Im Interview mit der Performancekünstlerin & Choreografin
Jinyeob Cha
Auf den Bühnen von Jinyeob Cha begegnen uns Spiegel, Eis, Sand oder raschelnde Folie – Materialien, die weit mehr sind als Requisiten. Sie werden zu einer eigenen Sprache, die zeigt, wie Körper, Raum und Materie miteinander in Beziehung treten.
Seit sie 2012 das collective A gegründet hat, arbeitet die Choreografin und Performancekünstlerin konsequent daran, durch Bewegung den Kreislauf von Existenz und Leben sichtbar zu machen. Wenn ihr einmal keine Idee zufliegt, dann geht sie eine Runde um den Namsan, ordnet ihre Gedanken – und kehrt zurück in ihr langjähriges Viertel, in dem so vieles von ihrer Kunst geprägt ist.
Im Interview sprechen wir mit ihr über Körper, Raum und Materialität, über ihre Erfahrungen in Europa und ihre kommenden Projekte – mit besonderem Fokus auf ihre prägende Werkreihe „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“.
Bitte stellen Sie sich kurz vor.
Ich bin Jinyeob Cha, Künstlerische Leiterin des collective A. Als Choreografin, Bühnenkünstlerin und Performance-Künstlerin, setze ich mich in meiner Arbeit vor allem mit dem Körper auseinander und realisiere vielfältige Projekte.
Vielen Follower*innen des Goethe-Instituts Korea sind Ihre Arbeiten möglicherweise noch unbekannt. Können Sie uns einen Einblick in Ihre aktuellen Projekte geben?
Kürzlich habe ich im Dezember 2025 das neue Werk der Serie „Der sich windende Körper (원형하는 몸)“, „Der sich windende Körper: Being Being Being“, vorgestellt. Diese Arbeit gehört zum dritten Teil der Serie, die im Jahr 2020 begonnen wurde, und ist das Ergebnis eines langen Forschungs- und Entwicklungsprozesses innerhalb des fortlaufenden Zusammenhangs von Round 1, Round 2 und Round 3. Inzwischen wird diese Arbeit seit sechs Jahren kontinuierlich weitergeführt.
Während ich meine künstlerische Praxis durch meine Zwanziger und Dreißiger und bis in die frühen Vierziger hinein fortgesetzt habe, sind meine Auseinandersetzungen mit dem Körper, die Fragen, die ich an ihn stelle, sowie meine Gedanken über Existenz immer tiefer geworden. In diesem Prozess begann ich mich zunehmend für grundlegendere, ontologische Fragen zu interessieren: für das Sein vor dem Menschen, für den Körper als lebendiges Wesen an sich – dafür, woher der Körper kommt und wie er mit der Welt verbunden ist. Die Serie „Der sich windende Körper (원형하는 몸)“ nimmt genau von diesen Fragen ihren Ausgangspunkt.
Als ich 2012 das Kollektiv A gründete, präsentierten wir als Eröffnungsvorstellung das Stück „Rotten Apple“. Seitdem habe ich mich immer wieder gefragt, worin meine Identität und Essenz bestehen.
In diesem Prozess wurde für mich vor allem der Begriff des „Raums“ immer zentraler. Für mich ist der Körper selbst ein Raum, zugleich ist aber auch der physische Raum, der den Körper umgibt, ein wesentliches Element. Schließlich wurde mir klar, dass die Beziehung zwischen Körper und Raum das zentrale Thema meiner Arbeit bildet.
Die Zeit, die innerhalb dieses Raums erfahren wird, ist dabei nicht nur für die Performer*innen, sondern ebenso für das Publikum von großer Bedeutung. Aus dieser Perspektive habe ich mich intensiv mit der Form der Aufführung auseinandergesetzt. Anstelle der traditionellen Proszeniumsbühne, die man gemeinhin mit Aufführungen verbindet, habe ich nach Räumen und Formaten gesucht, die die im Körper angelegten Themen deutlicher sichtbar machen können. In diesem Suchprozess entstanden zahlreiche experimentelle Ansätze.
In „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“ habe ich mich auf „Wasser“ als Ursprung allen Lebens konzentriert. Während ich Wasser beobachtete und erforschte, erschien mir besonders interessant, dass auch der Körper ein Wesen ist, dessen Zustand sich in ständiger Wechselwirkung mit seiner Umgebung verändert. Wasser wird zu Eis, schmilzt wieder zu Wasser und verdampft schließlich zu Wasserdampf – ein sich wiederholender Prozess der Wandlung. Diese Zustandsveränderungen und Zyklen erinnerten mich an das Leben selbst und boten zugleich eine starke visuelle Inspiration. Ich habe darüber nachgedacht, wie sich dieser zyklische und transformative Prozess – der Übergang von Wasser zu Eis, zu Flüssigkeit und zu Dampf – innerhalb einer Performance sichtbar machen lässt.
Ausgehend davon stellte sich zunächst die Frage, wie sich diese Kreisförmigkeit räumlich umsetzen ließe. Anstatt eine perfekt geschlossene Kreisform zu zeigen, erschien mir ein Raum interessanter, der im Ergebnis kreisförmig wirkt. In einem langen gemeinsamen Denkprozess mit meinem Creative Partner, dem Architekten Lee Byung‑yeop, entwickelten wir eine Spiegelstruktur aus dreieckigen Elementen, ähnlich den Stücken einer Pizza. Nach mehreren Monaten intensiver Auseinandersetzung nahm diese Form schließlich Gestalt an. Entscheidend für diese Arbeit ist die Interaktion – das Zusammenspiel von Körper und Raum. Durch die Spiegel wird ein einzelner Körper in verschiedene Richtungen reflektiert, vervielfältigt und erweitert, sodass ein kreisförmiges Bild entsteht. Diese Szenen erzeugen Bilder, die an Fraktalstrukturen erinnern, in denen sich Körper und Raum gegenseitig beeinflussen und ausdehnen.
Indem ich unterschiedliche Arten von Folie einsetzte, diese mit dem Körper verband, sie zu Raum werden ließ, zu einem Teil des Körpers machte oder wie ein eigenständiges Wesen erscheinen ließ, konnte ich aus den fortwährend entstehenden Impulsen und Ideen zahlreiche neue Entdeckungen gewinnen.
Sie haben in Großbritannien studiert und später auch in Europa gearbeitet. Wie haben diese Erfahrungen Ihre künstlerische Sprache geprägt?
Ich habe relativ früh in Europa gearbeitet und dort erstmals echten Professionalismus erlebt. Damals gab es in Korea kaum Gelegenheiten, systematisch zu lernen oder zu sehen, welche Einstellung und Arbeitsweise ein/e Tänzer*in haben sollte.
Während meines Studiums wurde der deutsche Choreograf Micha Purucker als Gastprofessor an meine Universität eingeladen. Daraus entstand eine Zusammenarbeit mit seinem Münchner Projekt, und ich arbeitete zwei Monate lang in Deutschland. Dort unterschrieb ich zum ersten Mal einen Vertrag, erschien zu festen Zeiten zur Probe, erlebte klare Arbeitsabläufe.
Besonders beeindruckt hat mich die Einstellung meiner Tanzkolleg*innen. Sie bereiteten ihren Körper vor den Proben selbst vor, achteten auch im Alltag konsequent auf ihre körperliche Gesundheit und gingen stets in bester Verfassung an die Arbeit. Als ich das sah, lernte ich zum ersten Mal, wie wichtig die richtige Einstellung und Selbstdisziplin für professionellen Tänzer*innen sind. Im Rückblick auf mich selbst, auf meine eigenen übergroßen Ambitionen und meine gleichzeitige Sorglosigkeit, wurde diese Erfahrung zu einem wichtigen Ausgangspunkt meiner frühen internationalen Tätigkeit und hat auch meine heutige Arbeit nachhaltig beeinflusst.
Nach meinem Abschluss nahm ich zufällig an einem offenen Casting in München teil – mit rund 200 Bewerber*innen. In der letzten Runde gab es eine Improvisationsaufgabe. Ich verstand damals kaum Englisch und improvisierte frei, basierend auf dem, was ich glaubte, verstanden zu haben. Überraschenderweise entsprach meine Interpretation genau der Intention des Choreografen, und ich wurde ausgewählt. Im Nachhinein war es ein fast komischer Moment – aber auch ein Beweis dafür, dass Tanz tatsächlich eine universelle Sprache sein kann.
Zwar ist er nicht gebürtiger Deutscher, aber einer der Choreografen, die mich am meisten geprägt haben, ist William Forsythe. Er arbeitete viele Jahre in Deutschland als Künstlerischer Leiter des Balletts Frankfurt und zählt für mich zu den wichtigsten Figuren der Tanzgeschichte.
Seit meinen Studienjahren bewundere ich seine Arbeiten. Er beeinflusst mich besonders durch seine Sichtweise auf die Beziehung zwischen Körper und Raum. Für ihn ist Bewegung nicht einfach Tanz, sondern eine Methode, Raum wahrzunehmen und zu strukturieren. Er versteht den Körper als Architektur – als Struktur im Raum.
Seine Arbeit „Improvisation Technologies“ (1994–1996) visualisiert Bewegung als Linien und räumliche Konstruktionen und zeigt, wie Körper ständig Beziehungen herstellen und Räume erweitern.
Ich glaube, dass mein eigenes Interesse an der Verbindung von Körper und Raum an manchen Stellen mit seinen Ideen korrespondiert.
Wie sammeln Sie Inspiration im Alltag? Haben Sie bestimmte Routinen oder Rituale?
Ich bezeichne mich selbst gerne als eine Art „bequeme Perfektionistin“. Bevor ich ein neues Projekt beginne, simuliere ich gedanklich unzählige Szenarien. Es dauert etwas, bis ich überzeugt bin: Ja, das ist wirklich mein Stück.
Wenn sich meine Ideen nicht ordnen lassen, bewege ich meinen Körper bewusst auf eine einfache Weise. Ich erledige Alltägliches wie das Aufräumen der Wohnung oder gehe spazieren und versuche dabei, meinen Kopf so wenig wie möglich aktiv zu nutzen. Während ich scheinbar zwecklose Tätigkeiten ausübe, kreisen meine Gedanken dennoch weiter um die Arbeit. In gewisser Weise arbeiten Körper und Geist dabei getrennt voneinander.
Außerdem finde ich beim Spazierengehen oder Autofahren rund um Hannam-dong und den Namsan, wo ich seit vielen Jahren lebe, Ruhe und Klarheit. Die Topografie und Atmosphäre dieses Viertels geben mir ein Gefühl psychischer Stabilität. Diese Umgebung, in der Natur und Stadt aufeinandertreffen, scheint auch meine Arbeit zu beeinflussen.
Auch mein Zuhause ist ein Raum, der eng mit meiner Arbeit verbunden ist. Ich wollte ihn nicht nur als Ort der Erholung begreifen, sondern als einen Raum für Ruhe, Inspiration, Entstehen und Experimentieren. Aus diesem Grund habe ich im Wohnzimmer eine verschiebbare Spiegelkonstruktion installiert. In diesem Raum wärme ich meinen Körper auf, lasse Musik laufen, arbeite an Choreografien und experimentiere, indem ich meinen Körper immer wieder in Bewegung bringe, wenn mir neue Gedanken kommen. Für mich entsteht Inspiration weniger in plötzlichen, außergewöhnlichen Momenten, sondern vielmehr allmählich, in der Wahrnehmung des Alltagsraums und des eigenen Körpers.
Dieses Jahr stehen mehrere Arbeiten an, insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Korean National Dance Company für das Stück „Dreamland Dance“ (몽유도원무) sowie die Weiterführung der Serie „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“.
Gleichzeitig ist die Serie „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“ ein langfristiges Projekt, das kontinuierlich erweitert wird. Diese Arbeit untersucht die Beziehung zwischen Körper und Welt sowie die Zirkularität und Verbundenheit, die durch Bewegung entstehen. Dabei entwickelt sie sich in immer neuen Formen weiter, innerhalb unterschiedlicher Räume, Materialien und Umgebungen.
Auch künftig beabsichtige ich, die Bewegung des Körpers nicht auf Choreografie zu beschränken, sondern sie weiter auszudehnen und im Zusammenspiel mit Raum, Material und Wahrnehmung zu erforschen.
Projekt-Planung und Interview: Sohee Shin
Künstlerin: Jinyeob Cha
Bilder: Leslie Klatte, Yoonjung Daw
SNS-Shorts: Yoonjung Daw
Deutsche & Englische Übersetzung: Leslie Klatte