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Wissenschaftsjournalismus
Systemrelevant

Wissenschaftsjournalismus
picture alliance / Fotostand Gelhot

Wie reden wir über Wissenschaft? Wann wird sie politisiert? Der Wissenschaftsjournalist des Jahres 2020, Volker Stollorz, blickte im Januar 2021 auf das von Corona geprägte erste Medien-Jahr zurück. ​​

Von Volker Stollorz

Volker Stollorz ist Redaktionsleiter und Geschäftsführer des Science Media Center Germany. Vom "Medium-Magazin" wurde er zum Wissenschaftsjournalisten des Jahres 2020 gewählt. Hier erklärt er, wie das Pandemiejahr den Journalismus verändert hat.

Mein Pandemiejahr als Wissenschaftsjournalist begann noch in den Weihnachtsferien 2019. Mit den Neujahrsgrüßen erfuhr ich von einer Kollegin von einer "mysteriösen Pneumonie" in der chinesischen Provinz Hubei. Die Peking-Korrespondentin sei seit Tagen "alert", eine Einordnung der unklaren Lage in Wuhan durch versierte Virologen wäre "sehr gut, bevor möglicherweise wieder zu großer Alarm geschlagen wird".

Diese frühe Sorge vor einem medialen Fehlalarm ist im Rückblick bemerkenswert, wenn man über das Verhältnis von Wissenschaft, Wissenschaftsjournalismus und dem Publikum in Pandemiezeiten reflektiert: Der mögliche Irrtum ist ein selbstverständlicher Teil jeder Wahrheitssuche. Erst hinterher sind immer alle klüger. Die Rolle echter Expertise besteht dagegen darin, bereits in Zeiten hoher Unsicherheit praktische Antworten liefern zu können, die dem Faktensuchenden Schutz bieten. Die Kernfrage im guten Journalismus lautet daher stets: Was ist wirklich der Fall und was lässt sich wie und bei wem darüber in Erfahrung bringen?

Den Unterschied machen also nicht starke Meinungen, sondern sorgfältige Recherchen und die strenge Suche nach echter Expertise, die Orientierung liefert. Robuste Antworten, was wir Menschen verlässlich wissen können, liefern in modernen Gesellschaften vor allem anderen die Wissenschaften. Ohne Klimaforschung wüssten wir gar nichts über den menschengemachten Klimawandel. Ohne die Sozialpsychologie nichts über die Macht des Herdentriebs.

Das Cluster an Pneumonien, auf das mich die Kollegin aufmerksam gemacht hatte, war zumindest kein Fehlalarm, sondern der Beginn eines Jahres, das für die Wissenschaften und ihre Vermittler zu einem außergewöhnlichen werden sollte. Am 30. Dezember 2019 erfuhr die WHO erstmals von dem Ausbruch in Wuhan, am 7. Januar 2020 ist der Erreger 2019-nCoV im Labor sequenziert, sein Erbgut ab dem 10. Januar in weltweiten Datenbanken für Virologen aller Länder verfügbar. Drei Tage später wird der Erreger bereits in Thailand gesichtet. Eine Woche später erfährt die Weltpresse, das neuartige Coronavirus sei entgegen den Versicherungen lokaler Behörden leicht von Mensch zu Mensch übertragbar. Die weltweite Reise von Lunge zu Lunge hatte für Sars-CoV-2 zu diesem Zeitpunkt längst begonnen.

Stimmen, die mehr verwirrten als aufzuklären


Der weitere Verlauf der Pandemie ist längst Teil des kollektiven Gedächtnisses. Von der Wissenschaft wurden in diesem Jahr Zehntausende Forschungsartikel zu Covid-19 veröffentlicht: bahnbrechende Erkenntnisse, aber leider auch jede Menge Publikationsschrott, der öffentlich Verwirrung stiftete. Preprints wurden in Medizin und Lebenswissenschaften Mode, über die Folgen für nichtwissenschaftliche Publika denkt die Forschung bisher kaum nach. Sie schreitet einfach in rasantem Tempo voran: In den Laboratorien der Welt wurde das neue Virus vermessen, Impfstoffe in Rekordzeit erforscht, entwickelt, getestet und zugelassen. Klar ist, die Wissenschaft hat in extrem kurzer Zeit ganz praktisch wirksame Erkenntnisse geliefert. Zugleich schaute die breite Öffentlichkeit in die Herzkammern der Forschung, dort, wo neue Erkenntnisse manchmal, aber eben nicht immer alte Gewissheiten ersetzen.

Direkt aus der Forschung aber ergießt sich tagtäglich eine wahre Springflut von Informationen über daten- und nachrichtenhungrige Medienkonsumenten. Neben der Wissenschaft ist es der Wissenschaftsjournalismus, der wegen seiner Sortier- und Bewertungsfunktion systemrelevant wird, wie bereits zu Zeiten von Tschernobyl und Fukushima. Breite Teile der Bevölkerung suchten nach verlässlichen Informationsquellen.

Aber nach dem Schwinden der akuten Angst ereignete sich über den Sommer eine seltsame Verschiebung. In vielen Ländern erhob sich eine Kakophonie von Stimmen, die mehr verwirrten als aufzuklären. Manche bezweifelten die Notwendigkeit der Maßnahmen. Ein populistischer US-Präsident empfahl Desinfektionsmittel und Malariamedikamente als angebliche Heilmittel. Natürliche Herdenimmunität zu erreichen wurde als Therapie lanciert. Heerscharen von Hobbyvirologen auf YouTube und selbst einige wenige ernst zu nehmende Experten behaupteten fälschlicherweise, dieses Coronavirus sei so harmlos wie eine winterliche Virusgrippe.

Wissenschaft ist keine Demokratie


Natürlich haben vor allem Wissenschaftsjournalisten in Qualitätsmedien seit Beginn des Ausbruchs gewissenhaft Evidenz geprüft, Experten nach fachlichen Kriterien ausgewählt und unabhängig eingeordnet, was die Forschung zum jeweiligen Zeitpunkt der Pandemie über das Coronavirus wusste – und was unsicher war. Viele haben die komplexen und vorläufigen Erkenntnisse zu Schutzmaßnahmen und Ansteckungsrisiko fundiert und klar für die Öffentlichkeit aufbereitet, um Orientierung zu geben im Umgang mit dieser Pandemie. Doch im Gewirr der vielen lauten Stimmen und verwirrenden Nachrichten, gemischt mit politisierten Debatten, ging verlässliches Wissen vielfach unter.

In Zeiten einer geschwächten Gatekeeper-Funktion des Qualitätsjournalismus kam es im Ergebnis zu einer allgemeinen Verunsicherung über inzwischen in der seriösen Wissenschaft unbestrittene Tatsachen. Umso lauter dröhnten diverse Echokammern, bis sich die Bundeskanzlerin als Naturwissenschaftlerin im Bundestag genötigt sah, eine Art "Glaubensbekenntnis" abzugeben: "Ich glaube an die Kraft der Aufklärung (...), dass es wissenschaftliche Erkenntnisse gibt, die real sind und an die man sich besser halten sollte."

Wissenschaft ist keine Demokratie. Die Öffentlichkeit muss dem Wissen, das sie generiert, ein Stück weit vertrauen. Die Geschwindigkeit des Lichts, um bei einem Beispiel zu bleiben, das Angela Merkel in ihrer Rede nannte, kann keine Bürgerin direkt spüren. Niemand kann Viren mit eigenen Augen sehen, wenn er nicht gerade durch ein Elektronenmikroskop blickt. Die Vielfalt der wissenschaftlichen Disziplinen und Expertisen bleibt dabei für Außenstehende ein undurchdringlicher Dschungel. Die Reputationshierarchien in der Wissenschaft sind für Laien unsichtbar. Es braucht viele Jahre, bis auch Wissenschaftsjournalistinnen ausreichend Erfahrungen sammeln, um in öffentlich relevanten Forschungsfeldern reputierte von weniger reputierten Wissenschaftlern unterscheiden zu lernen. Wer im Dschungel der Disziplinen nach abweichenden Meinungen sucht, kann sich dort sehr schnell verlaufen.
Die Wissenschaften schreiten zudem interdisziplinär voran, ganze Konsortien mit Hunderten von Forschenden in komplizierten Feldern widmen sich den kniffligsten Rätseln: Wie kann das neue Coronavirus mit seinen rund 30.000 RNA-Bausteinen im menschlichen Körper so viel Schaden anrichten? Kein Virologe allein kann diese Frage beantworten. Kein Virologe allein überblickt die Welt der Viren in all ihren Facetten. Auch deshalb zählt eben in der Wissenschaft nicht jede Stimme zu jeder Frage gleich viel.

Die psychologische Verunsicherung wächst


Ereignet sich in den öffentlichen Debatten eine Art Expertenpandemie, werden also abweichende Meinungen vermeintlicher Experten medial verstärkt, dann beginnen im Bewusstsein einer wachsenden Minderheit Gewissheiten zu wackeln. Oft geschieht das, weil politische Kommunikatoren mit starken Emotionen Zweifel an der Wissenschaft sähen – etwas, das in unsicheren Gemengelagen wie einer Pandemie besonders leichtfällt. Die von der Bild-Zeitung angestoßene Pseudodebatte über eine angeblich fehlerhafte statistische Auswertung in einem nicht begutachteten und vorläufigen Preprint des bekanntesten deutschen Corona-Experten Christian Drosten zeigt exemplarisch, wie eine Boulevardzeitung die Herzkammer der Forschung missverstehen will – und eine angebliche Kontroverse mit Hilfe von vermeintlichen Gegenexperten skandalisieren kann, weil sich Laien bei diesem Grad an Komplexität auf die Schnelle kein eigenes fachliches Urteil bilden können.

Wie wissenschaftliche Expertise politisch instrumentalisiert wird, beschreibt der Historiker Caspar Hirschi in seinem Buch Skandalexperten, Expertenskandale – zur Geschichte eines Gegenwartsproblems. Jeder Forschende, der sich der Politik andiene, gebe damit seine "implizite Einwilligung zum Missbrauch seiner Rolle" und müsse in letzter Konsequenz akzeptieren, "unter bestimmten Umständen Opfer eines öffentlichen Degradierungsrituals zu werden, bei dem sich der Volkszorn zur Schonung der politischen Patrone an ihm abreagieren darf".

Derzeit leben wir ein Paradox: Die Unsicherheit der Wissenschaft – etwa bezüglich der Wirkung des neuen Coronavirus oder der Maßnahmen gegen seine Ausbreitung – schwindet. Gleichzeitig wächst die psychologische Verunsicherung. Im Grunde streiten wir derzeit kaum mehr um das tatsächliche Wissen der Wissenschaft, sondern in der lebendigen Demokratie über den Wert hochbetagten Lebens, über den Wert der Freiheit, über die ungleichen Folgen der Pandemie und die Frage, ob wir nicht alle unser Verhalten auf diesem Planeten nachhaltiger gestalten müssen (Wer die Lebensräume der Fledermäuse zerstört, der darf sich nicht wundern, wenn neuartige Pandemieerreger häufiger auf den Menschen überspringen).

Erste Lehren aus der Kommunikation über diese Pandemie


Doch obwohl es Menschen in der Regel schwerfällt, Gewohnheiten aufzugeben, erleben wir in dieser Pandemie erstaunlicherweise auch, dass große Teile der Bevölkerung hierzulande nicht nur gut informiert sind in Sachen Corona, sondern auch Maske tragen, Abstand halten und riskante Kontakte einschränken. Auch das Vertrauen in Wissenschaft ist messbar gewachsen, vermeldet zumindest das Wissenschaftsbarometer von Wissenschaft im Dialog. Zeitgleich beobachten wir, dass Wissenschaft immer häufiger populistisch vereinnahmt wird. Wer öffentlich Verwirrung stiften will, der kann schlicht Zweifel sähen und damit die sogenannten Suchkosten für verlässliches Wissen erhöhen. Die Taktiken der Desinformation, die dabei benutzt werden, kennen wir aus den öffentlichen Debatten um die Schädlichkeit von Tabak und die Frage, ob der Klimawandel menschengemacht ist.

Am Ende werden gefühlte Wahrheiten und der sogenannte gesunde Menschenverstand in Anschlag gebracht gegen mitunter stahlharte Erkenntnisse der Wissenschaft. Die kognitiven Dissonanzen, die dabei entstehen, weil man die Gefahr des Erregers schwer ausblenden kann, lösen manche Menschen auf, indem sie weniger seriöse Quellen konsultieren, wo ihre vorgefestigten Meinungen bestätigt werden. Wie sich Demokratien besser gegen bewusste Desinformation im Umgang mit Wissenschaft immunisieren könnten – ohne die legitime Meinungsvielfalt einzuschränken –, ist eine der großen ungelösten Herausforderung der digitalen Transformation von Öffentlichkeiten. Auch das hat diese Pandemie gezeigt.


Zu viel Zeit mit fruchtlosen Debatten verbracht


Lassen sich wenigstens erste Lehren aus der Kommunikation über diese Pandemie ziehen? Ja, das Weltereignis hat bekannte Probleme im Umgang der Öffentlichkeit mit wissenschaftlichem Wissen wie in einem Brennglas vergrößert. Qualitätsfilter im Journalismus über Wissenschaft sind wichtig auf allen Ebenen. Da ist zum einen das Thema Expertenauswahl. Allein Wissenschaftsjournalisten sind es gewohnt, die Reputation eines Forschenden bei der Auswahl ihrer Experten zu berücksichtigen. Wenn der Journalismus seine Auswahlroutinen von wissenschaftlichen Expertinnen und Experten nicht sorgfältiger reflektiert, wird er auch künftig anfällig bleiben für Instrumentalisierungen. Mächtige Interessengruppen können Mietmäuler mit Professorentitel beschäftigen, um öffentlichkeitswirksam Zweifel an unpassenden wissenschaftlichen Risikobotschaften zu säen.

Umgekehrt sind Journalisten stets versucht, Forschende zu präsentieren, die im Publikum erwünschte Botschaften senden. Über den Sommer mit seinen Lockerungsdebatten bei geringen Fallzahlen wurde es für Medien zunehmend attraktiver, Experten zu befragen, die Zweifel äußerten an der Angemessenheit der Alarmierung. Virologen wie der HIV-Experte Hendrik Streeck vertraten emotional für viele im Publikum attraktive Minderheitenpositionen und selbst ernannte Pseudoexperten in sozialen Netzwerken schafften es immerhin, sich – unter dem Siegel der Meinungsvielfalt – mit Verantwortlichen von öffentlich-rechtlichen Fernsehsendern zu treffen. Im Ergebnis können sich durch solche Verstärkereffekte in bestimmten Publika absurde Thesen verselbstständigen.

Guter Journalismus über Wissenschaft und eine professionelle Beobachtung der Wissenschaften müssten demnach künftig in allen journalistischen Medien einen höheren Stellenwert erhalten. Klar ist dabei: Vertiefende Recherchen brauchen erhebliche Personalressourcen. Und noch etwas: In der verwissenschaftlichen Gesellschaft, in der wir leben, werden kollektiv bindende Entscheidungen immer häufiger auf der Grundlage von Problembeschreibungen und Handlungsoptionen getroffen, die die Wissenschaft liefert. Die Wissenschaft und der Journalismus über Wissenschaft müssen deshalb künftig reflektierter damit umgehen, welche Wirkung ihre Narrative beim Publikum entfalten.

In welchen Situationen suchen Menschen überhaupt nach Informationen? Um Folgen von Entscheidungen abzuschätzen? Um sich vor anderen oder einem selbst für getroffene Entscheidungen zu rechtfertigen? Um andere zu überzeugen, zu handeln wie man selbst? Wie wirken Warnungen auf Menschen, die sich von wissenschaftlichen Erkenntnissen emotional herausgefordert fühlen? Wie stoppt man die "Händler des Zweifels", wo doch Forschende innerhalb der Wissenschaft jede Erkenntnis bezweifeln und kritisieren müssen? Vielleicht hält Christian Drosten als das bekannteste Gesicht dieser Pandemie eine entscheidende Lektion bereit. Viele Menschen im Publikum konnten sich selbst ein Bild davon machen, was der Wert von ehrlichen Maklern in Forschung und Journalismus ist: individuell und kollektiv vernünftigere Entscheidungen, sei es dem Abstandsgebot auch dann zu folgen, wenn der Wunsch nach Nähe übermächtig wird, oder Masken an öffentlichen Orten zu tragen, um andere zu schützen.

Mich persönlich hat dieses erste Jahr der Pandemie weit über meine professionellen Grenzen hinaus, mithin auch menschlich, herausgefordert. Am Ende empfinde ich es als Niederlage, dass es den vielen gewissenhaft arbeitenden Wissenschaftsjournalisten in Deutschland und den Forschenden im Herbst nicht länger gelungen ist, ihrem Publikum den breiten fachlichen Konsens über die drohende winterliche Welle klarzumachen. Zu übermächtig waren in vielen Medien die Reflexe, jede Einschätzung aus der Wissenschaft mit einer Gegenposition zu kontrastieren und ungeprüfte Forschungsergebnisse aus Einzelstudien uneingeordnet zu vermelden, sodass sie Zweifel an dem weckten, was längst wissenschaftlicher Konsens war.

Wir haben zu viel Zeit mit fruchtlosen Debatten verloren. Woran genau das gelegen hat und welche Rolle dabei die teilweise chaotische wissenschaftliche Politikberatung gespielt hat, wird in diesem neuen Jahr zu klären sein. Ich ganz persönlich hoffe, dass ich mich bald gegen Sars-CoV-2 impfen lassen kann. Wie schon damals bei der Schweinegrippe.
 

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