150 Jahre Jāzeps Vītols
Leben für zwei

Ausschnitt des CD-Covers „Jazeps Vitols. Works for solo piano“ von Reinis Zariņš
Ausschnitt des CD-Covers „Jazeps Vitols. Works for solo piano“ von Reinis Zariņš | © Champs Hill records, 2013

Vor dem Ersten Weltkrieg Professor und bekannter Kritiker in St. Petersburg, nach dem Krieg Begründer der professionellen klassischen Musikausbildung in Lettland – der lettische Komponist Jāzeps Vītols hat viele Spuren und ein reiches musikalisches Schaffen hinterlassen.

Der Komponist und Pädagoge Jāzeps Vītols (1863–1948) ist eine der größten Persönlichkeiten in der relativ jungen Geschichte der klassischen Musik Lettlands. Dieser Mann mit seinem legendären glänzenden nackten Schädel (wie der Sänger Mariss Vētra in seinen Memoiren schrieb) und der obligatorischen locker gebundenen Seidenkrawatte um den Hals hat praktisch zwei Leben gelebt. Bis zum Ersten Weltkrieg war er eine der Stützen des musikalischen Lebens in St. Petersburg – geschätzter Professor am Konservatorium, bekannter Musikkritiker und enger Freund und Gesinnungsgenosse von Rimski-Korschakow, Glasunow und Ljadow. Am Ende des Krieges schien es, als sei sein erfülltes Arbeitsleben zu Ende, Vītols ist nun schon 55 Jahre alt, es ist Zeit mit der geliebten Forellen-Angel in der Hand ruhige Rentenjahre zu verbringen. Doch nein: Vītols verblüffte alle – er kehrte in die Heimat zurück und nahm die Lettische Nationaloper, die während des Krieges in Russland tätig war gleich mit, er heiratete eine junge Sängerin und gründete die erste professionelle höhere Lehranstalt für Musik in Lettland, das Lettische Staatskonservatorium. So begann sein zweites Arbeitsleben, das genauso reich und vollwertig wie das erste war.

Russische Stadt, deutsche Sprache, lettisches Bewusstsein

Wir wollen hier nicht näher auf die Intrigen und kleinlichen Ränkespiele eingehen, mit denen Vītols in der Heimat konfrontiert wurde, sondern betonen, das gerade Jāzeps Vītols das bis dahin marginale lettische Musikleben auf professionelle Gleise setzte. Ja, er war ein sehr konservativer Mann und in gewisser Weise kann man Vītols eine Mitschuld daran geben, dass es Lettland nicht gelang, in der Zwischenkriegszeit Verbindungen zur europäischen zeitgenössischen Musikwelt aufzubauen. Doch wird dies durch alles Wertvolle, das Vītols gegeben hat aufgewogen und das ist wahrlich genug, um ihn als Ikone der lettischen Musik zu bezeichnen.

Zu Ehren Jāzeps Vītols fand zu seinem 150-jährigen Jubiläum eine beachtliche Reihe an Konzerten statt. Seine Solostücke wurden aus der Vergessenheit gerettet und die Konzertreihe in der Lettischen Nationaloper mit diesen Sololiedern wurde zu einem der größten Musikereignisse des Jahres. Auch das demselben Anlass gewidmete Sängerfest-Konzert wurde zum unvergesslichen Mysterium, das nicht nur die kreative Ausdruckskraft von Vītols beleuchtete, sondern auch menschliche, persönliche Aspekte. Es sei hier erwähnt, dass dieser Mann, der lettische Wurzeln hatte, erst in den Jugendjahren zum richtigen Letten wurde. In der Familie Vītols wurde deutsch gesprochen und natürlich beherrschte Vītols auch das Russische hervorragend. Doch bis das lettische Nationalbewusstsein zusammen mit den ersten Sängerfesten aus Riga bis nach St. Petersburg vordrang sprach und schrieb er kein Lettisch. Dann allerdings lernte Vītols zielstrebig die Sprache und wurde zu einem echten Letten, der er ja in Wirklichkeit auch war. Als Erbe aus seiner deutschsprachigen Vergangenheit blieb die Schreibweise seines Nachnamens – seine Briefe unterschrieb der Maestro mit Wihtol.

Lebendige Erinnerung

Doch aus dem Jahr 2013 werden uns nicht nur die bis dahin unverdienterweise wenig gespielten Partituren von Vītols in guter Erinnerung bleiben, sondern auch ein viel lebendigeres Bild des Menschen selbst. Nicht eine blasse Büste auf dem Piedestal, sondern ein Mann, der während eines Gewitters auf der Krim das Schaudern der Liebe spürte, um es dann tief in seiner Musik zu vergraben; ein Mann, der ein Papagei Namens Pēterītis hatte, und der seinen zahlreichen Patenkindern ein herzlicher Patenonkel war. Ein Mann, der die Leistungen seiner Kollegen und die Arbeiten seiner Studenten ironisch und kompetent kommentierte und schließlich ein Mann, der in seinen virtuos geschriebenen Memoiren nicht nur über seine guten Tage berichtet, sondern auch die Momente der Ratlosigkeit und des Unverständnisses nicht verschweigt.

Vieles der Musik von Vītols wird in der Welt unbekannt bleiben, doch im Jahr 2013 wurde Heldenhaftes geleistet, das nicht unerwähnt bleiben darf. Dem in London lebenden lettischen Pianisten Reinis Zariņš ist es gelungen, das britische Label Champs Hill Records zu überzeugen ein Album mit Klavierstücken von Vītols herauszubringen. Reinis ist einer der hervorragendsten lettischen Musiker dieser Zeit und sein Tribut an Vītols kann man jedem aus Gründen des Erkenntnisgewinns und des Genusses nur empfehlen.