Der Landrat trägt Uniform


Eigentlich hat Saskia Bargfrede mit ihrem Job als Verwaltungsangestellte und der Betreuung von Sohn Niklas (2) bereits einen ausgefüllten Terminkalender. Doch auch im Vereinsleben ihres Heimatortes Wittorf (Niedersachsen) mischt sie kräftig mit. Und ab und zu bleibt ihr dann vielleicht sogar noch ein bisschen Zeit, um sich an die Nähmaschine zu setzen. Mit jádu sprach sie über die Vorzüge des Vereinslebens, gelungene Integration ins Dorfleben und warum Politiker kurz vor den Wahlen plötzlich Uniform tragen.
Erzähl doch mal, Saskia: In welchen Wittorfer Vereinen bist du aktiv?
Also, da wären zunächst der Schützenverein und die Kyffhäuserkameradschaft. Außerdem mache ich noch Jazz-Dance im Sportverein, und durch meinen Mann bin ich seit einiger Zeit auch bei der freiwilligen Feuerwehr eingespannt. Bei den Kyffhäusern mache ich außerdem seit mehr als zehn Jahren die Pressearbeit, beim Schützenverein habe ich das auch übernommen und außerdem bin ich da zweiter Schießwart.
Womit du dann vermutlich in allen großen Vereinen im Ort dabei bist, richtig?
Fast richtig. Mir fehlt noch der Männerchor. Aber da lassen die mich aus verständlichen Gründen nicht rein, die Jungs wollen unter sich bleiben. (lacht) Abgesehen von den eben genannten haben wir auch noch kleinere Vereine wie zum Beispiel den Fotoclub. Das sind aber eher überschaubare Gruppen für speziellere Interessen und die haben dann logischerweise auch weniger Mitglieder. Da geht es dann auch mehr um inhaltliche Dinge. Beim Sport und beim Schützenverein ist ja die Geselligkeit auch ein wichtiger Aspekt.
Ein gutes Stichwort. Inwieweit denkst du, spielt die Mitgliedschaft in Vereinen eine Rolle für die Integration ins Dorfleben?
Du meinst, ob hinter vorgehaltener Hand über Leute getratscht wird, die kein Interesse an Vereinen haben? Die zu so furchtbar wichtigen Anlässen wie Schützenfest oder Erntefest nicht kommen und sich allgemein aus Gemeinschaftsaktivitäten heraushalten? (lacht)
Höre ich da einen leicht ironischen Unterton heraus?
Irgendwie schon. Weil das eben ein ganz typisches Klischee ist, mit dem sich Leute im ländlichen Bereich oft herumschlagen müssen. Wir wohnen auf dem Dorf, also neigen wir zum Tratschen. (lacht) Ich sehe die Sache folgendermaßen: Inwieweit man sich in Vereinen engagieren möchte, ist jedem selbst überlassen, und eigentlich nehme ich bei uns in Wittorf auch keine negativen Reaktionen war, wenn ein neu Zugezogener daran kein Interesse hat. Vereine sind lediglich ein Angebot. Früher war das, denke ich, aber schon noch ein bisschen anders. Bevor es das Internet gab, war das Vereinsleben die einfachste Methode, um Kontakte zu knüpfen und Freundschaften zu schließen. Inzwischen ist das online ja beinahe noch einfacher. Außerdem gibt es im Netz ja auch Interessensgemeinschaften für so ziemlich jedes Hobby, auch was ausgefallene Dinge angeht. Man muss nicht mehr in einem Fotoclub sein, um über Fotographie zu fachsimpeln.
Und wie sieht das aus, wenn man zum Beispiel eine politische Karriere anstrebt? Wenn man sich für den Ortsrat oder den Stadtrat aufstellen lassen möchte? Können Vereine da auch als eine Art Sprungbrett genutzt werden?
Auf jeden Fall bieten Vereine ein Forum, um Präsenz zu zeigen und den eigenen Bekanntheitsgrad zu steigern. Und besonders auf kommunalpolitischer Ebene spielt es durchaus eine Rolle, wo manch einer sein Kreuzchen setzt. Da kann der Schützenkamerad oder die Freundin aus der Aerobic-Gruppe besser punkten als jemand, den man bestenfalls vom Sehen kennt und mit dem man außer „Guten Tag“ noch nie ein Wort gewechselt hat und der sich dann, scheinbar plötzlich, für den Ort engagieren will. Zwingend notwendig ist die Mitgliedschaft im Verein aber nicht. Unser Ortsbürgermeister ist sogar ein gutes Beispiel für das Gegenteil. Der hält sich, wenn es um Vereine geht, eher zurück, ist aber dennoch im Dorfgeschehen sehr präsent.

Also geht es eher um diese Präsenz als darum, zum Beispiel ein guter Schütze oder ein toller Fußballer zu sein? Mehr um das Sehen und Gesehen werden als um Inhalte?
Ganz ehrlich? Darum geht es in der Politik doch ziemlich oft, das ist jedenfalls mein Eindruck. Das ist so ähnlich, wie mit den Wahlplakaten, auf denen und Merkel, Steinbrück und Co. einem von jeder Ecke entgegen grinsen. Also, ich für meinen Teil war froh, als die Schilder nach der Wahl wieder abgenommen wurden, ich konnte die Leute langsam schon nicht mehr sehen (lacht). Das ist übrigens auch so ein Phänomen: Im Wahljahr sind auffällig viele Anwärter auf ein politisches Amt plötzlich bei jedem Fest zu sehen und tragen dabei sogar Uniform. Da läuft der Bundestagskandidat beim Schützenfest in der ersten Reihe und der angehende Landrat fährt auf dem Erntewagen mit – und bis zur nächsten Wahl sieht man sie dann nie wieder. Aber ich möchte natürlich niemandem unterstellen, er wäre aus anderen Gründen da, als fröhlich zu feiern.
Wie steht es eigentlich mit dir? Willst du dich auch mal in den Ortsrat wählen lassen oder strebst du irgendeine Form von politischer Karriere an?
(sehr spontan und begleitet von heftigem Kopfschütteln) Nein! Gott bewahre, das ist überhaupt nichts für mich.







