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Interview mit den Kuratorinnen der Ausstellung Persönliche Distanz – Fotografien von Eva Besnyö
Gesellschaftliche Rolle der Fotografie

Strandbad Wannsee, 1931 Berlin
Strandbad Wannsee, 1931 Berlin | © Maria Austria Institute

Auf Initiative des Goethe-Instituts Budapest veranstaltet das Kassák Museum eine groß angelegte Ausstellung mit Fotografien von Eva Besnyö (1910–2003). Dies haben wir zum Anlass genommen, die Kuratorinnen Judit Csatlós und Anna Mária Juhász zum persönlichen und beruflichen Lebensweg der Fotografin – im heimischen und internationalen Kontext – zu befragen.

Welchem ungarischen Kontext lassen sich die frühen Arbeiten Eva Besnyös zuordnen?
 
Judit Csatlós: Dank ihrer in Kiserdő, im Elendsviertel des Budapester Stadtteils Ferencváros gemachten Aufnahmen, ihrer Serien über das Leben der Bauern auf dem Lande oder ihres mittlerweile zur Ikone gewordenen Fotos vom Jungen mit dem Cello wird die Tätigkeit von Eva Besnyö in Ungarn vor allem in Verbindung mit den verschiedenen Richtungen der Sozialfotografie ihrer Zeit gesehen. Ich finde ihre frühen Schaffensjahre in Budapest und Berlin deshalb sehr spannend, weil sie in dieser Zeit ein eigenes, zeitgemäßes Verhältnis zur Fotografie entwickelt hat. Das bezieht sich nicht unbedingt nur auf den Anschluss an die moderne Sichtweise und Formensprache, sondern auch auf das Experimentieren mit dem Rollenbild der Fotografin und auf die Herausbildung einer auf Professionalität basierenden, fachbezogenen Identität. Die ersten Schritte in diesem Prozess machte sie noch in Budapest, wo sie – wie auch andere junge Mädchen – dank der Privatschule von József Pécsi nicht nur eine praktische Ausbildung erhielt, sondern auch deutsche und heimische Magazine und Fotobände in die Hand bekam. Außerdem hatte sie die Möglichkeit, junge Menschen mit ähnlichen Interessen – wie etwa György Kepes – kennenzulernen, von denen viele später aus unterschiedlichen Gründen über die Landesgrenzen hinaus Karriere machten.
 
Anna Mária Juhász: Auch die ungarischen Emigranten, mit denen Eva Besnyö in Berlin oder gar später in den Niederlanden in Kontakt kam, bilden eine besondere Facette des ungarischen Kontexts. Neben Kepes bewegte sie sich in Berlin in denselben Kreisen wie Robert Capa, ihr Kindheitsfreund aus Budapest, bzw. indirekt auch wie László Moholy-Nagy, der als einer der wichtigsten Theoretiker – und Realisierer – des „Neuen Sehens“ galt und als dessen Assistent Kepes damals arbeitete. Und in den Niederlanden wurde sie eine enge Freundin des Architekten Sándor Bodon, über den sie auch an Aufträge im Bereich der Architekturfotografie kam.

  • Ferienhaus der Familie Dijkstra, 1934 Groet © Maria Austria Institute
    Ferienhaus der Familie Dijkstra, 1934 Groet
  • Schauspielerin und Kabarettsängerin Dora Gerson, 1936 Amsterdam © Maria Austria Institute
    Schauspielerin und Kabarettsängerin Dora Gerson, 1936 Amsterdam
  • Selbstbildnis, 1931 Berlin © Maria Austria Institute
    Selbstbildnis, 1931 Berlin

Welche Möglichkeiten hatte eine Fotografin im Berlin und im Budapest der 1920er- und 1930er-Jahre?
 
JCs: Während wir uns in der Lebensgeschichte von Besnyö vertieften, offenbarte sich uns eine sehr komplexe und widersprüchliche Epoche. Sowohl in Ungarn als auch in der Weimarer Republik betraten Frauen in großer Zahl den öffentlichen Raum: im Unterrichtswesen, an verschiedenen Arbeitsplätzen und in der Presse. Damit einhergehend entstanden ihrerseits auch neue Ansprüche und Sehnsüchte. Die mit Zigarette posierenden modernen Mädchen mit Kurzhaarschnitt, im Badeanzug beim vergnügten Sonnenbad oder beim Sport, die wir auch von den Bildern von Besnyö kennen, unterscheiden sich schon durch ihre Lebensweise und ihr Erscheinungsbild von den Frauen vor dem Krieg, die noch nach Selbstständigkeit strebten. In den 1920er-Jahren war es für eine Frau nichts Ungewöhnliches mehr, sich für eine Ausbildung zur Fotografin zu entscheiden. József Pécsi selbst hatte sich auch vor dem Krieg schon dafür eingesetzt, dass Fotografie durchaus auch ein Frauenberuf werden kann und Frauen zur Fotografin ausgebildet werden sollen. Als Frau in einem von Männern dominierten Bereich zurechtzukommen war damals allerdings noch immer mit vielen Schwierigkeiten und Hürden verbunden, was nicht nur daran zu messen war, wie schwer die großformatigen Kameras zu heben waren. Während ihrer Arbeit in den Berliner Studios konnte Besnyö erfahren, dass man mit ihr – sie war jung und hübsch – gleichermaßen als Model, als Laborantin oder als Fotografin rechnete.
 
Parallel zur sukzessiven Erweiterung der weiblichen Rollenbilder kam es aber auch zu politischen Veränderungen, die in Richtung neuer Einschränkungen wirkten. Es stellt sich also nicht nur die Frage, welche Möglichkeiten sich für sie als Frau ergaben, sondern auch die, mit welchen Einschränkungen sie als Jüdin konfrontiert wurde. Der in Ungarn ab Herbst 1920 geltende Numerus clausus ging im akademischen Bereich nicht nur in Bezug auf die jüdischen Bürger, sondern auch auf die Frauen mit massiven diskriminierenden Restriktionen einher, und zugleich geriet erneut eine Art konservatives Frauenideal in den Vordergrund. Demgegenüber bot Berlin die freie Atmosphäre einer pulsierenden Großstadt, in der die Filmkunst- und Theater-Avantgarde für Besnyö gleichermaßen Inspiration, Verhaltensmuster und geistiges Milieu bedeutete. Wegen des zunehmenden Einflusses der Nationalsozialisten wurden die Juden in Deutschland jedoch mehr und mehr aus dem geistigen, kulturellen und wirtschaftlichen Leben verdrängt. Auch die Publikationsmöglichkeiten von Besnyö gingen zur Neige; so musste sie ihr erst einige Monate zuvor in Betrieb genommenes selbstständiges Studio aufgeben.
 
Voriges Jahr gab es in Deutschland (Köln, Bremen) zwei größere Ausstellungen mit Werken von Eva Besnyö. Welche neue Lesart bietet die Ausstellung in Budapest? Was unterscheidet sie von den früheren Ausstellungen?
 
JCs: Die Ausstellungen in Deutschland haben sich im Prinzip die Aufgabe gestellt, das Œuvre in allen seinen Facetten zu erkunden; dementsprechend haben sie Besnyös Laufbahn umfassend und auf künstlerische Phasen aufgeteilt präsentiert. In unserem Fall reden wir von einem engeren Fokus: wir untersuchen das Œuvre aus der Perspektive der gesellschaftlichen Rolle der Fotografie. Einerseits möchten wir am Beispiel Besnyös aufzeigen, welche Emanzipationsmöglichkeiten der Beruf „Fotografin“ für die modernen Frauen beinhaltete und warum diese Laufbahn anziehend auf sie wirken konnte. Andererseits möchten wir zeigen, auf welche Weise einzelne Besnyö-Fotos durch Verwendungen für mannigfaltige Zwecke das kulturelle Leben beeinflussten: angefangen bei Dokumentation und Investigation über die visuelle Formulierung nationaler Eigenheiten bis hin zur Verkündigung universeller menschlicher Werte.
 
Im Ausland ist Eva Besnyö bis heute eine bekannte und anerkannte Fotografin. Woraus lässt sich ihr Erfolg ableiten und warum hat sie hierzulande keinen höheren Bekanntheitsgrad erlangt?
 
AMJ: Besnyö war zwar seit Anfang der 1930er-Jahre eine aktive Protagonistin der niederländischen und internationalen Fotografie-Szene, ihr Œuvre als Ganzes wurde aber auch in den Niederlanden erst ab Anfang der 1980er-Jahre schrittweise neu entdeckt. Als Ende der 1980er-Jahre das Interesse an der Kunst der Weimarer Republik wuchs, begannen auch mehrere sich mit ihren frühen Bildern zu beschäftigen. Das Verborgene Museum in Berlin – das sich die Aufarbeitung des Lebenswerks von nicht angemessen bekannten Künstlerinnen zum Ziel gesetzt hat – trug ebenfalls viel zu ihrer internationalen Anerkennung bei.
 
Ihr Erfolg lässt sich, so meine ich, aus der Lebendigkeit ihrer Bilder herleiten: wie sie durch ihre sehr starke Leidenschaft für die Fotografie mit dem Subjekt ihrer Fotos verbunden ist. Diese Verbindung zum Subjekt bringt aber bei Besnyö, abhängig von Zeit und Raum, wechselnde fotografische Praktiken hervor; daraus resultiert ein sehr abwechslungsreiches Œuvre, innerhalb dessen sich bei jeder Präsentation immer wieder neue, verborgene Kapitel entdecken lassen.
 
Das Publikum hatte übrigens auch hierzulande schon mehrmals die Gelegenheit, Besnyös Bilder zu sehen. Die Bilder ihrer Amsterdamer Ausstellung reisten 1986 in das Budapester Műcsarnok (Kunsthalle), und es gab 1998 und 2003 noch zwei weitere, kleinere Ausstellungen. Das Konzept für die jetzige Ausstellung im Kassák Museum haben wir anhand eigener Forschungen erstellt; so können wir die ungarischen Verknüpfungspunkte bzw. den gesellschaftlichen Kontext des Œuvres ausführlicher darstellen als die bisherigen heimischen Ausstellungen.
 
Ihr erforscht seit Längerem das Werk von Eva Besnyö, und in dieser Zeit hattet ihr auch die Gelegenheit, ihre Tochter und ihren engeren Freundeskreis kennenzulernen. Könntet ihr für dieses Interview bitte ein wichtiges Ereignis oder eine Lieblingsgeschichte bezüglich Besnyö in Erinnerung rufen?
 
JCs: Wir haben in zahlreichen Fällen die Erfahrung gemacht, dass die internationale Forschung Besnyös ungarische Beziehungen nicht identifizieren oder sie nicht mit den damaligen geistigen und künstlerischen Kreisen in Verbindung bringen kann. So war es wahrlich wie ein Leckerbissen für uns, als sich herausstellte, dass der auf mehreren Fotos abgebildete Paul Beck der Sohn des Bildhauers Ö. Fülöp Beck ist. In der ersten Begeisterung haben wir Fanni Havas, die Tochter von Márta Beck ausfindig gemacht. Im Zuge der Beschäftigung mit dem Familiennachlass wurde offensichtlich, dass Besnyö mit allen vier Beck-Kindern – mit András, Judit, Márta und Pál – gleichermaßen eine enge Freundschaft pflegte, bis zum Ende ihres Lebens. Es war herzzerreißend, ihren ersten nach dem Zweiten Weltkrieg verfassten Brief (der auch in der Ausstellung gezeigt wird) zu lesen, in dem sie beschreibt, wie es ihr ergangen ist und eine Reihe von Freunden aufzählt, um sich einzeln über ihr jeweiliges Schicksal zu erkundigen. Besnyö hat sich mehr als einmal dafür entschuldigt, dass sie sich schwer zum Schreiben aufraffen könne; dem aber widersprechen ihre langen Briefe. In den reichlich mit Humor gewürzten Zeilen entfaltet sich eine lebendige Persönlichkeit; andere Male wird in – auf die eine oder andere depressive Phase folgenden – Berichten beleuchtet, welch lebenswichtige Rolle ein inspirierender fachlicher und geistiger Austausch für sie hatte.
 
AMJ: Für mich rückte diese lebendige Persönlichkeit in fast greifbare Nähe, als wir in Amsterdam den Filmemachern und Fotografen Leo Erken und Anke Teunissen begegneten. Leo hatte in den letzten Lebensjahren von Eva Besnyö einen Dokumentarfilm darüber gedreht, wie diese ihr Archiv ordnet, mit Anke als ihre Assistentin. Im Gespräch stellte sich rasch heraus, dass beide in der – mehrere Generationen älteren – Fotografin eine enge Freundin sahen, mit der sie gerne Zeit verbracht hatten. Von ihnen erfuhren wir auch, dass Eva Besnyös Freunde – so auch Leo und Anke – während Evas letzter Amsterdamer Jahre verabredet hatten, dass möglichst jeden Tag eine(r) von ihnen mit ihr zu Mittag essen sollte. Später war Besnyö in ein Wohnheim für ältere Künstler auf dem Lande gezogen. Und die Tochter von Eva Besnyö, Iara Brusse, las uns bei unserem Treffen aus den Briefen vor, die auf ihre Bitte hin von Freunden und Familienmitgliedern zu Besnyös 75. Geburtstag geschickt worden waren.
 

Persönliche Distanz – Fotografien von Eva Besnyö

Kassák Museum, 1033 Budapest, Fő tér 1.
12. September bis 13. Dezember 2020
Eröffnung: 11. September, 18:00 Uhr

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