Kunst gestern und heute Warum die Deutschen den Expressionismus lieben

Franz Marc. Schöpfung der Pferde (Ausschnitt). 1913. Museum de Fundatie, Zwolle
Franz Marc. Schöpfung der Pferde (Ausschnitt). 1913. Museum de Fundatie, Zwolle

Wenn man in Deutschland lebt, mag man glauben, dass es keiner weiteren Ausstellungen über den deutschen Expressionismus mehr bedarf. So umfassend scheint in den letzten Jahrzehnten das Phänomen des Expressionismus in monographischen und einzelnen thematischen Übersichten behandelt zu sein. Warum wird der Expressionismus in Deutschland so geliebt, dass diese Ausstellungen in Deutschland bis heute immer wieder für Besucherrekorde gut sind?

Zum einen entfesseln die herrlich leuchtenden Farben und die wilden gestischen Pinselschwünge die Emotionen der Ausstellungsbesucher. Die Gemälde sind ein Fest für die Sinne. Die Bilder der Expressionisten sind gemalte Gefühle, denen sich niemand entziehen kann, auch die Deutschen nicht, die bei ihren ausländischen Nachbarn nicht gerade als gefühlsgesteuert gelten. Vielleicht ist es auch gerade der zum eigenen Dasein fühlbare emotionale Gegenentwurf, den die Deutschen am Expressionismus so lieben? Diese emotionale Entfesselung erleben die Franzosen, Niederländer oder Amerikaner jedoch nicht viel anders als die deutschen Museumsbesucher, wenn sie vor den Werken der Expressionisten stehen.
 

Die Rehabilitierung der Expressionisten

 
Doch bei den deutschen Museumsbesuchern kommt noch etwas hinzu. In den Werken von Kirchner, Heckel, Pechstein, Kandinsky, Marc, Macke, Münter etc. begegnen die Deutschen ihrer Geschichte. Denn eben diese Künstler hatte das Nazi Regime diffamiert und für entartet erklärt. So wie Jackson Pollock einst für Amerika die nationale Idee der grenzlosen Freiheit verkörperte, stehen in Deutschland Kirchner, Heckel, Marc für das demokratische Selbstverständnis Deutschlands. Dies lernen die deutschen Schüler schon in der Schule.
 
Nicht ohne Grund schmückt das berühmte Bild „Sonntag der Bergbauern“ von Kirchner im Kabinettssaal des deutschen Bundeskanzleramts. Darüber hinaus verdanken viele bedeutende Museumssammlungen in Deutschland ihre Entstehung der Rehabilitierung der von den Nazis diffamierten Künstler. Die als entartet geltenden Werke der Expressionisten, die von den Nazis zerstört oder aus den deutschen Museen vorwiegend in das damals wirtschaftlich blühende Amerika verkauft wurden, sollten ersetzt werden. Museen wie die städtischen Kunstsammlungen in Chemnitz konnten mit Hilfe großzügiger Schenkungen erst nach der Wiedervereinigung ihre Expressionismus Sammlungen aufbauen, Museen wie Duisburg, Düren oder Wiesbaden nutzten den wirtschaftlichen Aufschwung der noch jungen Bundesrepublik, um schon nach dem Zweiten Weltkrieg Verlorenes wieder zurück zu kaufen. Und Leonie Reygers richtete als erste Direktorin des Ostwall Museums in Dortmund schon 1955 im Auftrag des Auswärtigen Amtes eine Ausstellung mit expressionistischen Werken in verschiedenen amerikanischen Museen aus, um den Bruch mit der braunen Vergangenheit auch im Ausland sichtbar zu machen. Schlussendlich ging es der deutschen Politik darum, das von den Nazis an den diffamierten Künstlern begangene Unrecht wieder gut zu machen.
 

Expressionisten und Neo-Expressionisten sind auf dem deutschen Kunstmarkt heiß begehrt

 
Nicht nur die politische Instrumentalisierung des Expressionismus war für die hohe Popularität des Expressionismus in Deutschland verantwortlich. Hinzu kommt die hohe Wertschätzung, die der deutsche Expressionismus bei deutschen Sammlern erfuhr. Dabei profitierte der deutsche Kunstmarkt enorm von der blühenden Wirtschaft der Nachkriegsjahre. Die Berichte über sensationelle Auktionsergebnisse von Kirchner oder Heckel auf den Auktionen und Messen füllten die Kunstmarktseiten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder des Handelsblatts. Die Preisentwicklung beeinflusste auch den Besuchererfolg von Ausstellungen, denn was teuer war, hatte aus Sicht des Publikums auch Bedeutung.
Diesen Kunstmarkterfolg teilten die Expressionisten (Wilde) in den 1980er Jahren mit den sogenannten Neo-Expressionisten oder auch Neue Wilde genannt. Dies gilt besonders für Georg Baselitz und Markus Lüpertz, denen bis heute nicht nur in Deutschland große Museumsausstellungen gewidmet werden. Diese aus dem deutschen Expressionismus geborene Kunstentwicklung ist mit bemerkenswerten Beispielen im Groninger Museum zeitgleich zu dieser Ausstellung zu sehen. Ob nun wild oder neu -wild, die expressive Malerei erfreute sich besonders in den 1980er Jahren in Deutschland höchster Beliebtheit. Dabei bestätigte der Erfolg der Neuen Wilden die Bedeutung ihrer künstlerischen Väter.
 

Der deutsche Expressionismus war schon immer ein internationales Phänomen

 
Doch seitdem sich die Ausstellungsmacher auch seit einigen Jahren für die internationalen Beziehungen des Expressionismus interessieren, scheint man in Europa den deutschen Expressionismus neu zu entdecken. Große Ausstellungen, die sich z.B. im Kunsthaus Zürich mit dem Verhältnis der deutschen Expressionisten zu den französischen „Fauves“ oder in Berlin in der Alten Nationalgalerie mit dem Expressionismus als Reaktion auf den dem französischen Impressionismus beschäftigen, sind die jüngsten Belege für diese neue Sichtweise auf den deutschen Expressionismus.
Diese zunehmende Bereitschaft der Kunsthistoriker, den deutsche Expressionismus nicht mehr als rein deutsches Phänomen zu betrachten, mag dazu beigetragen haben, dass bei unseren europäischen Nachbarn ein neues Interesse erwachte. Ob es sich um Emil Nolde im Grand Palais in Paris (2008) oder um die „Brücke“ und den „Blauen Reiter“ in der Pinacothèque in Paris (2012) oder zuletzt im Palazzo Ducale in Genua (2015) geht, der Expressionismus erfreut sich in den Nachbarländern Deutschlands eines zunehmenden Interesses.