Schnelleinstieg:
Direkt zum Inhalt springen (Alt 1)Direkt zur Sekundärnavigation springen (Alt 3)Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

László Krasznahorkai: Baron Wenckheims Rückkehr
Landeinwärts

Cover Baron Wenckheim (Ausschnitt)
Cover von "Baron Wenckheims Rückkehr" (Ausschnitt) | © Fischer Verlag

Ist die Welt ein einziger Transitraum oder kann man sich daraus zurückziehen und nach Hause kommen? László Krasznahorkai stellt mit seinem Roman Baron Wenckheims Rückkehr große Weltliteratur gegen den Heimatkitsch.

Und wenn man tatsächlich die Richtung wechseln würde? Es geht ja notwendigerweise viel ums Aufbrechen in der Gegenwart und ihrer Literatur, ums Migrieren, mal weg Sein, global geschäftstüchtig werden, Erde als Transitzone. Nur, wo geht es hier bitte, das ist in einem existenziellen Sinn die Frage im neuen Roman des ungarischen Autors László Krasznahorkai, nach Hause? Ist es möglich, aus dem globalen Dorf sozusagen landeinwärts zu gehen, diese Heimat zu finden, von der in letzter Zeit wieder dermaßen laut geredet wird? Wobei nicht nur in Ungarn das Schlagwort "Heimat" auch dazu dienlich ist, Inopportunes und Kritik an politischen Verhältnissen zu unterdrücken.
 
Krasznahorkai ist aber kein politischer Autor, der Ereignisse seiner Zeit einfach kommentieren oder abbilden würde. Seine Erzählungen sind parabelhaft, mehrdeutig. An dem rasend komischen Roman Baron Wenckheims Rückkehr kann man gut erkennen, warum Krasznahorkai auf der ganzen Welt so sehr bewundert wird. Ein Mann, "zwischen neunzig und dem Tod", fährt darin an seinen Geburtsort. Er will "noch einmal am Ufer des Körös unter den Trauerweiden entlangspazieren, über die Jókai-Straße gehen, am Ende den schönen Platz auf dem Maróti-Platz durchqueren, bis zum Schloss der Almásys, und der Schneckengarten, Sie wissen, mein Herr, und die Burg". Ein sehnsuchtsvoll österreich-ungarisches Lüftchen weht durch diese Beschreibung der Kleinstadt Gyula an der rumänischen Grenze.
 
Aus dem Idyll wird nichts. Die Bewohner des Städtchens haben sich bereits eine Vorstellung von dem Baron gemacht, der aus seinem Exil in Argentinien zurückkommt. Sie sehen nicht den bankrotten Spieler in ihm, der er ist, sondern einen reichen Aristokraten, der nicht nur seinen Namen geerbt hat. Und so wird der Mann, dem das Entsetzen des Schüchternen ins Gesicht geschrieben steht, am Bahnhof empfangen: "eine Kutsche, geschmückt und mit vier Pferden, stand da mitten in der Menge, und auf der anderen Seite so ungefähr fünfzig Motorradfahrer, du weißt, in so Ledermonturen mit Tätowierungen und Stahlhelmen aus dem Weltkrieg, und im obersten Stock der Station hatten sie ein Transparent aufgehängt, WILLKOMMEN stand darauf, und auch sonst alles vollgehängt mit Nationalfahnen". Die Motorradgang lässt ihre Melodiehupen "Weine nicht um mich, Argentinien" tönen, der Polizeihauptmann "redete nicht lange um den Brei herum, der schlug dem Baron vor, das Geld vollumfänglich für die öffentliche Sicherheit zu verwenden, und er war fähig, dafür schon in dieser Rede zu danken und aufzuzählen, wofür er es ausgeben würde".

László Krasznahorkai ist selbst in Gyula geboren, er lebt heute überwiegend in Berlin. Sein erster Roman Satanstango, von dem er sagt, er wisse nicht, wie er im kommunistischen Ungarn durch die Zensur gerutscht sei, erschien 1985. 1987 kam Krasznahorkai nach West-Berlin, Mitte der Neunziger schrieb er in der Wohnung von Allen Ginsberg in Manhattan seinen Roman Krieg und Krieg. Spätestens mit der Übersetzung von "Melancholie des Widerstands" ins Englische im Jahr 2000 durch den Dichter George Szirtes wurde er zum Weltstar. 2015 erhielt er den internationalen Man-Booker-Preis. Seine letzten Bücher waren Kurzgeschichtenbände mit Stoffen aus Japan und China, die er viel bereist, und wo er auch gelesen wird.
 
Etwas an seiner Literatur muss auf der ganzen Welt verständlich sein, und das kommt vielleicht gerade daher, dass sie gar nicht einfach verständlich ist. Zum Beispiel wird da immer aus Sicht der Handelnden erzählt, die Perspektive aber oft so unvermittelt gewechselt, dass man seitenlang den Worten ausgeliefert ist, ohne zu wissen, wer spricht. Dazu diese endlosen Sätze, ganze Kapitel lang. Sie müssen höllisch schwer zu übersetzen sein, aber die Schriftstellerin Christina Viragh schafft es kongenial und erhält ihre wichtigste Eigenschaft: Man muss sie schnell lesen können. Sie kreisen wie Gedanken, zirkeln wie mündliche Rede, mit jeder Wiederholung kommt eine Nuance dazu.
 
Und nicht nur die Sprache kreist. Krasznahorkais Geschichten drehen sich oft um ein obskures Objekt, das schließlich verschwindet, sodass die Erzählung um eine leere Mitte zu taumeln scheint. In Melancholie des Widerstands war es ein ausgestopfter Wal, in Krieg und Krieg ein altes Manuskript, das eine Figur glaubte, abschreiben und ins Internet stellen zu müssen. Baron Wenckheims Rückkehr nennt Krasznahorkai nun die Zusammenfassung aller seiner Romane, und da ist es der Heimkehrer selbst in seinem messianischen Leuchten, an dem sich alle Träume, alles Begehren, aller Wahnsinn brechen. Nur der Baron selbst hat nichts von dieser Macht. Er ist ein zarter Mann, ein Schlemihl, dem alles zum Missgeschick wird. Nach drei Vierteln des Romans spaziert er melancholisch aus der Geschichte.
 
Wie um seine Motive durch Wiederholung zu plausibilisieren, stellt Krasznahorkai noch eine Spiegelfigur neben den Baron, einen zweiten Landeinwärts-Geher. Der war ein angesehener Professor für die Erforschung der Moose, bevor er sich als Penner ins Unterholz einer Stadtbrache verkrochen hat, die Dornbusch heißt. Wie das, was brennen muss, damit wir den Namen Gottes erfahren. Als ihn seine lange verleugnete Tochter aufspürt und zur Rede stellen will, schießt er um sich, flieht, inszeniert seinen Tod in einem Feuer. Auch ein Thema des Romans, das opak bleibt und nur durch Wiederholung deutlicher wird: Wie alte Männer, bevor sie verschwinden, hinter sich alles abfackeln, der Zerstörung anheimgeben. Wenn sie weg sind, bleibt das seltsame Bedürfnis nach Autoritäten, nach Allwissen, die Stelle, die diese Männer beansprucht hatten, leer zurück. Psychoanalytisch gesprochen, wäre das die Stelle des Über-Ichs, theologisch der Sitz Gottes, genealogisch die Gewissheit der Herkunft, der Heimat.
 
Auf diese weiche, nunmehr leere Stelle zielt Krasznahorkai, wenn er gegen Ende seines Romans absolutes Chaos, ein Inferno anrichtet unter denen, die hektisch das Ihre verteidigen. Von unbekanntem Absender lässt er eine Philippika ergehen "An die Ungarn": "Ein so abstoßendes Volk wie euch hat die Erde noch nie auf ihrem Rücken getragen", und so weiter, atemlos, ohne Punkt. Eine Auslöschung der Heimat, die dem Baron verleidet worden ist.
 
In Krasznahorkais erstem Roman Satanstango kam zu den von Dauerregen gelähmten Bewohnern eines Dorfs im Kommunismus ein falscher Prophet namens Irimias und machte den Leuten vergebliche Hoffnungen auf Veränderung. Hoffnung brauche der Mensch eben, erklärte der Autor diese Geschichte einmal, ohne könne man ja doch nicht leben. Im postkommunistischen Ungarn von heute, hat erst neulich die regierungsnahe Zeitung Magyar Idők drei Dutzend Schriftsteller, darunter international bekannte wie Péter Nádas, György Dragomán und László Krasznahorkai beschuldigt, Ungarn und den Ministerpräsidenten Viktor Orbán zu verleumden. Der Leiter des Budapester Literaturmuseums, Gergely Prőhle, ist in Zusammenhang mit diesem Anwurf gerade aus dem Amt gedrängt worden. Mit der Hassrede "An die Ungarn" in seinem neuen Roman behandelt Krasznahorkai solche Vorwürfe wie einen Wunsch. Und erfüllt ihn. Er vollführt den Sprechakt der Verleumdung auf die grellste, absurdeste, verzweifeltste Weise.
 
Als der Schriftsteller 2015 den Man Booker International Prize entgegennahm, bedankte er sich hingegen. Bei seinen Lesern und (unter anderen) Franz Kafka, Ernő Szabó und Imre Simonyi, "unbekannten Dichtern meines Geburtsorts Gyula", dem mystischen Schriftsteller Janusz Pilinszky, Fjodor Dostojewski, seiner ersten und zweiten Frau, Jimi Hendrix, Thelonious Monk, seinen amerikanischen, britischen und deutschen Verlegern, der Stadt Kyoto, Thomas Pynchon, seiner Mutter, seinen Übersetzern, "Max" Sebald, der ungarischen Sprache, Gott. Damit zeichnete er eine ziemlich genaue Karte einer Weltliteraturlandschaft, die man hoffentlich auch als Heimat wird bezeichnen dürfen.

Top