Umgestaltung
Das Handels- und Freizeitzentrum New Hanza City

Vorschlag für die Entwicklung des New Hansa City Territoriums aus der Vogelperspektive;
Vorschlag für die Entwicklung des New Hansa City Territoriums aus der Vogelperspektive; | © Dace Kalvāne

Die internationale Ausschreibung für die anvisierte Entwicklung des Gebiets um den ehemaligen Güterbahnhof in Riga, im Viertel zwischen der Hanzas iela, Pulkveža Brieža iela, der Skanstes iela und der Sporta iela, fand 2007 statt. Die Firma „New Hanza City“ (NHC) schlug vor, auf diesem Gebiet ein eindrucksvolles Handels- und Freizeitzentrum unter demselben Namen zu errichten, für dessen erste Bauphase eine kommerzielle Bebauung von 135 000 m² geplant ist. Das NHC Geschäftsbautenviertel, das nur 1,7 km vom historischen Stadtzentrum Rigas entfernt liegt, ist Teil des 26,5 ha großen, künftig zu entwickelnden Gebiets, für das die Arbeitsgruppe „Schaller Architekten Stuttgart“ (SAS) 2008 einen Entwurf für eine nachhaltige, urbane Entwicklung ausgearbeitet hat. Darin wird vorgesehen, im Südwesten Wohnraum, Büroflächen und Lagerraum und im Nordteil exklusive Wohnungen, ein Einkaufszentrum sowie einen Park mit einer weiten, begrünten Fläche als Erholungsgebiet zu schaffen.

Für den Entwurf der New Hanza City als ein Gebiet nachhaltiger, urbaner Entwicklung führte die SAS Arbeitsgruppe in Zusammenarbeit mit den Klimaexperten „Transsolar“ (Deutschland) eine ausführliche Analyse der klimatischen Gegebenheiten durch. Hierbei ermittelten sie den optimalen Abstand zwischen den Gebäuden, analysierten die Windverhältnisse und bezogen sich auf die Platzierung der Bauten, ihre Orientierung auf den Grundstücken, auf die für Riga charakteristischen Bebauungsstrukturen und die Ergebnisse der kulturhistorischen Erforschung dieser Gegend.

Einfluss auf die Umgebung

Durch die starke Urbanisierung auf globaler Ebene ist heutzutage der Einfluss einer Stadt auf ihre Umgebung bedeutend größer geworden. In der Stadt der Zukunft sollte ihr Einfluss auf die Umgebung wieder weniger werden, die Stadt sollte auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sein und eine entsprechende Infrastruktur, Energieeffektivität und Elastizität besitzen, um sowohl die Bedürfnisse ihrer Einwohner als auch die des Ökosystems zu stillen. Seit den 80er Jahren ist in Europa die urbane Idee der „Stadt der kurzen Wege“ aktuell, die eine Reduzierung des Verkehrsaufkommens in der Stadt anstrebt, indem die Entfernungen zwischen Wohnort, Arbeitsplatz, Freizeitgebieten, Dienstleistungs- und Bildungszentren verkürzt werden. Eines der Hauptziele dieser urbanen Bewegung ist die Anpassung der städtischen Struktur an die Bedürfnisse von Fahrradfahrern, Fußgängern und öffentlichen Verkehrsmitteln sowie die Sicherstellung einer vielfältigen Umgebung.

Die positive Seite dieser urbanen Herangehensweise ist, dass die Einwohner mehr Freizeit haben und die Möglichkeit, diese in einer schönen, ihnen bekannten Umgebung zu verbringen. Außerdem bietet sie positive Kommunikationsmöglichkeiten. Es geht nicht nur um Mobilität und Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, sondern auch um eine optimale Verkehrsanbindung in der Stadt, um eine praktische Infrastruktur in den Stadtvierteln und eine hohe Lebensqualität in einer gepflegten und grünen Stadt. Einer der charakterisierenden Aspekte ist der Holismus (aus dem Griechischen: holos – ganz), in dessen Sinne diese urbane Herangehensweise unter Berücksichtigung ökologischer, wirtschaftlicher und regionaler, sozialer Eigenheiten die langfristige Entwicklung der Stadt sicherstellt.

Der Entwurf der SAS Arbeitsgruppe zur Entwicklung des Gebiets dient als Grundlage für die Ausarbeitung eines Detailplans, die Vorschläge für die Ausschreibung als Grundlage für die Skizzen des ersten Abschnitts des NHC Projekts, d.h. für das Finanzhandelszentrum und das Lifestylegebiet. Das NHC Geschäftsbautenviertel muss man im breiten Kontext sehen, unter Berücksichtigung der Aspekte der Stadtbauentwicklung und ihrer gegenseitigen Wechselwirkung. Die NHC ist als Zentrum des geschäftlichen und wirtschaftlichen Lebens der Stadt geplant und sieht auch Platz für das neue Verwaltungsgebäude der Aizkraukles Bank vor, welches das Gebiet um die Skanstes iela funktionell bereichern würde, in dem sich bereits die zentralen Büros der Banken Krājbanka, Rietumu banka, Nordea banka und DnB Nord befinden.

Ein pulsierendes Element im Stadtbild

Planung des Finanz- und Geschäftsviertels in New Hansa City, Wettbewerbsideen; Planung des Finanz- und Geschäftsviertels in New Hansa City, Wettbewerbsideen; | © Dace Kalvāne Der erste Abschnitt des NHC Gebiets ist mit einer geringen Verkehrsdichte geplant und dadurch vorrangig auf Fußgänger und Fahrradfahrer ausgelegt. Parkplätze befinden sich hauptsächlich unterirdisch, deshalb ist der öffentliche Außenraum der NHC, der visuell in den geplanten Park im Osten übergeht, landschaftlich ansprechend und attraktiv (der öffentliche Park soll angelegt werden, sobald die Bauarbeiten am ersten Gebäude auf dem New Hanza City Gebiet beginnen). Das NHC Finanzhandels- und Lifestylezentrum wird von Norden nach Süden von einer Hauptstraße durchschnitten, die am zentralen Platz des Gebiets beginnt. Mit ihrem breiten, nachts erleuchteten, öffentlichen Außenraum und den begrünten Flächen, Springbrunnen und anderen dekorativen Elementen, den Bars, Restaurants und Geschäften im Erdgeschoss der Gebäude wird diese Straße zu einem pulsierenden Element im Stadtbild.Der Straßen- und Gehwegbelag im NHC Innenviertel wird von organischen Formen geprägt, die auf ihre Art als Orientierung zwischen den Einzelhandels-, Büro- und Freizeitzonen dienen und die wie zufällig auf den Grasflächen angepflanzten Bäume und die gepflegte Umgebung bilden einen harmonischen Übergang zum öffentlichen Park. Außerdem lassen die reliefförmig angeordneten Rabatten und Grasflächen an der Pulkveža Brieža iela einen neuen architektonischen Ausdruck im bestehenden Stadtbild entstehen. Die im NHC Gebiet neu entstandenen Straßen, das Netzwerk aus Radwegen und der öffentliche Außenraum tragen wesentlich zur Verbesserung der städtischen Infrastruktur bei und lassen es zu einem wichtigen und modernen, neuen Bebauungsgebiet in Riga werden.

Die geplante Bebauung des NHC Finanzhandelsviertels basiert auf Studien der derzeitigen Bebauungsstruktur Rigas. Entlang der Pulkveža Brieža iela sollen sechsstöckige Gebäude errichtet werden, welche die für Riga charakteristische Größe der Stadtviertel, Höhe der Gebäude, Fassadeneinteilung und Proportionen einhalten. Die Gebäude auf dem Gebiet werden in Richtung Norden allmählich höher und bilden somit einen Übergang zum höchsten Gebäude des Viertels, sozusagen seiner Visitenkarte: der Gebäudegruppe „Primaballerina“.

Auch dem Studium der Silhouetten der Stadt wurde in diesem Projekt große Aufmerksamkeit gewidmet. Unter Rücksichtnahme auf das Panorama der Altstadt werden neue, asketische Bauten geschaffen, die das Gleichgewicht der Stadtsilhouette nicht stören. Den Kompositionsumfang der Gebäude im NHC Finanzhandelszentrum bestimmen sowohl die Vorschriften und Regulierungen des Stadtentwicklungsplans als auch klimatische Aspekte vor Ort. Eine besondere Rolle bei der Bebauung spielen verglaste Atrien und Wintergärten, die die Etagen der Gebäude durchwirken und die architektonischen Fassadenstrukturen auflockern, sowie eine extensive Anlegung von grünen Dächern auf den sechsstöckigen Gebäuden an der Pulkveža Brieža iela.

Ingenieurtechnische Methoden für eine optimale Energiebilanz

Die architektonische Gestalt der Gebäude wird von ingenieurtechnischen Besonderheiten geprägt, die umweltfreundlich sind und dabei für Nachhaltigkeit und ein angenehmes Mikroklima in den Räumen sorgen. Die Fassade ist nicht nur die architektonische Gestalt und Hülle des Gebäudes, sie stellt auch eine optimale Energiebilanz sicher. Die Bedeutung der architektonischen Gestalt hat sich mit den Jahren gewandelt und inzwischen werden Fassaden mit eingebauten Solarzellen oder Sonnenkollektoren immer öfter bei der Erarbeitung der Heizanlagenkonzeption eines Gebäudes verwendet. Für ein modernes Bürogebäude ist das Klimaanlagensystem sehr wichtig, deshalb kann man durch Integration von Heiz-, Kühlungs- und Belüftungselementen in die Fassade ein weitaus energieeffektiveres Gebäude schaffen.Die heutige Synthese von Architektur und Technologie bietet nicht nur neue architektonische, sondern auch ökonomische Fassadenstrukturen. Wenn man die Kosten des Lebenszyklus eines Gebäudes berechnet, bei dem Methoden der dezentralisierten Technologie verwendet wurden, kann man von erheblichen Vorteilen bei der Verwendung der Energieressourcen sprechen. Bei der Planung eines energieeffektiven und nachhaltigen Bürogebäudes sind die durchdachtesten und erfolgreichsten Methoden die der dezentralisierten Technologie, denn sie machen es möglich eine viel effektivere Etagenplanung zu erstellen, die leicht an die Bedürfnisse der Nutzer und Verwalter anzupassen ist.

Auch für die NHC Geschäftsgebäude soll ein Fassadensystem verwendet werden, das Belüftungskontrolle, Wärmeregeneration sowie eine Erwärmung bzw. Abkühlung der hineinströmenden Luft möglich macht. Ein dezentralisiertes Fassadenbelüftungssystem (z.B. das Schueko E² Fassadensystem) verringert auch die Baukosten erheblich, da das Belüftungssystem in die Überdeckungen eingebaut ist und somit auch gleichzeitig weniger Abmessungen für Lüftungsschächte und technische Räume benötigt werden. Ein Belüftungssystem, das in die Überdeckung der Fassade zwischen den Stockwerken eingebaut ist, erlaubt auch eine Verglasung der Räume vom Fußboden bis zur Decke.

Die dezentralisierte Wärmeregeneration ist in das Belüftungs- und Wärmeaustauschsystem integriert, wodurch wesentlich weniger Wärme verloren geht. Dank des Modulprinzips des Fassadensystems kann man diese Methode der Funktion des Gebäudes und dem gewünschten Mikroklima in den Räumen anpassen (individuelle Kontrolle der Luft und der Temperatur, Schutz vor dem Sonnenlicht, integrierte Fotozellen, Solarenergieelemente, Wärmeisolation, Schattenelemente und dezentralisierte, mechanische Belüftungselemente mit Wärmerückgewinnung). Die optimierte und vom Nutzer regulierte Luftaustauschkontrolle verringert die Unterhaltungskosten und die zusätzlich benötigte Menge an Energie.

Fotozellen und grüne Dächer

Die Fassadenausführung der Bauten im NHC Finanzhandelsviertel wird auch von der Platzierung der Gebäude und den Anforderungen der Umgebung geprägt. Entlang der verkehrsintensiven Straßen sollen doppelte Fassaden mit verstärkter Lärmisolierung und einem dezentralisierten Belüftungssystem, das Klimakontrolle in den Räumen gewährleistet, entstehen. Die architektonischen Methoden für die Hochhäuser sind wiederum an starke Windverhältnisse und Sonneneinstrahlung angepasst. Für die energieeffektiven Gebäudefassaden sollen Fotozellen verwendet werden, die nicht nur Strahlung absorbieren, sondern auch architektonisch die Möglichkeit bieten vielfältige und interessante Designideen zu realisieren. Der Hauptakzent des NHC Finanzhandelsviertels besteht aus einer individuellen Silhouette und einer dekorativen Aufmachung. Das kühle Farbgamma an der Fassade in Grüntönen am unteren Teil des Gebäudes geht nach und nach in ein warmes Farbgamma über: gelbliche Farbtöne symbolisieren die Sonne und das Streben der „Primaballerina“ nach oben. Die architektonische Methode der Fassade in mehreren Schichten verschafft dem Gebäude eine authentische Gestalt und integriert dabei ingenieurtechnische Elemente und Designelemente.

Die Gebäude im New Hanza City Finanzhandelsviertel sind mit grünen Dächern geplant, die ihnen viele ökologische und ästhetische Vorteile bieten. Grüne Dächer (auch Ökodächer genannt) sind Erdschichten mit Pflanzen, die Feuchtigkeit aufnehmen und in der Erde und den Pflanzen speichern, sodass sie sich nicht auf der Oberfläche des Dachbelages ansammeln kann. Das grüne Dach ist an sich eine moderne Interpretation einer sehr alten Methode, nämlich Pflanzen und Gras zum Schutz des Dachbelags zu verwenden. Ein extensives, grünes Dach (ca. 15 cm) schützt die Überdeckung des Gebäudes vor mechanischen Schäden, ultravioletter Strahlung und verringert durch Minderung der höchstmöglichen Temperatur die Schäden, die entstehen, wenn das Dachmaterial sich im Laufe des Tages ausdehnt und zusammenzieht. Das System der grünen Dächer verringert den Abfluss von organischen Stoffen von den Dächern und verbessert die Ökologie- und Energiebilanz des Dachs. Die Lebensdauer eines technisch korrekt realisierten grünen Daches ist doppelt oder sogar dreimal so lang wie die eines nicht begrünten Daches.

Das New Hanza City Finanzhandelsviertel wird die Qualität des öffentlichen Außenraums im historischen Stadtzentrum Rigas fortführen und nicht nur das Bankenviertel an der Skanstes iela und der Vesetas iela bereichern, sondern auch die Bebauungsstruktur an der Pulkveža Brieža iela organisch fortführen und somit das Gebiet um den ehemaligen Güterbahnhof revitalisieren.
 

Auftraggeber: SIA “New Hanza City”
Projektautoren: „Schaller Architekten Stuttgart“ (SAS)
SAS Partner in Lettland: Architekten von “A plus”
Detailplanung: „Grupa 93“
Projektleiter: “CI Project Management”