Schnelleinstieg:

Direkt zum Inhalt springen (Alt 1) Direkt zur Hauptnavigation springen (Alt 2)

Reporter Slam
Investigative Journalist*innen auf der Bühne

Reporter Slam
© Goethe-Institut Budapest

„Reporter*innen sind sehr gut im Geschichtenerzählen. Bei uns können sie auch die Bühne für sich entdecken“, erklärt Jochen Markett, Erfinder des deutschen Bühnenformats „Reporter Slam“. Dabei geht es im Wesentlichen darum, dass Journalist*innen ihrem Publikum von ihren spannendsten Recherche-Arbeiten erzählen, die sich oft als lehrreicher und unterhaltsamer entpuppen als die Reportagen selbst. In Ungarn debütiert das Format im Juni in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut und dem Dumaszínház (Duma-Theater, in etwa: „Laber“-Theater).

Am ersten ungarischen „Reporter Slam“ nehmen Gergely Brückner, ein Finanz- und Wirtschaftsjournalist von Telex, András Dezső, bei HVG spezialisiert auf organisierte Kriminalität und Geheimdienste, Attila Kálmán, bei Investigate Europe mit internationalen Recherchen betraut, sowie Eszter Katus, Chronistin des ländlichen Ungarn bei Átlátszó, teil. Ihre Storys werden umrahmt von verknüpfenden Texten aus der Feder Gergely Litkais. Am 10. und 11. Juni finden zwei Auftritte statt: im Fordítóház (Übersetzer*innenhaus) in Balatonfüred sowie im Dumaszínház in Budapest.

Das ursprüngliche deutsche Format wurde 2016 vorgestellt, und seitdem haben annähernd 800 Journalist*innen ihre Storys live mit dem Publikum geteilt. In sechs Jahren wurden mehr als dreißig „Reporter Slams“ ausgetragen; sogar die Corona-Pandemie der vergangenen zwei Jahre hat das Projekt überstanden.

„Reporter Slam“ ist eines der lebendigsten Beispiele für Bühnen- oder Live-Journalismus in Europa. Wenig überraschend war der Live-Journalismus Mitte der 2000er Jahre mit der sich vertiefenden Krise der Medienbranche aufgetaucht, als die Printmedien und der klassische Journalismus immer stärker an Einfluss verloren und ihr Geschäftsmodell ins Stocken geriet.

Der Klassiker des Bühnen-Journalismus ist das 2009 in San Francisco gestartete „Pop-Up Magazine“, bei dem Journalist*innen, Fotograf*innen und Radiomoderator*innen ihre wahren, aber nie veröffentlichten Storys erzählen. Ähnliche Formate existieren aber auch in Finnland („Black Box“), Dänemark („Zetland“), Belgien und Frankreich („Live Magazine“), Großbritannien („Sunday Papers Live“), Spanien („Diario Vivo“) und Rumänien („DOR Live“).

Die Besonderheit der deutschen Originalversion von „Reporter Slam“ besteht darin, dass sich die Journalist*innen darin messen, wessen Story sich den stärksten Applaus des Publikums verdient – ​​diese*r Journalist*in gewinnt dann den Titel „SLAMpion“. In der ungarischen Version gibt es keinen solchen Wettbewerb; wir zeigen lieber anhand der lehrreichen und unterhaltsamen Storys von in unterschiedlichen Bereichen profilierten Autor*innen, wie journalistische Arbeit funktioniert. Gerade in Zeiten, in denen Medien die Verbreitung von Fake News und politische Instrumentalisierung vorgeworfen werden, ist es sehr wichtig, dass die Menschen diese Journalist*innen von Angesicht zu Angesicht kennenlernen und verstehen, wie sie tatsächlich arbeiten.

Zur Budapester Veranstaltung wird auch Jochen Markett erwartet, der auch Mitbegründer des Portals realsatire.de ist, das sich dem Weltgeschehen mit den Mitteln des Absurden nähert. Zu Beginn der Vorbereitungen hat Markett auch einen Workshop für ungarische Journalist*innen geleitet. Gergely Litkai, der Direktor des Dumaszínház, mit dem die Journalist*innen gemeinsam ihre Bühnen-Performance entwickelt und einstudiert haben, hat unvergessliche Verdienste erworben, was das Schreiben und Inszenieren der Storys betrifft.

Die Auftretenden sind erfahrene Reporter*innen, die sich bereits mit zahlreichen journalistischen Preisen und Auszeichnungen schmücken können und die allesamt im Investigativ-Bereich tätig sind, die aber zu jeweils anderen Themen unterwegs sind, sich in unterschiedlichen Milieus bewegen.

Um sich vorzustellen, haben wir jeder*jedem von ihnen drei Fragen gestellt: 1. Was gefällt dir am Journalismus am meisten, und was am wenigsten? 2. Was hältst du vom „Reporter Slam“? 3. In Bezug auf welchen Artikel tut es dir am meisten leid, dass nicht du selbst ihn geschrieben hast?

Gergely Brückner

ist Wirtschaftsjournalist bei Telex. Sein Hauptinteressengebiet sind der Finanz- und der Energiesektor. Seine Recherche-Artikel haben bereits mehrere renommierte Auszeichnungen erhalten, darunter einen Soma-díj (Soma-Preis), einen Pulitzer-emlékdíj (Pulitzer-Gedächtnispreis) und fünfmal einen Minőségi újságírásért díj (Preis für qualitativ hochwertigen Journalismus).

1. Das beste Element ist abwechslungsreiches Lernen. Es durchzieht jeden Moment des Berufs, dass es möglich ist – wenn auch nur durch das Kratzen an der Oberfläche –, ständig neues „Wissen“ zu erwerben und neue Leute kennenzulernen. Grundsätzlich finde ich es am schlimmsten, wenn man mir mit vorurteilsbehafteten, unwahren Annahmen begegnet, wenn man mir von vornherein falsche Absichten, politische Voreingenommenheit oder gar irgendeine Art von Hinterhältigkeit oder Gemeinheit unterstellt, nur weil ich Fragen stelle und einen Artikel schreiben möchte, oder weil ich für ein bestimmtes Medium arbeite, das man schon in irgendeine Schublade gesteckt hat. Aber ich hasse es auch ungemein, wenn ich wegen eines Software-Fehlers auch nur fünf Minuten investieren muss, um etwas neu abzutippen, was ich zuvor bereits niedergeschrieben hatte. In solchen Momenten empfinde ich fast körperliche Schmerzen.

2. Die Idee an sich gefällt mir sehr gut, ich rede sehr gerne im kleinen Kreis über meine Arbeit, auf Einladung von Schulklassen, Vereinen, Hochschulgruppen … Das finde ich sehr interessant. Ich kann mich an kein Event erinnern, bei dem ich keine gute Zeit gehabt hätte und wo Journalist*in und Leser*in einander nicht nähergekommen wären.

3. Bei den Artikeln des Portals 444.hu zum Fall Schadl-Völner hatte ich kürzlich das Gefühl, wie gut die Verfasser*innen es doch haben. Auch ich selbst habe viel an dem Thema gearbeitet, mit vielen Gerichtsvollzieher*innen gesprochen – aber angesichts der äußerst ausführlichen und interessanten Artikelserie, die mit Einblick in die Ermittlungsakten geschrieben wurde, haben meine auf Hintergrundgesprächen basierenden Stoffe schon an Wert verloren. Da habe ich die Kolleg*innen durchaus um ihre Storys beneidet.

András Dezső

ist Journalist bei der Zeitschrift HVG. Sein Spezialgebiet ist die organisierte Kriminalität. Er ist Autor mehrerer Bestseller, etwa von „Maffiózók mackónadrágban“ („Mafiosi in Jogginghosen“) und „Magyar kóla“ („Ungarische Kola“) über die ungarische Unterwelt sowie von „Fedősztori“ („Deckgeschichte“) über die Welt der Geheimdienste. Er erhielt den Pulitzer-emlékdíj (Pulitzer-Gedächtnispreis) und zweimal den Soma-díj (Soma-Preis).

1. Am meisten mag ich, dass ich immer wieder etwas Neues lernen kann oder lernen muss. Und am wenigsten, dass immer etwas passiert – es gibt wenig Ruhezeit.

2. Die Idee gefällt mir, sonst hätte ich gar nicht zugesagt. Ich weiß nicht, wie unterhaltsam es sein wird, aber ich bin mir sicher, dass das Publikum den Journalismus von einer neuen Seite kennenlernen wird. Ich neige grundsätzlich zum Lampenfieber, also werde ich vermutlich aufgeregt sein.

3. Ganz sicher gibt es viele Artikel, bei denen ich bedauere, dass nicht ich sie geschrieben habe: Vielleicht war es zuletzt der Artikel über chinesische Geheimdienste, bei dem ich bedauert habe, dass nicht ich, sondern Szabi Panyi es war, der ihn für Direkt36 verfasst hat.

Attila Kálmán

ist seit Mai 2021 ungarischer Reporter für das internationale Recherche-Team Investigate Europe, wo er unter anderem über Betrugsfälle in der Altenpflege, über die Pläne für die Eisenbahnlinie Belgrad–Budapest – die sich in fast tausend Jahren amortisieren wird – und über Europas militärische Verteidigungsfähigkeit schrieb. Dreimal wurde er mit dem Minőségi újságírásért díj (Preis für qualitativ hochwertigen Journalismus) ausgezeichnet.

1. Das Beste am Journalismus ist, dass man sich mit vielen interessanten Menschen über ganz unterschiedliche Lebensbereiche unterhalten kann und so viel über die Welt lernt. Und das Schlimmste ist, dass man auch mit vielen böswilligen und feindlich gesonnenen Menschen sprechen muss.

2. Es ist eine gute Initiative, denn zuvor hatte niemand in Ungarn versucht, Journalist*innen auf diese Weise mit Leser*innen zusammenzubringen. Dank des (Des-)Informations-Tsunamis ist das Vertrauen gegenüber Journalist*innen stark geschrumpft, wodurch wiederum die Frage der Glaubwürdigkeit aufgewertet wurde: Die Leser*innen schenken ihr Vertrauen nicht mehr unbedingt ganzen Zeitungen, sondern oft konkret bestimmten Journalist*innen, je nachdem, wie glaubwürdig die Artikel, die sie von ihnen gelesen haben, gewesen sind. Und ein solcher Blick hinter die Kulissen ist für die Glaubwürdigkeit natürlich sehr förderlich.

3. Ich habe den Artikel „Bolgár György belecsap a spermába“ („György Bolgár haut ins Sperma“) von László Szily zum ersten Mal im Alter von 15 Jahren gelesen, und ich habe ihn in den letzten 18 Jahren unzählige Male erneut gelesen. Als Teenager dachte ich, dass auch ich vielleicht eines Tages so einen witzigen Artikel schreiben würde, doch dann entwickelten sich die Dinge derart, dass ich weniger witzige Sachen schreibe.

Eszter Katus

ist Redakteurin der Rubrik „Landesweit“ des Recherche-Portals Átlátszó, sie ist Journalistin und ständige externe Sachverständige des Mérték Médiaelemző Műhely (Werkstatt für Medienanalyse „Maßvoll“). Als Freiwillige betreut sie in ihrer Freizeit ehrenamtlich die Nachrichtenseite 7300.hu für Komló in Südungarn. Mit den Tücken des Journalismus in ländlichen Regionen ist sie bestens vertraut.

1. Guter Journalismus ist wie eine Schulstunde, und ein*e Journalist*in ist ein*e Lehrer*in, der*die Wissen vermittelt. Die Artikel enthalten Informationen, die den Menschen helfen, sich in der Welt zurechtzufinden und fundierte Entscheidungen zu fällen. Es ist ein erhebendes Gefühl, wenn ein Artikel Wirkung zeigt: Jemand bekommt Hilfe, die Lebensumstände verbessern sich, oder die Leute werden einfach mal zum Nachdenken gebracht; vielleicht hat ein Korruptionsfall Konsequenzen. Am wenigsten Spaß macht dabei der Nachrichtenwettstreit, die Jagd nach Klicks und Likes, das Erzeugen von Nachrichten aus Facebook-Posts. All das trägt zu einer Verschlechterung der Qualität des Journalismus bei, und davon hat niemand etwas.

2. Das ist in Ungarn etwas Neues, also bin ich froh, ein Teil davon sein zu dürfen. In Fachkreisen ist es ein häufig angesprochenes Thema, dass der Journalismus in einer Krise steckt, dass grundlegende ethische Prinzipien dieses Berufs in Frage gestellt werden und dass wir uns zugleich an veränderte Mediennutzungsgewohnheiten anpassen müssen, zumal in einem vollkommen verzerrten Marktumfeld. Unabhängige Medien müssen immer wieder neue Wege finden, um ihre Leser*innen zu erreichen und sie davon zu überzeugen, dass sie ihre Unterstützung verdienen. „Reporter Slam“ kann auch ein weiterer Verknüpfungspunkt mit den Menschen sein.

3. Ich wäre gern anstelle meiner Kollegen gewesen, als die Puzzle-Teile zwischen dem Oligarchen László Szíjj, den Regierungsmitgliedern, den Jachten und dem Privatjet zusammengefügt wurden. Das war eine echte investigative Recherche inklusive Auf-der-Lauer-Hocken im Gras, der Suche in Datenbanken nach Verstrickungen zwischen Unternehmen, Datenvisualisierung, Verfolgungsjagd auf dem Wasser und natürlich immens viel investierter Energie. Es tut mir leid, dass ich an der gemeinsamen Arbeit nicht teilnehmen und nicht dabei sein konnte, als der Fotograf Dani Németh auf dem vergrößerten Foto Außenminister Péter Szijjártó erkannte, wie er auf der Jacht eines mit Staatsaufträgen überschütteten Bauunternehmers sitzt.
 

„Reporter Slam“, Balatonfüred, Magyar Fordítóház (Ungarisches Übersetzer*innenhaus), Freitag, 10. Juni 2022, 19:30 Uhr

„Reporter Slam“, Budapest, Dumaszínház (Duma-Theater), Samstag, 11. Juni 2022, 19:30 Uhr

Top