Ádám Nádasdy Ungarisch – ein goldener Käfig?

Ádám Nádasdy unter Statuen ungarischer Dichter in Großwardein
Ádám Nádasdy unter Statuen ungarischer Dichter in Großwardein | Foto: © Várady Szabolcs

Die Ungarn sind stolz auf ihre Sprache, gerade weil sie so verschieden von allen anderen europäischen Sprachen ist: Den Unterschied zwischen dem Maskulinum und dem Femininum kann sie nicht ausdrücken, sie enthält kein Wort für „haben“, aber sie kann (durch eine besondere Konjugation des Verbs) anzeigen, ob das Objekt bestimmt oder unbestimmt ist: látok „ich sehe etwas“, látom „ich sehe es“.

Fast alle europäischen Sprachen gehören zur indogermanischen Sprachfamilie - das Ungarische nicht; es bildet die Ausnahme, zusammen mit dem Finnischen und Estnischen (mit denen es entfernt verwandt ist), dem Baskischen, dem Maltesischen und dem Türkischen.

Die ungarische Sprache ist extrem, so wie (angeblich) das ungarische Temperament. Attraktiv, aber unzuverlässig. Sie begleitet Sie wie ein treuer Freund, aber kaum drehen Sie den Rücken, schon ist sie weg und lässt Sie allein um Worte ringen. „Musik“ heißt zene oder muzsika, und die beiden Wörter haben verschiedene Konnotationen. „Ich habe Fieber“ heißt lázam van, wörtlich: „Fieber-mein ist“. Den Wortwechsel: „Ist der Arzt weggegangen?“ – „Ja.“ würde man übersetzen: „Elment az orvos?“„El.“ Wörtlich: „Wegging der Arzt?“" – „Weg.“ Es gibt kein grammatisches Geschlecht, also keinen Unterschied zwischen „er“ und „sie“, „seinen“ Augen und „ihren“ Augen. Das gibt Autoren (besonders Lyrikern) die Möglichkeit, sich abstrakter oder unbestimmter auszudrücken; in der Übersetzung wird dies dann häufig zum Problem, weil in anderen Sprachen das Geschlecht festgelegt werden muss und die Übersetzer die Entscheidung und die Verantwortung dafür übernehmen müssen, wie und wann sie das tun.

Heute würde niemand ernstlich Sprache und Nationalcharakter in Verbindung bringen, aber im 19. Jahrhundert sah man die beiden weitgehend im Zusammenhang. Die Ungarn merkten, dass sie „allein“ standen. Seit 1800 etwa vermuteten Sprachforscher, dass das Finnische, das Lappländische und einige wenig bekannte Sprachen in Sibirien dem Ungarischen verwandt sein könnten. Diese „finnische Idee“ wurde in Ungarn mit Unglauben und Enttäuschung aufgenommen: Man hatte etwas Glanzvolleres erwartet. Noch heute bemühen sich Amateurlinguisten um den Nachweis, dass das Ungarische mit dem Türkischen, Japanischen, Hebräischen, Sumerischen und wer weiß welchen Sprachen verwandt sei.

Alle gebildeten Ungarn sprachen Deutsch

Um 1000 vor Christus verließen die Magyaren, also die ältesten Ungarisch Sprechenden, das finnougrische Sprachgebiet (an der Ostseite des Urals) und schlossen sich den türkischen Nomadenstämmen in Südrussland an, und hatten allmählich ihre finnougrischen Ursprünge ganz vergessen, hielten sich für entfernte Verwandte der Türken oder Mongolen und glaubten von den Hunnen abzustammen. Diese Legende hielt sich weiterhin so gut, dass „Attila“ heute einer der häufigsten männlichen Vornamen in Ungarn ist.

Später, schon hier im Karpaten-Becken, empfand man das Deutsche als die größte Bedrohung für die ungarische Sprache. Alle gebildeten Ungarn sprachen Deutsch, und wer Ungarisch schrieb, war ständig hin und her gerissen zwischen der Versuchung, „Germanismen“ einzuführen, und dem Drang, sie zu vermeiden. Die Folge: Das Ungarische hat eine paradoxe Ähnlichkeit mit dem Deutschen. Dabei denke ich nicht nur an die vielen deutschen Lehnwörter im Ungarischen (cél „Ziel“, krumpli „Grundbirne = Kartoffel“, masíroz „marschieren“). Viel wichtiger noch ist die hohe Gemeinsamkeit in Redewendungen: Durch sie gleicht das Ungarische dem Deutschen wie ein Delfin einem Fisch, auch wenn Ursprung und innere Struktur bei beiden ganz verschieden sind. Auf Ungarisch wie auf Deutsch kann man sagen: Jemand schneidet auf (felvág), oder: Er ist eingebildet (beképzelt). In Berlin las ich einmal in einem Zeitungskommentar den Spruch: „Wie sich der kleine Moritz das vorstellt“, und ich musste lachen: Auf Ungarisch sagen wir genau das Gleiche (ahogy azt a Móricka elképzeli).

Puristen murren weiter gegen die Überfremdung der Sprache, nur dass jetzt nicht mehr das Deutsche, sondern das Englische den größten Einfluss ausübt. Nicht allein technische Fachausdrücke wie szkenner (Scanner) oder lízing (Leasing) dringen ein, sondern auch viele Lebensstil und Lebensgefühl von heute charakterisierende Wörter werden übernommen: mainstreamfíling (Feeling), retró (Nostalgie) oder badis (einer, der mit Bodybuilding beschäftigt ist).

Warum die Ungarn nicht wie die Iren sind

Ungarisch ist ein besonderer Schatz; es könnte aber ein goldener Käfig für die sein, die diese Sprache sprechen. Es lohnt sich, die neuere Geschichte des Ungarischen mit dem Verlauf des Kampfes zu vergleichen, den die Iren gegen ihren übermächtigen Nachbarn geführt haben. Ungefähr in der Mitte des 19. Jahrhunderts haben die Iren das traditionelle irische Gälisch abgeschafft. Heute ist Englisch die Muttersprache fast aller Iren; das irische Gälisch können wenige verstehen. Damit ist eine reiche, ehrwürdige Sprache verloren gegangen – das mag ein trauriger Verlust sein, aber es ist, offen gesagt, auch ein großer Gewinn für die Nation, da sie jetzt eine internationale Sprache besitzt. Milliarden von Leuten können die Werke irischer Autoren leicht lesen, ganz zu schweigen von den Vorteilen im kommerziellen, militärischen et cetera Lebensbereich.

Das Ungarische war gegenüber dem Deutschen in einer vergleichbaren Lage wie das Irische im Verhältnis zum Englischen; aber das Entgegengesetzte geschah. In der Mitte des 19. Jahrhunderts entschieden sich zahlreiche Einwohner des damaligen Ungarns, deren Muttersprache nicht Ungarisch war, zum Ungarischen überzugehen, und tatsächlich sprach man in großen Teilen des Königreiches (mit Sicherheit in den Gebieten, die das heutige Ungarn ausmachen) nach zwei oder drei Generationen nur noch Ungarisch. Aber sobald Bürger des heutigen Ungarn die Grenzen überqueren und nach Wien, Paris, London oder nur in die Teile der Nachbarländer reisen, in denen man nicht Ungarisch spricht, dann sind sie verloren, es sei denn, sie hätten lange Jahre harter Arbeit auf das Erlernen einer Fremdsprache verwendet, die per definitionem sehr verschieden von ihrer Muttersprache sein muss. Verglichen mit Holland, Portugal, Griechenland oder Finnland, schneidet Ungarn in Bezug auf Fremdsprachenkenntnis miserabel ab. Die Iren haben sich von ihrem goldenen Käfig befreit, die Ungarn besitzen ihn noch – oder sitzen in ihm?

Eine längere Variante des Artikels entstand 1999 für Die Zeit.