Die Leinwand als vorderste Front:
Die 76. Berlinale
In Diskussionen über die drei größten Filmfestivals der Welt heißt es oft: Cannes steht für die Filmindustrie, Venedig für die Kunst – und Berlin für die Politik. Natürlich ist ein Filmfestival in der Realität weitaus komplexer, doch fest steht: Die Berlinale war von Anfang an politisch geprägt.
Die erste Ausgabe fand im Juni 1951 im Titania-Palast in West-Berlin statt und ging auf eine Initiative von Oscar Martay zurück, dem damaligen Filmbeauftragten der US-Militärregierung. Zwei Jahre nach dem Ende der Berlin-Blockade (1948–49) lag ein Großteil der Stadt noch in Trümmern. Die Berlinale, eröffnete mit Alfred Hitchcocks Rebecca und wurde zu einer Bühne des Kalten Krieges, auf der sich die westliche Welt als „Schaufenster der freien Welt“ präsentierte und ihre kulturelle Überlegenheit demonstrierte.
Als 1970 der Film O.K., der den Vietnamkrieg nachstellte, im Wettbewerb lief, erklärte der Juryvorsitzende das Werk für antiamerikanisch. Das führte zur Auflösung der Jury und zum vorzeitigen Abbruch des Festivals. Der Skandal hatte Konsequenzen: Im Jahr darauf wurde die Sektion „Forum“ gegründet – eine Antwort auf die Zensurvorwürfe und ein neuer Raum für Filme, die an anderer Stelle keinen Platz fanden. Damit war die politische DNA der Berlinale endgültig geprägt.
Seitdem bietet das Festival eine Plattform, auf der Ungleichheit, Gewalt und gesellschaftliche Konflikte weltweit sichtbar gemacht werden. Dass Themen wie staatliche Zensur im Iran, der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine oder der Israel-Palästina-Konflikt jedes Jahr die Atmosphäre der Berlinale bestimmen, liegt auch daran, dass sie selbst bis heute Erinnerungen an Kalten Krieg, Zensur und Widerstand mit sich trägt.
Politische Filmfestspiele; die politische Dimension des Films
Bei der 76. Berlinale übernahm Wim Wenders, bekannt für Paris, Texas und Der Himmel über Berlin, den Vorsitz der Jury. Insgesamt sieben Jurymitglieder – darunter die Schauspielerin Bae Doona, Ewa Puszczyńska, die Produzentin von Ida und The Zone of Interest, sowie Reinaldo Marcus Green, der Regisseur von King Richard – bewerteten die 22 Wettbewerbsbeiträge.
Die internationale Jury 2026: (v.l.n.r.) Shivendra Singh Dungarpur, Min Bahadur Bham, Bae Doona, Ewa Puszczyńska, Wim Wenders, HIKARI, Reinaldo Marcus Green | © Dirk Michael Deckbar / Berlinale 2026
Als bei der Pressekonferenz insbesondere der Widerspruch zwischen der Haltung der deutschen Regierung zur Militäroperation im Gazastreifen und der Unterstützung des Filmfestivals kritisch angesprochen wurde, zeigte Puszczyńska klare Haltung und sagte: „Ob man Israel oder Palästina unterstützt, ist die Entscheidung jedes einzelnen Zuschauers. Es gibt viele andere Kriege, in denen Völkermord stattfindet, aber darüber sprechen wir nicht. Das ist eine unfaire Frage.“
Wenders antwortete darauf: „Wir müssen uns aus der Politik heraushalten. In dem Moment, in dem bewusst ein politischer Film gedreht wird, begibt man sich in den Bereich der Politik. Filme sollten sich mit Menschen befassen, nicht mit Politikern.“
Ihre Antworten konnten durchaus als offizielle Position des gesamten Festivals verstanden werden – und die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Am nächsten Tag erklärte die Booker-Preisträgerin Arundhati Roy: „Ich bin entsetzt über die Aussage, dass Kunst nicht politisch sein darf“, und zog ihre Teilnahme an der Berlinale zurück. Kurz darauf wurden auch Archivfilme von Regisseuren aus dem Sudan und Ägypten nacheinander aus dem Programm genommen. (Lesen Sie hier das offizielle Statement von Tricia Tuttle in voller Länge.)
Tatsächlich kam es in den vergangenen Jahren bei der Berlinale immer wieder vor, dass einzelne Äußerungen auf der Bühne mehr Schlagzeilen machten als viele der gezeigten Filme. Diese seit 2021 anhaltende Unruhe erreichte bei der Abschlusszeremonie 2024 ihren Höhepunkt, als Yuval Abraham, der Regisseur des Dokumentarfilms No Other Land, die Zustände im Gazastreifen anmahnte. Während der damalige Berliner Bürgermeister und der Kulturminister dies als „einseitige Hetze“ kritisierten und politischen Druck ausübten, stellte sich der Vorsitzende des Exekutivkomitees, Carlo Chatrian, hinter die Filmemacher und warf der Politik vor, „antisemitische Rhetorik zu instrumentalisieren“.
Michelle Yeoh mit ihrem Goldener Ehrenbär | © Richard Hübner / Berlinale 2026
Vor allem aber zeigte sich die eigentliche Essenz des Filmfestivals nicht in Pressekonferenzen oder Bühnenevents, sondern entfaltete sich über zehn Tage hinweg auf der Leinwand. Ob die vorsichtige Haltung der Festivalverantwortlichen darauf zurückging, lieber mit Filmen, statt mit Worten zu überzeugen, oder ob sie Kontroversen bewusst vermeiden wollten, musste letztlich das Publikum im Kinosaal beurteilen. In diesem Sinne lässt sich auch die Wahl des Eröffnungsfilms als Botschaft verstehen, die den Charakter des Festivals widerspiegelt.
No Good Men by Shahrbanoo Sadat AFG 2026, Berlinale Special. | © Virginie Surdej
Yellow Letters von İlker Çatak | © Ella Knorz, ifProductions, Alamode Film
Auch koreanische Filme waren vertreten. Regisseur Hong Sang-soo wurde mit seinem 34. Spielfilm Der Tag, an dem sie zurückkommt in die Sektion Panorama eingeladen und stellte damit einen neuen Rekord auf: Er ist bereits zum 13. Mal bei der Berlinale vertreten.
Das Debüt En Route to der Regisseurin Yoo Jae-in, gezeigt im Bereich Wettbewerb „Generation 14PLUS“, setzt sich anhand der Lebensrealität einer Teenagerin mit Machtmissbrauch und Selbstbestimmung auseinander.
Yeom Hye-ran, My Name by Chung Ji-young | © Let’s Films & Aura Pictures
Was erst sichtbar wird, wenn das Licht aus ist.
„Alle Filme sind politisch.“ In seinem Essay Die Logik des Bildes (1988) bemerkte Wim Wenders paradoxerweise, dass gerade „Unterhaltungsfilme“ am politischsten seien. Denn Mainstream-Filme vermittelten mit jedem Bild das beruhigende Gefühl, „alles sei in Ordnung“ und könne „einfach so weitergehen“ – und schlossen damit jede Möglichkeit für Veränderung aus. Im Gegensatz dazu, so Wenders weiter, rebellierten Filme, die das Publikum nicht verdummten, schon allein durch ihren Blick auf die Welt gegen die bestehende Ordnung, selbst wenn sie keine explizit politischen Inhalte behandelten.In letzter Zeit wurde in verschiedenen Medien die Diskrepanz zwischen Wenders’ früheren Aussagen und seinem heutigen Handeln als „Wenders-Paradoxon“ diskutiert. Doch seine Einsicht macht erneut deutlich, dass die politische Dimension des Films vor allem „auf der Ebene der Sinne“ entsteht – durch den Blickwinkel der Kamera, den Rhythmus des Schnitts und die Art, wie Bilder wahrgenommen werden.
Auch wenn bei der Pressekonferenz vor allem zugespitzte Fragen nach politischen Stellungnahmen dominierten, kämpften auf der Leinwand eine afghanische Kamerafrau, ein Theatermacher aus Ankara und ein Junge aus Jeju jeweils auf ihre Weise gegen die Ungerechtigkeiten der Welt.
Dieser visuelle Widerstand, der das Publikum aus seiner Selbstzufriedenheit rüttelt und die scheinbar vertraute Realität plötzlich fremd erscheinen lässt, entspricht wohl genau jener Identität, die die Berlinale trotz zahlreicher politischer Umbrüche über 75 Jahre hinweg bewahrt hat.
Autorin: Eunji Park
Konzept: Sohee Shin
Redaktionelle Mitarbeit: Leslie Klatte
Übersetzung (DE/EN): Star Korea AG
Fotos und Archivmaterial: Berlinale 2026