Danguolė Viliūnienė im Gespräch
Das E-Book ist kein Kannibale

Danguolė Viliūnienė
Danguolė Viliūnienė | © Inga Juodytė

Von der Dynamik eines angloamerikanischen E-Book Marktes ist Litauen noch weit entfernt. Die Anzahl der ‚E-Enthusiasten‘ ist überschaubar und illegale Kopien machen das Leben schwer. Die Direktorin des Verlags „Alma littera“ gewährt Einblicke, wie die litauischen Verlage mit den Herausforderungen umgehen und sich für die Zukunft aufstellen.

E-Books in Litauen: Wie sieht die gegenwärtige Situation aus. Würden Sie uns einen kurzen Überblick geben?

Man könnte sagen, dass 2013 das Durchbruchsjahr des E-Books ist. Im vergangenen Jahr gab es in Litauen nur zwei Online-Buchhandlungen, die von gerade mal einem Dutzend Verlagen mit Büchern beliefert wurden. Dieses Jahr hingegen handeln alle wichtigen „E-Buchhandlungen“ mit Büchern von mehreren Dutzend Verlegern. Derzeit bietet allein unser Verlag nahezu 400 E-Books an – „Alma littera“ gibt sämtliche belletristischen Titel (mit seltenen Ausnahmen) auch im E-Format heraus. Dabei muss man erwähnen, dass es sich dabei nicht um Bücher von der Backlist, sondern um die neuesten und beliebtesten Bücher handelt, manche von ihnen erscheinen im Handel sogar früher als ihre Printausgabe. So offen wie wir sind allerdings nicht alle Verlage. Es gibt auch solche, die sich fast beschützend vor das gedruckte Buch stellen: Entweder verlegen sie nur „veraltete“ oder gar keine Bücher im E-Format.

Zur Zeit gibt es etwas über tausend Titel populärer Literatur (Tradebook) auf dem litauischen E-Book-Markt, ihr Verkaufsanteil macht etwa ein Prozent aller Bücher dieser Kategorie aus. Unser Verlag ist dabei sowohl bei den Titeln als auch beim Umsatz mit dem größten Anteil vertreten. Ein so dynamisches Wachstum des E-Book-Marktes wie in den USA oder Großbritannien ist nicht zu erwarten, das zeigen auch die diesjährigen Verkaufszahlen. Trotzdem gehen wir davon aus, dass sich die Gewohnheiten der Verbraucher in Zukunft ändern und die Verkaufszahlen stetig steigen werden. Wir haben eine Studie durchgeführt, der zufolge in den letzten Jahren 15 Prozent der Bevölkerung Bücher in elektronischer Form gelesen haben, davon 70 Prozent in litauischer Sprache. Das zeigt, dass E-Books ziemlich beliebt sind. (Im Vergleich dazu: Der Anteil in den USA liegt bei 27 Prozent.) Allerdings decken diese Ergebnisse ein Paradox auf: So sehr die Litauer aktive E-Book-Leser sind, so wenig aktiv sind sie beim Kauf von E-Books. Wir vermuten, dass die weitverbreitete Piraterie daran schuld ist, deren Kontrolle Sache sowohl der Verlage als auch der Gesetzgeber und der Justiz ist.

„Wir dürfen niemanden ignorieren“

Die Alma littera Gruppe hat sich mit der Gründung von The Book Club schon 2003 stark im Netz engagiert. Wie gewichten Sie heute die physischen und digitalen Angebote? Wie sieht der Markt der Zukunft aus?

Es gibt Leser gedruckter Bücher und Leser von E-Books. Beiden Lesergruppen müssen wir das Lesen von Büchern in ihrem bevorzugten Format ermöglichen, keine dürfen wir ignorieren. Zwar haben die Zahlen der E-Book-Käufe bisher keinerlei Auswirkungen auf den Verkauf gedruckter Bücher gezeigt, in ein paar Jahren werden E-Books aber zweifellos ein Stück vom Printmarkt „abgreifen“, zumindest in bestimmten Kategorien wie Belletristik, Literatur von ‚Autodidakten‘ u.ä. Wir hoffen jedoch, dass die Absatzzahlen der Branche insgesamt die gleichen bleiben oder sich nur unwesentlich ändern.

Wie lesen Sie selbst? Digital, analog, beides?

Sowohl als auch. Aus beruflichen Gründen interessiere ich mich auch für Enhanced Books und Buch-Apps.

„Savvy“ oder „heavy“? Die verschiedenen Nutzertypen

Wie schätzen Sie die Nachfrage in Litauen ein? Sind die Leser/innen aufgeschlossen E-Books und anderen technischen Entwicklungen gegenüber oder wagen sich nur ein paar Vorreiter an neue Formate?

Bisher wirkt sich der litauische E-Book-Markt nicht gerade „kannibalisch“ auf die gedruckten Bücher aus. Jeden Monat werden in den litauischen Online-Buchhandlungen etwa 1000 E-Books verkauft, weniger als ein Prozent aller Buchverkäufe.
Unserer Einschätzung nach sind die gegenwärtigen Käufer von E-Books in Litauen reine Enthusiasten: Fans neuer Technologien (savvy users) und Menschen, die sehr viel lesen (heavy readers). Erstere haben Spaß daran Innovationen zu testen, die anderen kaufen E-Books aus wirtschaftlichen Gründen: Liest man viel, ist der Kauf elektronischer Bücher billiger und bequemer. Für ein nachhaltiges Geschäft reicht diese Zielgruppe allerdings nicht aus, daher wollen wir im kommenden Jahr versuchen, auch den ‚normalen‘ Leser für E-Books zu gewinnen.

Mit unserem Engagement auf dem E-Book-Markt verfolgen wir auch noch eine ganz andere Mission. Die meisten Menschen in Litauen sprechen mehreren Fremdsprachen, und da E-Books im internationalen Handel (Amazon, Apple iBookstore, Kobo u.ä.) sowohl einfach zu beziehen als auch billig sind, können sie sie jederzeit in der Originalsprache erwerben. Werden nicht genügend E-Books in litauischer Sprache herausgegeben, müssen wir befürchten, dass diese für Innovationen offenen Leser aus unserem Kulturfeld emigrieren. Langfristig kann eine solche Praxis die Nachfrage nach Büchern auf Litauisch völlig ersticken. Daher ist es unser Ziel, jungen Menschen die Möglichkeit zu bieten, E-Books in litauischer Sprache zu lesen und den in unserer Studie erwiesenen Trend zu stoppen: 57 Prozent der E-Book-Leser bis 39 Jahre lesen ihre Bücher in einer Fremdsprache.

Möglichkeiten nutzen, optimistisch bleiben!

Mit welchen Herausforderungen sieht sich die litauische Verlagsszene aktuell konfrontiert?

Die Buchbranche befindet sich in einer Art Transit-Phase. Diese geht mit einer Menge Möglichkeiten und Herausforderungen einher: Gedruckte Bücher werden von E-Books abgelöst, Kinderbücher von Buch-Apps, gedruckte Wörterbücher von Online-Wörterbüchern, gewöhnliche Läden von Internet-Shops. Die Stimmungen sind vielfältig, so hängt alles ein bisschen von der Bereitschaft zur Veränderung ab. Menschen, die die Veränderungen auf dem Markt lieber ignorieren, sind besorgt und bringen das auch zum Ausdruck. Wer die aktuellen Herausforderungen des Marktes annimmt und die Möglichkeiten nutzt, bleibt optimistisch. Nur die Verlagshäuser in Litauen, die diese Hürde erfolgreich genommen haben, werden auch zukünftig Wachstum verzeichnen können.

E-Books werden zunehmend auch ausgeliehen. Wie im Musikbereich (bspw. spotify), scheint sich auch beim Leseverhalten ein Trend vom Besitzen zum temporären Nutzen abzuzeichnen. Ist diese Entwicklung auch in Litauen spürbar? Hat sie einen Einfluss auf die Publikationen?

Bislang werden solche Dienste in Litauen nicht angeboten, daher ist auch weder auf die traditionelle noch auf die elektronische Verlagsbranche ein Einfluss zu vermerken. Eine technische Lösung für den Buchverleih haben wir bereits, wir könnten diese Dienstleistung unseren Lesern also jetzt schon anbieten. Allerdings, so glauben wir, könnte eine solche Entscheidung unvorhersehbare Folgen für das noch junge E-Book-Verlagswesen in Litauen haben. Darüber hinaus könnte der Verleih von E-Books aufgrund der spezifischen Nutzungsform und urheberrechtlicher Fragen weniger erfolgversprechend sein als im Musik- oder Filmgeschäft. Daher warten wir wohl erst ab und schauen, wie es den Pionieren auf diesem Gebiet in den USA, z.B. Oyster und eReatah ergeht. Dann sehen wir weiter.
 

Danguolė Viliūnienė ist Direktorin des größten litauischen Verlages „Alma littera“.