Büchnerpreis Proteischer Poet

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Eine solche Bandbreite hat man lange nicht mehr bei einem Büchnerpreisträger gesehen: Marcel Beyer, Romancier und Lyriker, poetisiert sich die Welt – aber stets mit einem Stachel.

Die Begründung der Jury für die Verleihung des diesjährigen Büchnerpreises an Marcel Beyer hätte sich auf diesen einzigen Satz beschränken können: „Sie zeichnet damit einen Autor aus, der das epische Panorama ebenso beherrscht wie die poetische Mikroskopie.“ Mehr ist gar nicht nötig, um zu sagen, wie verdient diese Auszeichnung für den fünfzigjährigen, noch in Dresden lebenden Schriftsteller ist. Er verfügt über einen allumfassenden Welt- und Formblick. Eine solche Breite des literarischen Schaffens bei jeweils höchster Qualität hatte kein Büchnerpreisträger seit Friedrich Dürrenmatt 1986 mehr vorzuweisen.

Doch dass die Epik in der Begründung vor der Lyrik kommt, ist bezeichnend. Wie noch andere Gegenwartsautoren, die zwischen den Genres zu wechseln verstehen wie Proteus zwischen den Gestalten – Ransmayr, Zaimoglu, Tellkamp; alle übrigens noch ohne Büchnerpreis –, gilt auch Marcel Beyer in der Öffentlichkeit vor allem als Romancier. Bei ihm liegt das an Flughunde, seinem 1995 erschienenen, zweiten Roman, der weltweit Riesenerfolg hatte. Natürlich zieht das „Dritte Reich“ als Thema der deutschen Literatur immer wieder; aber was Beyer da veranstaltet in seinem Porträt eines Akustikers, der mit der Familie Goebbels bekannt wird und diese bis zu deren Mord und Selbstmord im Bunker unter der Reichskanzlei begleitet, das ist von einer subtilen Sprach- und Bildermacht, die dem im Buch miterzählten Gewaltregiment der Nazis eine andere Kraft entgegenzuhalten weiß: die der Poesie.


Mit Vater und Tochter Goebbels im Auto

Nicht einer Poesie des auf seine Weise ebenso fanatischen, weil für alles andere als seine wissenschaftliche Überzeugung blinden Akustikers oder der halbwüchsigen Goebbels-Tochter, die als zweite Ich-Erzählerin auftritt. Auch nicht einer Poesie des Prosa-Erzählens. Sondern einer untergründigen lyrischen Strömung, die diesen Roman durchzieht: in den Schlaglichtern, die er auf Erlebnisse seiner Protagonisten wirft wie etwa der Autofahrt von Vater und Tochter Goebbels, der an buchstäblich poetischer Bewegtheit wohl nur Prousts Schilderung einer Kutschfahrt im ersten Band von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit an die Seite zu stellen ist, die aus einer Reportage entstanden war, die der französische Schriftsteller Jahre zuvor im Figaro über seine Eindrücke bei einer Automobil-Tour veröffentlicht hatte.

Beyers kurzer Moment der Entbundenheit des Propagandaministers von allen Pflichten und Untaten ist ebenso flüchtig wie die Konstellation der Kirchtürme von Martinville, die Prousts Erzähler in ihrem steten perspektivischen Wechsel beobachtet. Es ist Genauigkeit, das mot juste, was hier zählt, nicht geographische Beständigkeit. Daraus ergibt sich ein Effekt, den man mit einer Übertragung des vom Ethnologen Clifford Geertz geprägten Begriffs der "dichten Beschreibung" auf ein literarisches Verfahren als „gedichtete Beschreibung“ bezeichnen kann.

Elementarer Bestandteil des Geertzschen Konzepts ist die Reflexion des eigenen Standpunkts durch den Forscher. In Beyers erstem Roman, Das Menschenfleisch aus dem Jahr 1991, findet sich kurz vor dem Ende die Frage: „Das ganze vorbereitete Wortmaterial habe ich eigentlich immer hier oben in der Kiste, Kopf, doch manchmal sehr gefährdet, die Bandstimme geht mir verloren, das Material will nicht heraus, als wäre das Band gelöscht, ist mir ein Magnet an der Schläfe entlanggefahren, so daß Laute nicht zu Wörtern werden?“ Protagonisten legen in Beyers Prosa permanent Rechenschaft ab über ihre Wahrnehmungen, besonders markant in Kaltenburg, dem 2008 erschienenen, bislang letzten Roman. Doch Wahrnehmung, das ist ein zentrales Erkenntnisprinzip Beyers, ist noch nicht gleich Wahrheit. Die ist nur in der Sprache zu finden, konkreter: in deren poetischer Ausformung.

Es ist ein Stachel in dem, was er schreibt

Und hier kommt der Lyriker Marcel Beyer nicht nur einfach ins Spiel; er ist der Spielmacher. Beyers Gedichtpublikationen, vom Debüt Walkmännin (1990) bis zu Graphit (2014), und auch seine vielfältige theoretische Auseinandersetzung mit Lyrik, wie erst jüngst in der Broschüre "Muskatblut, Muskatblüt" (Wunderhorn Verlag) über einen deutschen Liederdichter des fünfzehnten Jahrhunderts, zeigen das vielfältige "vorbereitete Wortmaterial", aus dem dieser Schriftsteller schöpft, und wie er es zu arrangieren versteht: assoziativ, witzig, doppeldeutig, bissig.

So wie es die beiden Anfangszeilen aus einem 2009 im Buch Laute Verse enthaltenen Gedicht zeigen: „Wespe, komm in meinen Mund,/mach mir Sprache, innen“. Es ist ein Stachel in dem, was Marcel Beyer schreibt – nur nicht in seiner Bewunderung, etwa für Friederike Mayröcker, seine wichtigste lyrische und damit allgemein-literarische Bezugsgröße, die er auf Bitten dieser Zeitung kürzlich wieder besucht hat. „Leben = Schreiben“, führt er darin aus, „mir fiele niemand ein, für den diese Gleichung so wenig antastbar, so produktiv, schlicht unumstößlich wahr wäre wie für Friederike Mayröcker“. Für Marcel Beyer gilt Beobachten = Schreiben.