Kurzgeschichte Marong

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Wäre Großmutter eine Stute gewesen, dann hätte sie jetzt vermutlich an Marongs Maul geschnuppert; und vielleicht noch ein paarmal gewiehert, bevor sie ging
 

Die Leute sagen, der Körper, der heute Mittag zu Grabe getragen wurde, sei Großmutters Körper gewesen. Aber niemand kannte den Namen und den Besitzer des rotbraunen Pferdes, das treu am Grab Wache hielt. Einer der Totengräber sagte, das Pferd sei einfach so gekommen, nachdem er und seine Kollegen kurz nach Mittag den Friedhof verlassen hatten. Es war nicht ungewöhnlich auf diesem Friedhof, dass geliebte Haustiere mitunter tagelang an den Gräbern ihrer kürzlich verstorbenen Besitzer oder Besitzerinnen wachten. Aber soweit ich mich erinnere, hat Großmutter niemals ein Pferd besessen; sie hatte nur diese Katze mit den drei Streifen. Allerdings hat Großmutter einmal ein Pferd entführt, und zwar in einer Nacht vor etwa zehn Jahren. Ich muss euch diese Geschichte erzählen, obwohl ihr von mir nicht alle Einzelheiten erfahren werdet. Den Rest müsst ihr bei anderen Leuten herausfinden. All das ist wichtig, bevor ihr beginnt, euch um das Pferd am Grab dieser Frau zu streiten; bevor ihr als Haufen schwachsinniger Männer abgestempelt und zum Gespött des ganzen Dorfes werdet. Auch wenn eure Gier so groß sein sollte, dass ihr alle meine Ratschläge in den Wind schreibt, so bitte ich euch doch, das Ende meiner Geschichte abzuwarten. Danach – bitte sehr … . Großmutter hatte gesagt, das Pferd, das sie entführt hatte, habe Marong geheißen. Eigentlich war der Fuchshengst das Lieblingspferd von Großvater. Außer ihm durfte niemand auf Marong reiten. Aber in dieser Nacht, nach einem schlimmen Streit mit Großvater, ist Großmutter auf Marong weggeritten, ohne dass sein Herr davon wusste. Im Schein des Vollmonds, im Schatten des Bambushains, galoppierte Großmutter durch die Nacht, sodass ihr Körper die flüchtige Gestalt eines Gespenstes zu sein schien. Seitdem hieß es, Großmutter sei verschwunden. Großvater unternahm nichts, um nach ihr und Marong zu suchen; seine Söhne, die man die „Fünf Finger“ nannte, auch nicht. Großvater war sich ganz sicher, dass Marong, sein Lieblingspferd, eines Tages zurückkommen würde. Was Großmutter anging, so war seine Erklärung etwas wortreicher. Niemals habe er Großmutter aus dem Haus gejagt oder sich gar von ihr scheiden lassen. Also sei es auch nicht notwendig, sie zu suchen oder sie zu bitten, zurück zu kommen. Wenn Großmutter nach Hause kommen wollte … na, sie kannte ja den Heimweg und die Haustür sei niemals verschlossen für sie. Aber Großmutter kehrte nicht heim, bis Großvater fünf Jahre später starb. Großvaters Gesichtsausdruck war bei seinem Tod nicht allzu glücklich. Sieben Tage später kam eine Frau auf einem Fuchshengst auf den Friedhof geritten. War das Großmutter auf Marong? Drei der vier Jungens, die gerade in einer Ecke des Friedhofs Karten spielten, waren dieser Meinung. Nur einer sah es anders. „Großmutter hatte doch nicht so schadhafte Schneidezähne und nicht so vernarbte Wangen,“ saugte er sich aus den Fingern. Die vier Jungens waren ebenfalls sicher, dass das Pferd Marong war, auch wenn sie sich über eine Sache wunderten. „Warum ist sein Wiehern so kratzig, dass er fast wie ein Esel klingt?“ Dann sagten die vier Jungens folgenden Satz: „Und sitzt der Fisch auch im Baum, so hat er noch lang‘ keinen Schnabel“. Den Blick starr auf Großvaters Grab gerichtet, erwiderte die Frau sogleich: „Seht nur, die Oma ist hübsch, und ihr Busen ist formidabel“. „Keine Frage, das ist Großmutter, wie wir sie kennen“, riefen die Jungens voller Begeisterung. Sie schluckten ihre Spucke herunter, die plötzlich nach frischer Milch schmeckte. Dann spielten sie weiter Karten und pfiffen ein Liedchen dazu. Sorglos und voller Verlangen. Die Frau indessen, die mehrheitlich als Großmutter identifiziert worden war, hockte sich neben Großvaters Grab. Sie betete nicht, und erst recht legte sie keine Blumen nieder, wie Friedhofsbesucher es für gewöhnlich tun. „Vor fünf Jahren wäre ich beinah in deinen Händen gestorben,“ sagte sie, „und fünf Jahre später bist du tatsächlich gestorben – aber nicht durch meine Hand. Denk‘ nicht, ich sei hiergekommen als die dumme und traurige Frau, die du einst gequält hast.“ Lange schwieg Großmutter. Plötzlich kitzelte ihre Zungenspitze, als krieche eine haarige Raupe darüber. Ihre ganze Zunge juckte wie verrückt und wollte alles zu Worten formen, was sie über Großvater zu sagen hatte. Mit der ganzen Freude ihres Herzens, die dem Geschmack einer jungen Mango glich, begann sie, Großvater zu beschimpfen. Auch einige Tiernamen und etliche kaputte Küchengeräte waren Teil ihrer Beleidigungen. Im Grunde wiederholte Großmutter nur Großvaters eigene Flüche zu seinen Lebzeiten. Sie veränderte nur ein paar Worte, sodass es nach Beschimpfungen klang, die sie sich selbst ausgedacht hatte. Nachdem sie sich ausgiebig am Hintern gekratzt hatte, erhob Großmutter sich und ging zu Marong, der an einem Frangipani-Baum angebunden war. „Pass gut auf ihn auf“, sagte sie. Wäre das Pferd ein Mensch gewesen, hätte es geantwortet „Ja gut, vollbusige Großmutter. Aber warum umarmst du meinen Hals so fest, dass du mich fast erwürgst?“ Wäre Großmutter eine Stute gewesen, dann hätte sie jetzt vermutlich an Marongs Maul geschnuppert; und vielleicht noch ein paarmal gewiehert, bevor sie ging.

*

Vom Friedhof ging Großmutter nicht direkt zu dem Haus, in dem sie einst mit Großvater gelebt hatte. Vorher suchte sie den Mann auf, dessen Aufgabe es gewesen war, Großvaters Leichnam zu waschen. Dieser Mann hatte eine helle und eine dunkle Gesichtshälfte, und ab und zu rümpfte er die Nase – genau wie Marong. Als er Großmutter erblickte, musste er schlucken. „Woran genau ist der alte Knochen gestorben?“, fragte Großmutter. „In der Geburtsnacht unseres Propheten drangen drei schwarze Männer mit weißen Schuhen in das Zimmer deines Mannes ein,“ begann der Leichenwäscher zu erzählen. „Die drei schwarzen Männer mit den weißen Schuhen rührten nichts von dem an, was dein Mann besaß; sie wollten nur wissen, wohin du Marong entführt hattest. Die Nachbarn hörten dann, wie dein Mann etwas schrie und wie die drei schwarzen Männer mit den weißen Schuhen vor Wut tobten. Die drei schwarzen Männer mit den weißen Schuhen zerrten deinen Mann zu dem Backsteinaltar im Hinterhof und schnitten ihm dort die Kehle durch. Seine Kehle sah aus wie ein durchgeschnittener Gartenschlauch.“ „In der Todesnacht unseres Propheten habe ich geträumt, der alte Lump habe ein rotes Gewand und weiße Schuhe getragen. Er tanzte auf einem Altar aus schwarzen Steinen; keine Ahnung, wo das war. Marong wieherte ununterbrochen und scharrte mit den Hufen, sodass ich gegen Morgen aufwachte. Vielleicht hatte er den Geist seines Herrn gesehen.“ „Und wo versteckst du Marong jetzt?“ „Ich habe ihn seinem Herrn zurückgegeben.“ „Ein Toter braucht kein Pferd mehr.“ „Wer sagt das? Tote brauchen Pferde sogar viel nötiger als wir Lebenden. Zuerst einmal, um über die Brücke zu kommen, die, wie es heißt, so schmal wie ein siebenfach gespaltenes Haar ist. Oder auch, um den Grabwächter-Engeln zu entkommen, wenn diese mal wieder wütend sind.“ „Mach‘ dich nicht über die Toten lustig. Und die Engel zu verspotten, ist eine Sünde.“ „Als der alte Knabe noch gelebt hat, hat er sich über die Toten und die Lebenden lustig gemacht. Und außerdem hat er meine Lieblings-Katze zu Tode gequält.“ „Ihr werdet einfach nie vernünftig. Hört auf, euch anzufeinden. Verzeih‘ ihm und bete, dass seine Seele in Frieden ruhe möge.“ „Ich habe mich immer bemüht, ihm zu verzeihen, aber ich konnte es nicht; seit damals nicht, als er mit Mühe und Not seinen letzten Kampf überstanden hat. Nach einer durchkämpften Nacht hat er schließlich meinen Vater – seinen Hauptfeind – besiegt und mich mitgenommen. In der Nacht meines neunzehnten Geburtstages hat er mir die Unschuld geraubt.“ „Oohh … .“ Wieder schluckte der Leichenwäscher. Er wollte sich an die genussvollsten Momente seines Lebens erinnern. Aber Großmutters Augen, die wie zwei glühende Kohlen glommen, vereitelten diesen Versuch. Stattdessen erzählte der Mann von dem heftigen Streit um das Erbe, der unter Großvaters Söhnen ausbrach. Sie hatten schon zu zanken begonnen, als das Blut aus Großvaters Wunde noch nicht getrocknet war. „Ganz anders als bei unserem Propheten war ihre Gier nach dem Erbe und weltlichen Gütern völlig ungezügelt,“ sagte der Mann. „Das dachte ich mir schon,“ antwortete Großmutter. „Sie sind eine Horde von Feuerameisen, die sich über den Kadaver eines Hahns hermacht.“ „Diese Feuerameisen musst du mit Kerosin übergießen, bevor sie den Kadaver gefressen haben und über das ganze Dorf herfallen.“ „Feuerameisen sind wirklich eine Plage für die Lebenden und die Toten, aber ich werde sie nicht ausrotten. Es gibt ja andere Raubtiere, die ihnen den Garaus machen können. Sowas nennt man dann wohl Nahrungskette.“ „Ich verstehe überhaupt nicht, wovon du redest.“ „Ich verstehe ganz genau, wovon du redest,“ sagte Großmutter, nachdem der Mann zum dritten Mal geschluckt hatte. „Eines Tages wirst du den Leichnam einer Frau waschen müssen.“ Bevor Großmutter ging, hatte der Leichenwäscher noch Gelegenheit, ihr mitzuteilen, dass der Weg zu Großvaters Haus sich verändert hatte. Er hatte keine fünf Kurven mehr, zwei nach links und drei nach rechts, sondern führte einfach geradeaus, war asphaltiert und mit Strommasten aus Beton gesäumt. Vor dem Haus stand ein rotgestrichenes Wachhäuschen. An die Wände waren hochgereckte Fäuste gemalt. „Die Söhne deines Mannes singen neuerdings gerne kämpferische Freiheitslieder,“ fügte der Mann hinzu.

*

Die „Fünf Finger“ hatten sich tatsächlich schon in Großvaters Haus breitgemacht. Als Großmutter ankam, saßen sie gerade im Wohnzimmer herum. Ihre Gesichter verschwammen in dichten Schwaden von Zigarettenrauch. Später sagte Großmutter, nichts hätte ihr solche Übelkeit bereitet, wie sie bei ihren Diskussionen zu beobachten. Mit ihren Zungen, die scharf wie rostige Nägel waren, umkreisten und durchbohrten sie einander; das nannten sie dann „Zungenkampf“. Sie waren lauter als jaulende Hunde und die Steinwände am Dorfrand warfen das Echo ihrer Stimmen zurück. Ihre Münder standen nicht still und verursachten einen Speichelregen. „Wenn fünf Finger sich vereinigen, wird eine Faust geboren. Dann wird selbst die dickste Mauer in Schutt und Asche gelegt,“ so sprach der Daumen und gab sich dabei wie der Anführer einer dubiosen Partei. Aber in Großmutters Augen waren sie nichts weiter als eine Verbrecherbande, die gerade einen Einbruch ausheckte. Aus den Abenteuergeschichten ihres Vaters wusste sie, dass jedes Mitglied einer Bande sich so fühlte; als seien sie die Auserwählten, die in einer magischen Nacht geboren wurden, um den Himmel auf Erden zu errichten. Ihre Aktionen waren rücksichtslos, manchmal sogar völlig unsinnig, wurden aber in der Erinnerung ihrer stolzen Nachkommen verewigt und glorifiziert. „Ich weiß schon, dass meine Anwesenheit euch stört. Aber erlaubt mir, in dieser Versammlung auch mal den Mund aufzumachen. Ich habe euch zwar nicht geboren, aber ich war neunzehn Jahre lang die Ehefrau des Verstorbenen. Auch ich hätte ein Anrecht auf das Erbe, aber ich will keinen Penny davon haben. Meinethalben könnt ihr alles unter euch aufteilen. Ich bin nur hier, um mich zu verabschieden und dann nie wieder in dieses Haus zurück zu kommen. Vielen Dank für die Jahre, die mich stark gemacht haben und für das treue Pferd. Holt Marong schnell vom Friedhof ab, wenn euch das wichtigste Erbe lieb ist,“ sprach Großmutter. „Oh, die Worte unseres Vater sind wahr geworden – nun kommt unser Erbe, das wir die ganze Zeit gesucht haben, zu uns zurück,“ sagte der Zeigefinger. „Dann brauchen wir ja niemand mehr zu etwas zu zwingen …,“ fügte der Kleine Finger hinzu. „Ja, dann müssen wir nicht mehr die Dörfer durchkämmen, um danach zu suchen,“ unterbrach der Daumen. „Aber Marong ist doch nur ein einziges Pferd und wir sind zu fünft?“ merkte der Ringfinger an. „Als Erstgeborenem steht mir das Pferd zu,“ sagte der Daumen. „Hast du nicht sowieso schon den größten Erbteil bekommen? Und jetzt willst du auch noch Marong haben,“ protestierte der Mittelfinger. „Ich bin nicht nur der Älteste, sondern auch euer Anführer und Vaters Nachfolger.“ Die Stimme des Daumens ließ die Teller und Gläser auf dem Tisch erzittern. Kein Laut drang mehr aus den Mündern der vier anderen. Großmutter grinste breit, sodass ihre schadhaften Schneidezähne zu sehen waren. Der Daumen trank den letzten Schluck Kaffee aus seiner Tasse. Großmutter murmelte, sie müsse mal zur Toilette und schlich zum Badezimmer im Hinterhof. In Wirklichkeit wollte sie zum Backsteinaltar, der vier Schritte vom Brunnen entfernt war. Das Blut auf dem Altar, auf dem ihrem Mann die Kehle durchgeschnitten worden war, war abgewaschen und die ehemals bunten Blumen, die dort abgelegt worden waren, wurden schon braun. Aber Großmutter nahm noch den Geruch dieses rätselhaften Todes wahr. Wie konnte ein starker Kämpfer wie Großvater sich so gar nicht zur Wehr setzen gegen die drei schwarzen Männer mit den weißen Schuhen? Hatte er nicht damals, in seinem letzten großen Kampf, dutzende Gegner ausgeschaltet bevor er schließlich Großmutter, die damals noch jung war, auf Marongs Rücken entführte? Waren die Nacht der Geburt und des Todes unseres Propheten vielleicht die Unglücksnächte für einen Haudegen wie Großvater? Seit wann war der Pfad im Schatten des Bambushaines voller Pferdeäpfel? Großmutter ließ diese Fragen in ihrem Kopf kreisen wie einen Wirbelwind. Sie taumelte weiter. Der Wind schien abwechselnd aus unterschiedlichsten Richtungen zu kommen. Es war, als würde die Sonne gleich hinter dem Jambulbaum untergehen und als wolle der Bach, den sie überquerte, sich in die Kanalisation ergießen, und ein niedrig fliegender Spatzenschwarm schien im Ziegengehege explodieren zu wollen. Im nächsten Moment gingen bunte Feuerwerkskörper zwischen den Bananenstauden in die Luft. Trotzdem gelangte sie irgendwie zu einer Kaffeebude.

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Währenddessen ging der Streit im Wohnzimmer von Großvaters Haus weiter, und die “Fünf Finger” hatten sich noch nicht einigen können, wer zukünftig das Recht hatte, Marong zu reiten. Schließlich brachen sie zum Friedhof auf. Sie wollten jetzt unbedingt das Pferd sehen, das sie fünf Jahre gesucht hatten und das die Ursache für ihre gnadenlosen gegenseitigen Beschimpfungen war. Doch auf dem Friedhof waren jetzt plötzlich fünf Fuchshengste. Sie sahen genau gleich aus. Auch ihr Wiehern war kaum zu unterscheiden. Waren sie alle Marong? Die vier Jungens in der Ecke des Friedhofs hatten das Interesse an der Sache verloren. Sie hatten sich unterdessen mit einem Kanister billigen Fusels betrunken. “Der Fisch auf dem Baum hat keinen Schnaaaaaaabel … oooohhhh ….” Warum standen fünf identische Pferde an Großvaters Grab? Dieses Rätsel ist bis heute, da ich diese Geschichte erzähle, ungelöst. In diesem Dorf gibt es tatsächlich jemand, der Geld und Schmuck vermehren kann, und alle kennen seine unglaublichen Fähigkeiten. Es gibt aber keinerlei Beweis dafür, dass er auch Vieh oder geliebte Haustiere wie Marong vervielfältigen kann. Tatsächlich gab es mal ein paar Leute, die zu Schweinen geworden sind, um reich zu werden. Oder sie verwandelten sich in eine Kanalratte, nur um einer Frau beim Baden zuzuschauen. Aber noch nie wollte jemand ein Pferd werden, nur damit fünf verrückte Kerle sich um ihn streiten. Fast alle Leute im Dorf glaubten an eine Geschichte aus einem heiligen Buch, der zufolge vor langer Zeit eine Gruppe von Menschen in Affen verwandelt wurde, weil sie ein göttliches Verbot missachtet hatten. Aber wozu hätte Gott einen Menschen verfluchen sollen, indem er ihn in ein Pferd verwandelte? Vielleicht vermutet ihr, dass Großmutter es war, die Marong vervielfältigt hat? Da muss ich euch enttäuschen. Anstatt diese Frage zu beantworten, gab Großmutter sogar ein neues Rätsel auf. “Das Echte währt ewig. Das Falsche vergeht wie Staub. Ein Pferd trägt eine Fahne.” Nur das sagte Großmutter zu den Leuten in der Kaffeebude, bevor sie ging.
*
Bis ich wegzog in die Stadt und Großmutter nie wiedersah, ja, sogar bis zu ihrem Tod rückte sie niemals mit der Sprache heraus, warum sie ein Rätsel an Großvaters Grab und in der Kaffeebude zurückgelassen hatte. Auf jeden Fall hat Großmutters Rätsel die Leute heiß gemacht, die gerne Geldwetten abschließen; sie wurden nicht müde, über die beste Auflösung zu debattieren. “Liebe Wettfreunde, es ist jedenfalls kein Gedicht,” sagte einer von ihnen. “Bloß das Geschwätz einer Verrückten,” meinte ein anderer. “Blödsinn.” “Täusch’ dich da mal nicht. Menschen wie sie haben uns schon viel geholfen,” sagte einer der Spieler, der bisher nur geschwiegen hatte. “Wir dürfen sie nicht verspotten.” “Immer wieder habe ich das mit einem Pferd versucht, aber es hat nie funktioniert,” sagte noch ein Anderer. “Auch Spieler müssen Geduld haben. Ich bin sicher, dass irgendetwas hinter ihren Worten steckt, auch wenn ich bis jetzt noch nicht darauf gekommen bin.” Unterdessen führten die Söhne von Großvater auf dem Friedhof ihre Debatte ebenfalls weiter. Es ging vor allem darum, woher nun diese fünf Pferde gekommen waren und welches von ihnen der echte Marong war. Gerne hätten sie Großmutter gefragt, aber die war wer weiß wohin verschwunden. “Die Frau hat uns doch auf den Arm genommen,” sagte der Kleine Finger und spuckte mehrmals aus dabei. “Ich würde gerne mal wissen, ob sie überhaupt wirklich die Ehefrau unseres Vaters war. Wer weiß, vielleicht ist sie jemand anders, der von unseren Feinden geschickt wurde, um hier die Frau unseres Vaters zu spielen,” fügte der Mittelfinger hinzu. “Wenn unsere Feinde sie geschickt haben, warum hat sie uns dann nicht gleich getötet?” erwiderte der Ringfinger. “Es könnte ja sein, dass sie uns nicht töten, sondern nur lächerlich machen wollte,” meinte der Mittelfinger. “Wir müssen alle Möglichkeiten in Betracht ziehen. Nur Mut, nur Mut …,” sprach der Daumen. “Auf jeden Fall müssen wir den echten Marong herausfinden, denn er ist das wichtigste Erbe unseres Vaters,” sagte der Kleine Finger. “Das ganze Dorf haben wir schon auf den Kopf gestellt und sind sämtlichen Pferdebesitzern auf die Nerven gegangen, aber das Ergebnis war Null,” sagte der Ringfinger. “Wir müssen alle Frauen um die vierzig genau im Auge behalten, besonders die mit schadhaften Schneidezähnen und vernarbten Wangen,” meinte der Daumen. “Die echte Ehefrau von Vater müssten wir in Fesseln legen und ihr eine saftige Lektion erteilen, denn immerhin hat sie fünf wahrhafte Helden hinters Licht geführt,” fügte der Zeigefinder hinzu. “Ja, das kommt davon, dass wir kein gutes Verhältnis zu Vater und seiner neuen Frau hatten,” sagte der Ringfinger. “Wir kannten weder ihr Gesicht noch ihren Charakter so richtig.” “Aber wie sollten wir denn eine gute Beziehung zu Vater haben, wenn er uns doch nach der Heirat mit dieser Frau verlassen hat und unsere Mutter einfach lieblos sterben ließ,” sagte der Zeigefinger. “Schon gut, lass es gut sein,” sagte der Daumen. “Fang’ nicht wieder von diesen schwierigen Zeiten an. Hören wir für den Moment mal mit diesen Pferden auf. Natürlich ist es nach wie vor wichtig, den echten Marong zu finden. Aber unser Kampf ist das wichtigste von allem. Denkt daran …” „… wenn fünf Finger sich vereinigen, wird eine Faust geboren. Dann wird selbst die dickste Mauer in Schutt und Asche gelegt,“ ergänzte der Kleine Finger. “Yuhuuuu!” riefen die anderen und reckten ihre Fäuste in die Luft. “Auf ewig werden diese Pferde die treuen Freunde der Helden sein,” sprach der Daumen. “Yuhuuu!” Von da an sah man die fünf Söhne des Großvaters oft auf den fünf rotbraunen Pferden reiten. Sie nannten alle Pferde Marong. Jeden Abend gegen Sonnenuntergang ritten sie durchs Dorf und sangen dazu: “Wenn fünf Finger sich vereinigen, wird eine Faust geboren. Dann wird selbst die dickste Mauer in Schutt und Asche gelegt. Yuhuuuu ….” Der Daumen ritt ganz vorne und hielt eine Lanze, an deren Spitze eine große Fahne befestigt war. Sie war rot mit einer hochgereckten Faust in Gold darauf. Die anderen schwangen Säbel und Messer in der Luft. Kleine Kinder liefen ihnen hinterher. Sie sangen mit und fuchtelten mit Schwertern aus Bambus herum. Yuhuuuu …
 

Zen Hae wurde 1970 in Jakarta geboren. Er ist ein preisgekrönter Autor von Gedichten, Kurzgeschichten und Literaturkritiken. Seine Gedichtsammlung Paus Merah Jambu gewann 2007 den Preis des Tempo-Magazins für das beste literarische Werk und war einer der fünf Werke, die ebenfalls 2007 den Khatulistiwa Literaturpreis gewannen. Neben seiner Arbeit als Autor, arbeitete Hae bereits als Journalist, Drehbuchautor für ein Infotainment-Programm, Teilzeit-Dozent, NGO-Mitarbeiter, Schauspieler und war Mitglied des Kunstrates von Jakarta. Seit 2012 ist Hae der Verlagsleiter bei Komunitas Salihara.