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Esther Kinskys Landschaftsporträt FlussLand Tagliamento
Verkümmertes Gelände

Flussbett des Tagliamento
Flussbett des Tagliamento | © Alessio Milan, Quelle: Wikipedia

Menschen begegnen Esther Kinsky am Tagliamento nur in Gestalt von Jägern, „ohren gespitzt und schatten von kleinwild/ baumelnd am gürtelhaken“. Die Hauptfigur in ihrem Band FlussLand Tagliamento ist der Fluss selbst, oder eben: Die weite Flusslandschaft. Denn Schnee und starker Regen werden immer seltener. So liegt die längste Zeit des Jahres das nackte Flussbett da, ein Fluss aus Steinen.

Von Tobias Lehmkuhl

Granit, Porphyr, Malachit - schon in ihrem letzten Gedichtband, Schiefern, nahm Esther Kinsky unterschiedliche Gesteinsschichten- und formationen in den Blick. Auf den Inneren Hebriden, wo die Schieferinseln liegen, haben die „halden, trümmerfelder“ sie mehr interessiert als pittoreske Naturpostkarten. Und auch im Friaul findet Kinsky nun „verkümmertes Gelände, mit Blick über Abraum. Stillgelegtes Werk. Kleinblütiges quillt aus Betonklüften, Holunder drängt sich vor den Schattenrissen der Berge, der hellblauen Kerbe Flusstal.“

Schönheit kann freilich auch in den Steinen liegen. Brachvogel, Rohrsänger und Kiebitz bevölkern das Flussgebiet ohnehin, und nicht zuletzt so liebliche Pflanzen wie Wolfsmilch, Flockenblume und Lichtnelke zeigen sich in dürren Zeiten dem geschulten Auge. Die Ingredienzen holder Naturseligkeit wären also zweifelsfrei gegeben.

Die poetische Geländekarte ist zugleich eine Charakterstudie der Gegend

Für Kinsky aber ist die Natur nicht Mittel zum Zweck. Mit dem neutralen, doch wissensdurstigen Blick einer Forscherin durchstreift sie das Gelände. Als eine Art Biografin erkundet sie mit höchster Wahrnehmungsintensität seine Geschichte und spürt den verbliebenen Rinnsalen nach, die sich zwischen den Kieskämmen winden „wie eine Erinnerung“.

Von den strengen Gedichten in schiefern wie von den ausgreifenden Prosabänden Am Fluss und Hain unterscheiden sich die Gedichte und kurzen Prosastücke von FlussLand Tagliamento durch einen leichteren Ton, ein gewisse, durchaus anziehende Skizzenhaftigkeit. Wie schon Banatsko, ihrem Buch über das ungarisch-rumänisch-serbische Grenzgebiet, die luftige Erzählung Sommerfrische vorausging, so könnte FlussLand Tagliamento jetzt den Auftakt bilden zu einer großräumigen Erkundung jener norditalienischen Gegend, die der Dichterin und Übersetzerin seit einiger Zeit Heimat geworden ist.

Sollte diese Hoffnung trügen, liegt mit dem Band, der von Christian Thanhäuser mit zahlreichen Holzstichen versehen wurde, immerhin eine poetische Geländekarte vor, die zugleich als Charakterstudie jener karstigen Gegend gelten kann. Sie registriert nicht ohne Witz, auch lange nachdem die letzten Jäger längst verschwunden sind, „die stille nach dem fluss“.

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