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Vereinigtes Königreich Glasgow

Übersetzt von Caroline Waight
Laura Vogt: Die liegende Frau

Das Buch 'Woman, Idle' liegt zusammen mit einer rosa Kamelienblüte auf einem gestreiften Bettlaken
© Goethe-Institut Glasgow

Ein Fan von Sally Rooneys Debüt Gespräche mit Freunden (übersetzt von Zoë Beck)? Sehnsucht nach einem neuen Roman in unverblümter, doch anschaulicher Prosa? Wenn du auf der Suche nach einer Erzählung in der ersten Person mit komplexen weiblichen Charakteren bist, die unkonventionelle Beziehungsformate, ihre Körper, Queerness und mentale Gesundheit navigieren, mach dich auf eine narrative Reise in die Schweizer Alpen! Der feministische Roman Die Liegende Frau, geschrieben von Laura Vogt, könnte genau das sein, nach dem du suchst.

Romi freut sich vorsichtig auf eine Reise nach Berlin mit ihrer ältesten Freundin Nora und Noras Freundin Szibilla, aber kurz vor ihrer geplanten Abreise erhalten Romi und Szibilla einen Anruf von Noras entfremdeter Mutter, die ihnen sagt, dass Nora krank und in ihrem Familienhaus im Rheintal sei. Da sie ihnen mehr Details verweigert, entscheiden sich Romi und Szibilla dem Ganzen nachzugehen und buchen ein in die Jahre gekommenes Resort in der Nähe des Hauses. Es stellt sich heraus, dass Nora – unsere namensgebende liegende Frau – nicht physisch krank ist, sondern sich isoliert und verweigert mit irgendjemandem zu sprechen.

Alle drei Frauen navigieren sich verändernde Beziehungen in einem Roman, der die Frage aufwirft, wie Beziehungen unser Leben formen. Nora hat sich vor kurzer Zeit von ihrem Drogenhändler-Freund getrennt und ist nun alleinerziehende Mutter einer Dreijährigen; Romi ist mit ihrem zweiten Kind schwanger, hat sich jedoch in einen anderen Mann verliebt und versucht sich an einer offenen Ehe; Szibilla ist eine Antinatalistin, die nach der Trennung von ihrem übergriffigen Freund einen Nervenzusammenbruch erlitt und deshalb Romantik gegenüber zynisch ist, sich jedoch einer Affäre mit ihrer Massagetherapeutin im Resort annähert.

Alle drei Frauen kämpfen außerdem mit ihren Körpern, und die Darstellung dieser Kämpfe ist erfrischend offen: von Szibillas Endometriose und Romis starken Schwangerschaftssymptomen, bis hin zu Noras mysteriöser Krankheit, die sie zum Schweigen bringt und ans Bett kettet. In ihrem stark verkörperten Roman zuckt Vogt nicht vor viszeralen Bildern zurück, wie zum Beispiel in einem prägenden Moment, in dem Szibillas Menstruationstasse auf dem Massagebett überläuft. 

Vogt zögert auch nicht davor, ihre Protagonistinnen über normalerweise tabuisierte Themen diskutieren zu lassen. Von weiblicher physischer und persönlicher Autonomie, über Antinatalismus und Nicht-Monogomie bis hin zu der harten Immigrationspolitik der Schweiz, entsteht der Kern des Romans aus Diskussionen, durch welche die komplexen und – wenn ich ehrlich bin – oft unsympathische Charaktere entstehen. Dies kann manchmal repetitiv wirken, wenn Romi und Szibilla, ohne ihren Ankerpunkt Nora, immer wieder in sich im Kreis drehenden Diskussionen steckenbleiben, die sich hauptsächlich um Szibillas harte, unversteckte Meinungen zu Romis Lebensentscheidungen, und Romis eigene Unsicherheit in ihrer neu offenen Beziehung drehen. Jedoch weisen diese Gespräche auf die Unsicherheiten und die Ungewissheit hin, die den Roman durchzieht.

Obwohl unsere Protagonistinnen unterschiedliche Leben führen und oft entgegengesetzte Meinungen haben, sorgen sie sich aufrichtig umeinander. Wenn es um die Verschiedenheiten der Dreien geht, fällt Vogt manchmal in die Falle des Überverbalisierens, statt Dinge in Handlungen und Stil darzustellen; im Gegensatz dazu zeigt sie die Fürsorge füreinander sehr viel nuancierter.

Dies beginnt mit Romi und Szibilla, die ins Rheintal kommen, um nach Nora zu schauen, und führt dazu, dass sogar die harsche Szibilla mit ihren brüsken Angeboten von Dienstleistungen Zärtlichkeit zeigt, zum Beispiel, wenn sie Romi ungefragt zum einzigen Optiker fährt, der an einem Feiertag geöffnet hat, um ihr neue Kontaktlinsen zu besorgen. Diese Fürsorge und Zärtlichkeit durchdringen das Buch vielleicht nicht sofort, aber wenn es doch geschieht, kann man nicht anders als mit diesen komplexen, vielschichtigen Frauen mitzufühlen, die versuchen, ihre Leben in einer patriarchalischen Welt zu verstehen.

Durchschnittliche Lesezeit: 3 Minuten.
 

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