhl für Stuhl füllten. Es war für uns alle wichtig, dass die Veranstaltung erfolgreich war, denn es war ja auch der feierliche Abschluss unserer gemeinsamen Arbeit, einer Herzensangelegenheit, die uns zwei Jahre vom Anfang bis zum Ende begleitet hat. Sehr gefreut haben uns auch das positive Feedback und die engagierten Fragen im Anschluss an den Film. Die große Aufmerksamkeit zeigt uns, wie wichtig es ist, über das Thema der Hausangestellten in Zypern und weltweit zu sprechen. Themen wie Arbeitsrechte, globale Wirtschaften, transnationale Familienbeziehungen und Niedriglöhne für Arbeitsmigranten innerhalb der Europäischen Union interessieren verschiedene Organisationen. Inzwischen gab es noch eine extra Filmvorführung für Studenten der European University und der Stiftung Agora Dialogue.

Wie viele Personen sahen Ihren Dokumentarfilm im Goethe-Institut in Nikosia – und wie viele Zyprer waren darunter?

Karin Varga, die Leiterin des Goethe-Instituts Nikosia, hatte die wunderbare Idee, den Film mit der Photoaustellung Apples for Sale von Rebecca Sampson zu kombinieren. So konnten wir gemeinsam ein differenziertes Bild vom facettenreichen Alltagsleben der Hausangestellten in Zypern und anderen Ländern zeigen. Zur Eröffnung kamen 150 Personen aus beiden Teilen des Landes, darunter waren auch viele Mitglieder der philippinischen Gemeinschaft und andere Ausländer. Ich würde sagen, die Hälfte davon waren Zyprer. An der zweiten Filmvorführung nahmen 50 zyprische Studenten teil und zwei weitere Filmvorführungen werden am 16. Und 17. März stattfinden.

Warum zeigen Zyprer nur wenig Interesse am Dasein ihrer Hausangestellten?

Das ist eine gute Frage, die unsere zyprischen Nachbarn sicher besser als ich beantworten können. Die meisten Zyprer, mit denen ich über den Film sprach, waren sehr neugierig und drückten gemischte Gefühle über das Thema des Films aus. Nicht selten wurden sie von einer Hausangestellten großgezogen, haben eine Reinigungskraft aus Südostasien oder haben eine ausländische Arbeitskraft angestellt, die sich um ältere Familienmitglieder oder die eigenen Kinder kümmert. Einer der Protagonisten im Film sagte zu mir, ohne die Arbeitsmigranten wäre Zypern gelähmt.

Für meine Forschungen habe ich mehr als 20 Frauen interviewt, die alle eine andere Erfahrung mit ihren zyprischen Arbeitgebern gemacht haben. Einige Frauen arbeiten unter besseren Arbeitsbedingungen und haben weniger traumatische Beziehungen erlebt, aber die meisten mit denen ich sprach, arbeiten unter sehr herausfordernden und ausbeuterischen Bedingungen. Sie werden systematisch in der unteren Arbeiterschicht gehalten, ohne jede Möglichkeit, einen Job im „normalen“ zyprischen Arbeitsmarkt zu bekommen. Mit meinem Film wollte ich Einblicke in die Lebenswelt der Hausangestellten ermöglichen, ihre wöchentlichen Routinen, ihre Hoffnungen und Träume aber auch ihre Motivation, im Ausland unter diesen prekären Umständen zu arbeiten, darstellen. Meine Hoffnung ist, dass mein Film die Wahrnehmungen der Zyprer auf die mehr als 40.000 Hausangestellten verändert, die sich um das Wohlergehen ihrer Kinder und Alten kümmern. Und das man Frauen nicht nur als billige Arbeitskräfte betrachtet, sondern als gleichberechtigte Menschen.

Der Film konzentriert sich größtenteils auf die Fernbeziehungen der Hausangestellten und deren Familien, ignoriert jedoch deren Arbeitsbedingungen in Zypern. Lediglich im Abspann beschreiben Sie den politischen Hintergrund und die geringen Löhne sowie den Punkt, dass die Republik Zypern sich weigert, The Domestic Workers Convention zu unterzeichnen, welche vorsieht, akzeptable Arbeitsbedingungen und grundlegende Rechte für Hausangestellte zu schaffen. Warum wurde dieser Bereich aus Ihrer Dokumentation nicht abgedeckt?

Wie Sie sagten, das Thema wurde abgedeckt, war aber nicht als Hauptthema. In den konventionellen Medien werden Hausangestellte im Lichte der unakzeptablen Arbeitsbedingungen, sexueller Belästigung, Suizidversuchen und Arbeitsstreitigkeiten dargestellt. Es war nicht meine Absicht diese Narrative über Opfer zu wiederholen, sondern ich wollte, dass sie als Akteure sichtbar werden und sie ihre Geschichte mit Stolz erzählen können. Together Apart zeigt die Komplexitäten und Ambiguitäten der Strategien dieser Frauen auf, das Leben im Ausland zu meistern, wo sie oft von ihren Familien und häufig auch von ihren Kindern getrennt sind.

Sie haben mit Guil Ann und ihrer Mutter, Carren, lange Zeit zusammengearbeitet, sodass Sie eine enge Beziehung mit ihnen entwickelt haben. Bleiben Sie normalerweise mit ihren Hauptdarstellern in Kontakt, nachdem der Film fertiggestellt ist?

Da ich einen Hintergrund in visueller Anthropologie habe, habe ich gar nicht erst versucht, eine neutrale, objektive und distanzierte Position gegenüber meinen Forschungsteilnehmern und -ort einzunehmen. Im Laufe meiner Arbeit kamen wir uns sehr nahe und wurden eher Freunde. Wir sind zusammen durch schwierige Zeiten gegangen, wie die unerwartete Heimkehr von Carren, was uns sehr verbunden hat. Wir stehen fast täglich in Kontakt über Facebook Messenger und ich hoffe, dass ich Carren dieses Jahr wieder auf den Philippinen besuchen kann.

Sie wurden in Worms geboren, haben in Berlin studiert, lebten eine Weile in Zypern und leben jetzt wieder in den USA – ist Together Apart ein persönliches Thema?

Wir leben in einer Zeit der Migration mit einer zunehmenden weltweiten „Völkerwanderungen“. Mobil zu sein ist für einige Personen ein Privileg und für andere eine Notwendigkeit, um ihre Familien zu ernähren, von Kriegen zu flüchten und einfach zu überleben. Weil ich auch sehr mobil lebe, kann ich einige der Anpassungen und Zwischenschritte und den damit verbundenen Problemen der Hausangestellten nachvollziehen. Ich bin fasziniert von der Komplexität unserer Zeit – hauptsächlich ausgelöst durch das Leben in einer globalisierten Welt, wechselnden Identitäten, Vorstellungen, die durch soziale Medien beeinflusst werden, veränderlichen Grenzen und der Frage nach Staatsangehörigkeit. Was mich ergriffen hat, war die Widerstandsfähigkeit und der Mut von Carren, Guil Ann und allen anderen Frauen, die ich letztes Jahr kennengelernt habe und die Strategien, die sie entwickeln, um ein besseres Leben zu führen, für sich selbst und ihre Familien. Das ist ein fundamentaler Wunsch, der uns alle verbindet ungeachtet der kulturellen und sozioökonomischen Unterschiede.