Stadtentwicklung in Riga
Andris Kronbergs zu den Projekten auf Ķīpsala

Bucht Agenskalns, Entwürfe für Geschäfts- und Wohnhäuser in Riga, Balasta dambis 11;
Bucht Agenskalns, Entwürfe für Geschäfts- und Wohnhäuser in Riga, Balasta dambis 11; | © ARHIS. Projektautoren: Architekten A. Kleinbergs, A.Kronbergs, J.Lasis, B.Bula; Mitgearbeitet: Arch. E.Beernaerts, R.Saulītis Arch.tech. A.Grīnbergs, J.Vizulis, K.Šulcs, Ģ.Kūla; Modell: L.Zaļā

Die Entwicklung Rigas ist eng verbunden mit ihrem Platz als alte Hansestadt an den Ufern der Daugava im geopolitischen Raum Nordeuropas. Eine intensive Blütezeit begann 1861, als die Eisenbahnlinie Riga – Moskau eröffnet wurde, die die Entwicklung von Fabriken begünstigte, wodurch sich wiederum die Einwohnerzahl Rigas innerhalb eines halben Jahrhunderts verzehnfachte. Die mittelalterlichen Befestigungsanlagen wurden in einen Boulevardring mit Kanal um die Altstadt herum umgewandelt. Vor dem Ersten Weltkrieg war Riga bereits die viertgrößte Stadt im russischen Zarenreich – nach Moskau, Sankt Petersburg und Warschau. Im wirtschaftlichen Zentrum des Baltikums herrschte ein friedliches Miteinander zwischen der lettischen, der deutschen und der russischen Kultur.

Frühe Projekte für Ķīpsala

Altstadt Riga um 1920; Altstadt Riga um 1920; | Foto aus dem Projekt „Zudusī Latvija” (Verlorenes Lettland) der Lettischen Nationalbibliothek Nach der Ausrufung der Republik Lettland 1918 wurden Räumlichkeiten für die neugegründeten staatlichen Behörden benötigt. Als Zentrum des Gouvernements hatte Riga bereits gewisse Traditionen und Erfahrungen in der Verwaltung, die nützlich für den neuen Status als Hauptstadt sein konnten. Dennoch befanden sich die Behörden in den zwanziger Jahren oft in Wohnhäusern, die für diese Zwecke nur wenig geeignet waren. Der Hauptplaner Rigas, Arnolds Lamze, war der Meinung, dass „man ein dem lettischen Staat angemessenes Repräsentationssymbol schaffen könnte, das zweifellos eine hervorragende Dominante in der gesamten Bebauung Rigas wäre, wenn man auf Begriff Ķīpsala (Insel vor dem linken Daugavaufer auf der Höhe der Vansu Brücke) die Behörden in einem künstlerisch geschlossenen und architektonisch monumentalen Ensemble vereinen würde.” (Rīga kā Latvijas galvaspilsēta. Rīga, Rīgas pilsētas valde, 1932, 787. lpp.) Nach Ulmanis’ Staatsstreich im Jahr 1934 wurde die Stadtbaupolitik in Riga jedoch nach seinen Anordnungen realisiert und die Altstadt rekonstruiert, so dass Lamzes Pläne in einer Schublade verschwanden.

Auch in den Nachkriegsjahren wurde die Entwicklung auf Ķīpsala ebenso wie in den zentralen Gebieten Pārdaugavas („Jenseits der Daugava“, das linke Ufer der Daugava gegenüber dem historischen Zentrum) und auf den Daugavainseln größtenteils auf Eis gelegt, bis der Bau der Vanšu Brücke einen praktischen Weg nach Jūrmala eröffnete und Ideen für eine konzentrierte Bebauung mit Hochhäusern anregte. Der Campus des Polytechnischen Instituts Riga und das Pressehaus waren die ersten Schritte der Sowjetmacht zur Realisierung dieser Pläne, doch dann folgte eine Pause.

Man braucht eine Vision

In den Neunzigerjahren begann ein Wettstreit zwischen Geschäftsleuten und Kulturerbe-Enthusiasten. 1995 teilte der Entwicklungsplan für Riga den Südteil der Insel als „Geschäftsbereich mit besonderen Vorschriften“ ein, doch 1997 erreichte die staatliche Inspektion zum Denkmalsschutz, dass das historische Zentrum Rigas in das UNESCO Weltkulturerbe aufgenommen wurde und Ķīpsala kam in die Pufferzone und somit unter UNESCO Aufsicht. Außerdem wurde die historische Bebauung der Insel ein Jahr später unter Denkmalschutz gestellt.

Der Architekt Andris Kronbergs denkt, dass „es in Riga an großen Ideen mangelt, die uns näher an eine wirklich moderne, europäische Stadt bringen. Die derzeitige Konzentration auf den Ausbau des Rathausplatzes möchte ich nicht als die nötige, große Idee bezeichnen. Zumindest nicht so, wie es derzeit umgesetzt wird.“ (Šteimane, Inga. Arhitekta ētikas kodekss. Neatkarīgā Rīta Avīze, 2001, 5. janv.) Und wirklich, im modernen Europa ist die Frage nach der Erneuerung der im Krieg zerstörten Altstadt schon lange geklärt. Kronbergs findet, dass „der Staat und die Stadt zunächst einmal eine Vision haben müssen – „was” möchte sie sein und „warum” genau so? Ohne Ideale entstehen Probleme.“ (Gespräch mit Andris Kronbergs am 15. Juni 2008) Seiner Meinung nach muss mit der Planung begonnen werden, wenn es eine zu entwickelnde Idee gibt. Der Architekt möchte die Aufgaben der Hauptstadtplanung tiefgreifender ausformulieren, indem er ihnen einen philosophischen Charakter verleiht, und weiter fassen, indem er die gedachte Mitte von der Altstadt und dem rechten Daugavaufer nach Pārdaugava umsiedelt, wo er den Ort für ein NEUES ZENTRUM RIGAS sieht. Dies könnte diese „große” Idee sein, „die uns näher an eine wirklich moderne, europäische Stadt bringt.”

Mutige Ideen

Seine erste mutige Idee präsentierte Andris Kronbergs 2001, als das Architekturbüro „Arhis“ (Andris Kronbergs, Juris Lasis, Eduards Beernaerts, unter Mitarbeit von Brigita Bula) an der Projektausschreibung für ein Handelszentrum auf Ķīpsala teilnahm. Das „Brückengebäude“ sollte Ķīpsala in 320 m Länge über die Āgenskalna Bucht mit Klīversala (Stadtteil am linken Daugavaufer, südlich von Kipsala) verbinden, um die Verschmelzung der beiden aktivsten, zentralen Gebiete Pārdaugavas zu fördern, und gleichzeitig den Motoryachtverkehr sichern. Das Gebäude beinhaltet eine Straße, die dem Lieferverkehr dient, auf der Höhe des Bürgersteigs befinden sich Geschäfte und Cafés mit Blick aufs Wasser. Den Zuschlag erhielten allerdings Architekten mit einem Wolkenkratzerprojekt, der in Gestalt der Swedbank realisiert wurde. Doch Kronbergs war es mit seiner „Wolkenkratzer“-Skizze gelungen, das vom Kunden gewünschte Hochhaus horizontal zu „kippen“ und auf einen menschlicheren Maßstab zu bringen.

Um die Entwicklung auf Ķīpsala zu intensivieren, führte der Rigaer Stadtrat 2003 eine internationale Ausschreibung durch, bei der man der Ansicht war, dass das Büro „Arhis“ (Andris Kronbergs, Arnis Kleinbergs, Juris Lasis, Jānis Zvejnieks) und die niederländische Firma „S333“ die besten Visionen hatten und so entwarf „Arhis“ ein Konzept für die Entwicklung von Ķīpsala und den anliegenden Territorien. Das Hauptprinzip der Raumkonzeption war eine Verteilung des Verkehrs- und Fußgängerstroms auf mehrere Ebenen, welche die Bebauung einfassen, größtenteils Hochhäuser. Der Architekt entwickelte die Idee des Brückengebäudes weiter und platzierte ein Konzerthaus auf dem AB Damm (Erdstreifen in der Mitte der Daugava von der Akmens Brücke bis zur Agenskalner Bucht). Mehrere Brücken sollten den Zunds (Kanal zwischen der Insel Kipsala und dem linken Daugavaufer) kreuzen, um Ķīpsala mit Pārdaugava zu verbinden.

Andris Kronbergs und seine Kollegen von „Arhis“ nahmen 2006 an der Ausschreibung Konzerthaus auf dem AB Damm mit ihrem Projekt unter der Devise „Grand Veranda“ teil und schlugen vor, mehrstöckige Parkhäuser zu bauen und so die Wasserfläche hinter dem AB Damm zu füllen. Als Interpretation des Begriffs „Veranda“ gestalteten sie eine helle, bunte und anziehende Konstruktion am Ufer der Daugava.

Die Idee eines neuen Zentrums in Riga entwickelte Kronbergs in einigen Hochhausprojekten weiter. Einer Realisierung am nächsten kamen die „Ellipsen Apartments“ (2004 - 2008) auf dem Balasta Damm (Uferstraße im Süden und Osten der Insel Kipsala), die aus 6-stöckigen und 23-stöckigen Gebäuden „auf Stützen“ bestehen würden, damit der Raum entlang der Āgenskalna Bucht nicht optisch begrenzt würde. Im Zentrum der Komposition wäre ein begrünter Hügel, auf dem sich Parkplätze befänden.

Daugava als öffentliches Erholungsgebiet

Kronbergs erkennt das große Potential der Daugava als öffentliches Erholungsgebiet. Um die Leute dazu anzuregen das Wasserbecken zu benutzen hat der Architekt Skizzen für die Bebauung der Daugavagewässer zwischen dem CD Damm (Holzpfähle zur Abgrenzung eines Teils der Daugava vor der Insel Kipsala) und Ķīpsala sowie für Anlegestellen und schwimmende Pontons in der Āgenskalna Bucht (2010) entworfen. Den Anlegestellenkomplex bilden eine schwimmende Straße mit Anlegeplätzen für Yachten und ein Platz sowie ein Restaurant, ein Hotel und ein Verwaltungsgebäude für den Yachtklub – ein öffentlich zugänglicher Außenbereich, der ganzjährig nutzbar ist.

Kronbergs entwickelte die Idee für das neue Rigaer Zentrum in Pārdaugava und die Möglichkeit Hochhäuser im Süden Ķīpsalas zu konzentrieren weiter und schliff gemeinsam mit seinen Kollegen Andis Silis, dem Rigaer Stadtarchitekten Jānis Dripe und mit Spezialisten der Stadtentwicklungsabteilung lange an der Vision für die Silhouette des linken Daugavaufers. Die Prinzipien sind ausformuliert und man hat Thesen aufgestellt, die als Grundlagen für die Bebauungsbedingungen dienen könnten, welche sowohl den Charakter der Bebauung, als auch den des öffentlich zugänglichen Außenraumes bestimmen würden.

Bauskizze für „Handelszentrum Daugava” in Kipsala, Riga, Balasta dambis 3; Bauskizze für „Handelszentrum Daugava” in Kipsala, Riga, Balasta dambis 3; | © ARHIS. Architekten: A.Kronbergs, A.Šnitko, V.Uzors, J.Vizulis, M.Eisaka, E.Runce, I.Kalvelis, A.Janelis, R.Saulītis; Bauzeichner: K.Šulcs, Ē.Miķelsons, P.Gibze, A.Dzenis, U.Jaunsubrēns, A.Alksniņš; „Arhis” entwarf eine Skizze für das Handelszentrum „Daugava“ (2010). Deren Hauptelement ist eine Fußgängerzone, die als begrünter Boulevard geplant ist und in nordöstlich – südwestlicher Richtung verläuft, um den Blick auf die Spitze der Vanšu Brücke freizugeben, und am Zunds Kanal mit einer Erholungszone endet. Das Territorium soll über das bisherige Bodenlevel angehoben werden, um Platz für unterirdische Parkplätze zu schaffen.

Die Skizze für den öffentlichen Außenbereich wurde für das Territorium am Zunds Kanal zwischen dem Balasta Damm, der Daugavgrīvas und der Kr.Valdemāra iela (2011) entworfen und wurde als eine mehrstöckige Erholungszone gestaltet. Fußgängerbrücken über die Daugavgrīvas iela würden sicherstellen, dass Fahrgäste der öffentlichen Verkehrsmittel sowohl zu den Büros auf beiden Seiten der Straße, als auch zur Erholungszone gelangen können. Das Kanalufer und die Brücken würden so gestaltet, dass sie für den Wasserverkehr angepasst wären.

Doch zurzeit scheint sich das Pendel der Entwicklung in Pārdaugava von Ķīpsala zu entfernen. Torņakalns (Stadtteil in Pardaugava), Mūkusala (Stadtteil am linken Daugavaufer, südlich der Eisenbahnbrücke) und Lucavsala (Insel in der Daugava, auf der Höhe der Salu Brücke)befinden sich in einer besseren Situation bezüglich der Hauptverkehrsstraßen und der technischen Infrastruktur. 2005 entwarf „Arhis“ im Auftrag der „Strategischen Partnerschaft der lettischen Bauunternehmer“ für die Ausschreibung des Rigaer Stadtrates für das Vermietungs- und Bebauungsrecht der Insel eine Vision für Lucavsala, die vorsah Kanäle zu ziehen, die von einem Brückennetz überspannt würden, und Wohnhäuser und Bürogebäude entstehen zulassen: niedrige, höhere und im Zentrum der Insel ganz hohe. Doch Politiker und Investoren konnten auf keinen gemeinsamen Nenner kommen, um die Idee zu realisieren, was anstrengend für die Architekten war und den Wunsch Visionen zu schaffen schrumpfen ließ.

Architekt – Ratgeber seines Kunden

„Arhis” nahm 2007 nicht an der internationalen Ausschreibung für ein neues Verwaltungszentrum in Torņakalns teil, die das britische Büro „Fletcher Priest Architects” gewann. Man könnte mit dem Gedanken spielen, wie es gewesen wäre, wenn „Arhis” erfolgreich an der Ausschreibung teilgenommen hätte und sich fragen, ob die Entscheidung nicht teilzunehmen nicht ein taktischer Fehler war. Vielleicht hat sich Riga zum ersten Mal in seiner Geschichte ein Herz gefasst und traut sich den Machtsitz auf die linke Daugavaseite zu verlegen? Das neue Zentrum in Ķīpsala hat keinen Schirrmherrn. Ob es in Torņakalns sein wird, wird die Zukunft zeigen, denn derzeit hat die Stadt ihre Pläne auf Eis gelegt.

In den Blütejahren versuchte Kronbergs eine Rechtfertigung für die ambitionierten Pläne der Investoren zu finden und ihnen eine räumliche Gestalt zu geben. „Was hat man uns in der Schule beigebracht? Ein Architekt ist der Ratgeber seines Kunden, gewissermaßen ein Gehilfe, der die Probleme des Kunden wie seine eigenen löst, indem er sie mit seinem professionellen Verständnis begründet und, wenn Sie so wollen, sein Geld künstlerisch verarbeitet, es in einen Raum einhüllt. Das muss man tun, indem man sich dabei auf seine professionelle Ethik und auf andere Dinge stützt, das ist unsere direkte Arbeit und wir haben nichts anderes.“ (Gespräch mit Andris Kronbergs am 22. Juli 2008)

Die Arbeit an den Visionen hätte einen höheren Realitätsbezug, wenn nicht die Immobilienblase zu groß aufgeblasen worden wäre. Die erste Weltfinanzkrise des 21. Jahrhunderts hat Millionen von Skizzen wertlos gemacht. Auf die Frage nach dem Einfluss der Krise auf die lettische Architektur antwortet Kronbergs, dass „in unserem Beruf die fetten Jahre die Krise waren. Die Schnelligkeit und die Eile, die herrschten, waren vom geistigen Aspekt gesehen sehr gefährlich. […] In den heißen Jahren hatten viele Investoren „den Kopf verloren“, die Wünsche waren größer als die Motivierung. Möglicherweise hätten die Architekten den Entwicklern energischer erklären sollen, dass das ein kurzsichtiger Weg ist, sie hätten aktiver sein müssen und für die Schaffung einer komplexen und qualitativen Umgebung werben sollen.” (rokāne, Laura. Neatkarīgā Rīta Avīze, 2009, 14. jūl.)
 

Andris Kronbergs (1951) ist einer der erfolgreichsten und bedeutendsten zeitgenössischen Architekten in Lettland. Er hat an mehreren bedeutenden Projekten mitgewirkt - Rekonstruktion des Flughafens Riga (1999-2008), Bau der neuen Filiale der Lettischen Bank in Pardaugava, Riga. Die Handschrift des Architekten haben die Natur und Landschanft stark beeinflusst, ebenso wie Ideen über den verantwortungsvollem Umgang mit Ressourcen. Die Projekte von Andris Kronbergs sind in einem höheren konzetptionellen Rahmen eingebettet. Er interpretiert kreativ sowohl die lettische ruhige Natur, als auch Bautraditionen.