Im Interview mit der Performancekünstlerin & Choreografin
Jinyeob Cha

Jinyeob Cha © Leslie Klatte

Jinyeob Cha, die unter anderem die Eröffnungs- und Abschlusszeremonien der Olympischen Winterspiele 2018 in Pyeongchang leitete, zählt zu den prägenden Stimmen der zeitgenössischen Performancekunst. In ihrer Arbeit erforscht sie den Körper als Material und Raum und erweitert kontinuierlich die Grenzen von Performance. Ausgehend von der Auseinandersetzung mit dem weiblichen Körper und sinnlicher Erfahrung bewegt sich ihre Praxis zwischen Tanz, verschiedenen Medien und Formaten. Im Interview spricht sie über ihre künstlerische Arbeit und ihr Leben zwischen Namsan und Europa.

Auf den Bühnen von Jinyeob Cha begegnen uns Spiegel, Eis, Sand oder raschelnde Folie – Materialien, die weit mehr sind als Requisiten. Sie werden zu einer eigenen Sprache, die zeigt, wie Körper, Raum und Materie miteinander in Beziehung treten.

Seit sie 2012 das collective A gegründet hat, arbeitet die Choreografin und Performancekünstlerin konsequent daran, durch Bewegung den Kreislauf von Existenz und Leben sichtbar zu machen. Wenn ihr einmal keine Idee zufliegt, dann geht sie eine Runde um den Namsan, ordnet ihre Gedanken – und kehrt zurück in ihr langjähriges Viertel, in dem so vieles von ihrer Kunst geprägt ist.

Im Interview sprechen wir mit ihr über Körper, Raum und Materialität, über ihre Erfahrungen in Europa und ihre kommenden Projekte – mit besonderem Fokus auf ihre prägende Werkreihe „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“.

Bitte stellen Sie sich kurz vor.
Ich bin Jinyeob Cha, Künstlerische Leiterin des collective A. Ich arbeite als Choreografin, Bühnenkünstlerin und Performance-Künstlerin und realisiere Projekte in unterschiedlichen Formaten.


Vielen Follower*innen des Goethe-Instituts Korea sind Ihre Arbeiten möglicherweise noch unbekannt. Können Sie uns einen Einblick in Ihre aktuellen Projekte geben?
Im Dezember 2025 habe ich das neue Stück „Bing Bing Bing (빙빙빙)“ präsentiert – ein weiterer Teil der Serie „Der sich windende Körper (원형하는 몸)“ die 2020 begann. Mit Round 1, Round 2 und Round 3 hat sich eine zusammenhängende Serie entwickelt, die inzwischen seit sechs Jahren wächst. Im Laufe meiner künstlerischen Tätigkeit, die sich über meine 20er und 30er Jahre bis in meine frühen 40er erstreckte, vertieften sich meine Auseinandersetzungen und Fragen zum Körper sowie zum Wesen des Seins zunehmend. Dabei begann ich mich für grundlegendere, ontologische Fragen zu interessieren, etwa nach dem Dasein vor dem Menschen – also danach, was wir als lebende Körper sind und woher dieser Körper stammt. Die Serie „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“ ist ein Werk, das genau aus diesen Fragen heraus entstanden ist.

Wenn man Ihre Arbeiten betrachtet, fällt sofort auf, wie stark die Materialien die Bühnengestaltung prägen. In Ihren frühen Werken waren es Spiegel, später Eis, und in Ihren jüngsten Inszenierungen Sand – Materialien, die die Atmosphäre auf der Bühne entscheidend verändern und den Raum durch ihren experimentellen Einsatz erweitern. Was hat Sie dazu bewegt, solche Materialien einzusetzen? Und welche Rolle spielen sie im Entstehungsprozess?
Als ich 2012 collective A gründete, präsentierte ich als Erstaufführung das Stück „Rotten Apple“. Seitdem stelle ich mir konsequent die Frage, was in meiner Arbeit wirklich wesentlich ist.

In diesem Prozess wurde für mich der „Raum“ zum wichtigsten Aspekt. Für mich ist der Körper selbst ein Raum – und zugleich bewegt er sich in einem physischen Raum, der ihn beeinflusst. Die Beziehung von Körper und Raum wurde schließlich zum Kern meiner künstlerischen Arbeit.

Daher habe ich viel über die Form des Performancerahmens nachgedacht. Ich wollte nicht an die klassische Guckkastenbühne gebunden sein, sondern einen Raum schaffen, der das Thema des Körpers besser sichtbar macht. So entstand der Antrieb für eine Vielzahl experimenteller Raumformen.

In „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“ begann alles mit dem Ursprung des Lebens: Wasser. Je länger ich mich mit Wasser beschäftigte, desto faszinierender wurde für mich die Erkenntnis, dass auch der menschliche Körper ein veränderliches Wesen ist, das ständig von seiner Umgebung beeinflusst wird. Wasser gefriert, schmilzt, verdampft, kondensiert – ein ununterbrochener Kreislauf. Dieser Prozess der Transformation wurde für mich zu einem zentralen Bild.

Also begann ich zu überlegen, wie sich dieser Kreislauf, dieser Fluss aus Eis, Flüssigkeit und Dampf, in einer Performance sichtbar machen lässt. Der erste Schritt führte mich zum Raum. Ich dachte sogar daran, eine kreisförmige Bühne zu bauen – doch je länger ich darüber nachdachte, desto spannender fand ich die Idee eines Raums, der in seiner Wirkung kreisförmig erscheint, ohne tatsächlich ein Kreis zu sein.

In diesem Nachdenken entstand schließlich die Idee einer Spiegelstruktur aus dreieckigen Segmenten, fast wie Pizzastücke. Nach monatelangen Überlegungen nahm diese Form Gestalt an.

Im Zentrum dieses Werks steht das Zusammenspiel von Körper und Raum. Die Spiegel reflektieren den Körper in verschiedene Richtungen, vervielfältigen und erweitern ihn – und erzeugen so ein zirkuläres Bild. Es entsteht eine Szene, in der Körper und Raum ineinandergreifen, sich ausdehnen und wie in einer fraktalen Struktur immer neue Beziehungen bilden. In meinen jüngsten Arbeiten habe ich vor allem Vinyl eingesetzt. Für mich fühlte sich dieses Material fast wie eine Haut an. Denn, obwohl es transparent oder durchscheinend ist und keine feste Form hat, ist es ein sehr empfindliches Material, das sensibel auf Wind und seine Umgebung reagiert.

Eines Tages spielte ich zu Hause zufällig mit einer Vinylfolie herum und war sofort fasziniert von ihrer Wandelbarkeit. Wenn ich sie fest spannte, wirkte sie stabil, fast robust. Doch sobald ein Luftzug kam, flatterte sie leicht, wurde weich, verletzlich – und zeigte eine völlig andere Seite. Besonders beeindruckt hat mich, wie sehr sich ihr Charakter verändert, abhängig davon, womit sie in Berührung kommt.

Also begann ich, dieses Material direkt mit meinem Körper zu verbinden. Aus verschiedenen Arten von Vinyl und Plastikfolie entstanden Szenen, in denen das Material manchmal Raum wurde, manchmal Körper – und manchmal wie eine ganz eigene, dritte Existenz wirkte. Letztendlich sehe ich all diese Materialien nicht als bloße Requisiten, sondern als Ergebnisse eines Beobachtungsprozesses – eines Nachdenkens über Körper, Lebensprozesse und darüber, was sich zwischen beiden ständig verändert.

Sie haben in Großbritannien studiert und später auch in Europa gearbeitet. Wie haben diese Erfahrungen Ihre künstlerische Sprache geprägt?
Ich habe relativ früh in Europa gearbeitet und dort erstmals echten Professionalismus erlebt. Damals gab es in Korea kaum Gelegenheiten, systematisch zu lernen oder zu sehen, welche Einstellung und Arbeitsweise ein/e Tänzer*in haben sollte.

Während meines Studiums wurde der deutsche Choreograf Misha Fruck an meine Universität eingeladen. Daraus entstand eine Zusammenarbeit mit seinem Münchner Projekt, und ich arbeitete zwei Monate lang in Deutschland. Dort unterschrieb ich zum ersten Mal einen Vertrag, erschien zu festen Zeiten zur Probe, erlebte klare Arbeitsabläufe.

Besonders beeindruckt hat mich die Einstellung meiner Tanzkolleg*innen. Sie bereiteten ihren Körper vor den Proben selbst vor, achteten auch im Alltag konsequent auf ihre körperliche Gesundheit und gingen stets in bester Verfassung an die Arbeit. Als ich das sah, lernte ich zum ersten Mal, wie wichtig die richtige Einstellung und Selbstdisziplin für professionellen Tänzer*innen sind. Diese Erfahrung war ein wichtiger Ausgangspunkt für meine ersten Aktivitäten im Ausland und hat auch großen Einfluss auf meine heutige Arbeit.

Nach meinem Abschluss nahm ich zufällig an einem offenen Casting in München teil – mit rund 200 Bewerber*innen. In der letzten Runde gab es eine Improvisationsaufgabe. Ich verstand damals kaum Englisch und improvisierte frei, basierend auf dem, was ich glaubte, verstanden zu haben. Überraschenderweise entsprach meine Interpretation genau der Intention des Choreografen, und ich wurde ausgewählt. Im Nachhinein war es ein fast komischer Moment – aber auch ein Beweis dafür, dass Tanz tatsächlich eine universelle Sprache sein kann.

Galili Dance Company © private

Gibt es deutsche Künstler*innen, die Sie besonders geprägt haben?
Zwar ist er nicht gebürtiger Deutscher, aber einer der Choreografen, die mich am meisten geprägt haben, ist William Forsythe. Er arbeitete viele Jahre in Deutschland als Künstlerischer Leiter des Balletts Frankfurt und zählt für mich zu den wichtigsten Figuren der Tanzgeschichte.

Seit meinen Studienjahren bewundere ich seine Arbeiten. Er beeinflusst mich besonders durch seine Sichtweise auf die Beziehung zwischen Körper und Raum. Für ihn ist Bewegung nicht einfach Tanz, sondern eine Methode, Raum wahrzunehmen und zu strukturieren. Er versteht den Körper als Architektur – als Struktur im Raum.

Seine Arbeit „Improvisation Technologies“ (1994–1996) visualisiert Bewegung als Linien und räumliche Konstruktionen und zeigt, wie Körper ständig Beziehungen herstellen und Räume erweitern.

Ich glaube, dass mein eigenes Interesse an der Verbindung von Körper und Raum an manchen Stellen mit seinen Ideen korrespondiert.

Wie sammeln Sie Inspiration im Alltag? Haben Sie bestimmte Routinen oder Rituale?
Ich bezeichne mich selbst gerne als eine Art „bequeme Perfektionistin“. Bevor ich ein neues Projekt beginne, simuliere ich gedanklich unzählige Szenarien. Es dauert etwas, bis ich überzeugt bin: Ja, das ist wirklich mein Stück.

Wenn meine Ideen noch nicht klar sind, hilft mir körperliche, einfache Aktivität: Aufräumen, Spazierengehen, Tätigkeiten ohne viel geistige Arbeit. Dabei arbeitet mein Kopf weiter – der Körper bewegt sich, aber innerlich choreografiere ich.

Auch Spaziergänge oder Autofahrten rund um Hannam-dong und den Namsan inspirieren mich sehr. Die Topografie, die Mischung aus Berg und Stadt – das gibt mir Ruhe und beeinflusst meine Arbeit.

Mein Zuhause ist ebenfalls ein Arbeitsraum. Schon beim Entwurf des Interieurs war mir wichtig, dass es wie ein Studio wirkt. Der große Schiebespiegel im Wohnzimmer stammt genau aus diesem Gedanken. Wenn ich eine Idee habe, räume ich Möbel zur Seite, schalte Musik ein und experimentiere direkt dort mit Bewegung.

Für mich entsteht Inspiration weniger in außergewöhnlichen Momenten, sondern wächst im Alltag, im Raum, im Körper.
  Welche Projekte planen Sie für dieses Jahr?
Dieses Jahr stehen mehrere Arbeiten an, insbesondere die Zusammenarbeit mit dem Korean National Dance Company für das Stück „Dreamland Dance“ (몽유도원무) sowie die Weiterführung der Serie „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“. „Dreamland Dance“ wurde vor einigen Jahren uraufgeführt und aufgrund der positiven Resonanz erneut ins Programm aufgenommen. Die Verbindung von traditioneller Ästhetik mit zeitgenössischer Sensibilität – und die Frage nach Körper, Raum und Gemeinschaft – macht dieses Werk für mich sehr bedeutend.

Die Serie „Der sich wandelnde Körper (원형하는 몸)“ ist wie schon erwähnt ein langfristiges Projekt, das ich kontinuierlich weiterentwickle. Es erforscht zyklische Prozesse, Transformationen und die Beziehung von Körper, Raum und Material. Dabei entstehen in unterschiedlichen Räumen und mit variierenden Materialien immer neue Formen.

Auch zukünftig werde ich daran arbeiten, die Bewegung des Körpers nicht nur als Choreografie zu verstehen, sondern als erweiterten Dialog zwischen Raum, Materie und Sinneswahrnehmung.

Projekt-Planung und Interview: Sohee Shin
Künstlerin: Jinyeob Cha
Bilder: Leslie Klatte, Yoonjung Daw
SNS-Shorts: Yoonjung Daw
Deutsche & Englische Übersetzung: Leslie Klatte

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