Dāvis Kaņepe im Gespräch
Der Idealist aus „Korea”

Dāvis Kaņepe
Dāvis Kaņepe | Foto: Mārtiņš Otto, Rīga 2014

Beginnen wir mit den Worten, mit denen Dāvis Kaņepe, Kinoregisseur, bekannter Rigaer Bohemien und Leiter des Kaņepes Kulturzentrums – einer Stätte für kreative Ideen – unser Gespräch beendet: „Ja, das bin ich, ich bin ein Idealist!” Der Name dieses „Idealisten mit Rückgrat“ ist in der Rigaer Kulturszene wohlbekannt, ihm haftet sogar ein leicht skandalöser Beiklang an: vor einem Jahr musste Kaņepes Kulturzentrum zeitweilig wegen Lärmbelästigung und Beschwerden der Anwohner schließen. Es konnte jedoch schon bald seine Arbeit wieder aufnehmen. Fast alle Gerichtsentscheidungen sind zu Gunsten des Zentrums ausgefallen.

Dein Name findet sich im Programm von „Rīga 2014” im Zusammenhang mit dem Festival „Survival Kit”, das im September 2014 stattfindet. Welche Rolle spielst Du bei diesem Projekt?

Unsere Idee, die wir schon Anfang diesen Sommers bei einer Zusammenkunft der Interessengemeinschaft kreative Stadtviertel mit Rīga 2014 und dem Zentrum für zeitgenössische Kunst präsentiert haben, besteht darin, eine gesellschaftliche Bewegung ins Leben zu rufen, die auf das Engagement der Stadtbewohner setzt und mit dem in Lettland weit verbreiteten Vorurteil bricht, der Einzelne könne in unserem Staat nichts bewegen. Wir wollen im Rahmen des Programms Seminare beziehungsweise Workshops anbieten, an denen erfahrene und kompetente Leute teilnehmen, um die Gesellschaft dazu aufzurufen, sich an der kreativen Besetzung leerstehender Gebäude in Riga zu beteiligen.

Occupy Me Occupy Me | Foto: Mārtiņš Otto, Rīga 2014 Bis jetzt ist schon einiges passiert: Im Rahmen von Survival Kit wurde das „Free Riga“-Projekt „Occupy Me“ gestartet bei dem ich von Anfang an dabei war. Das ist wahrscheinlich die erste Organisation, die aktiv mit dem Amt für Immobilienverwaltung der Stadt Riga über die potentielle Nutzung leerstehender Gebäude in kommunalem Besitz im Gespräch ist. Bis jetzt ist die Resonanz nicht sehr groß, aber man weiß nie, wie sich die Dinge weiter entwickeln. Zum Beispiel wurde ich noch vor zwei Jahren während der Kritischen Masse [eine von Rigaer Fahrradfans ins Leben gerufene Demonstration, die auf die Situation von Fahrradfahrern im Stadtverkehr aufmerksam machen soll –Anmerk. der Redaktion] festgenommen, doch dieses Jahr hat Ušakovs [Nils Ušakovs, Bürgermeister von Riga - Anmerk. der Redaktion] schon gesagt, dass die Kritische Masse „super“ sei und er sie unterstütze. Das zeigt, dass sich die Dinge sehr schnell ändern, wenn sich alle einig sind.

Im Jahr 2014 stand Riga verstärkt im Fokus der Öffentlichkeit, deshalb werden wir im Mai 2015, wenn es nicht zu einer Einigung über die Nutzung leerstehender Gebäude kommt, eine der unbewohnten Bauten in Riga „besetzen“ und Menschen aus ganz Europa einladen, sich daran zu beteiligen. Doch wenn sich der Dialog in die richtige Richtung entwickelt, werden wir unsere Seminare und Workshops im Rahmen von Survival Kit entsprechend ausrichten. Welche Leute wir einladen, ihre Erfahrungen weiter zu geben, wird von der dann in Riga vorherrschenden Lage abhängen.

Kaņepes Kulturzentrum ist in dieser Hinsicht Vorreiter und ein gutes Beispiel dafür, wie man ein verlassenes und heruntergekommenes Gebäude langsam in einen beliebten Freizeit-Ort verwandeln kann. Wo siehst Du in Riga noch ähnliches Potential?

Ich denke, das nächste neue hippe Stadtviertel in Riga wird die Hafengegend, vorausgesetzt sie wird nicht zur „Chinatown“. Die Gegend um Pētersalas iela, Katrīnas dambis, Piena iela usw. Das ist mein Viertel.

Ich war dort spazieren und habe mit den alten Bewohnern gesprochen. In den 1960-iger und 1970-iger Jahren war diese Gegend als „Korea“ bekannt, denn dort gab es die ersten Trainingszentren für asiatische Kampfsportarten.

Zu Sowjetzeiten war das eine der kriminellsten und gefährlichsten Ecken der Stadt. Es gab dort – schließlich ist es die Hafengegend – Prostituierte, Währungsspekulanten und Seeleute. Wenn du damals gesagt hast, dass du aus Korea bist war klar: du hast Beschützer aus dem „Milieu“. Wenn dort aber jetzt die alten Eisenbahn-Gleise, die am Hafen entlang führen demontiert werden und am Anfang des Ganibu-Dammes ein neuer Stadtbahnhof gebaut wird, um wie es die Planungen vorsehen eine Zugverbindung zwischen Vecaki und Jurmala zu schaffen, dann wird die Gegend um den Hafen zu einem der besseren Stadtviertel in Riga. Ich wäre dann in nur zwei Minuten mit dem Fahrrad an der Daugava. Im Moment ist das Hafenviertel billig und es gibt ungewöhnlich viele leerstehende Häuser, aber das Potential ist groß.

Auf dem vom Goethe-Institut Riga ausgerichteten Seminar „Empty Spaces – Stadterneuerung – das Potential leerer Flächen, Strategien zur zeitweiligen Nutzung freier Flächen“ war Bertram Schultze zu Gast, der Leiter des Leipziger Kulturzentrums Baumwollspinnerei. Die Baumwollspinnerei ist europaweit das beste Beispiel einer „kreativen Besetzung“. Räumlichkeiten auf 14 000 Quadratmetern in einer alten Baumwollfabrik, die nach einem klugen Konzept entwickelt wurden mit ausgewählten Künstlern und selbst investiertem Geld. Man hat dort die beste Galerie Leipzigs „angelockt“, indem man ihr renovierte, große Räume angeboten hat. In zehn Jahren hat man erreicht, dass Leipzigs Kreativszene in Europa allein mit dieser Baumwollfabrik assoziiert wird.

Ich habe Bertram Schultze eine der Fabriken auf dem Ganibu-Damm gezeigt, auf dem Weg nach Sarkandaugava. Ein alter vierstöckiger Ziegelbau mit riesigen Fenstern, einfach die Verkörperung von Schönheit schlechthin.

Damals habe ich bemerkt, dass am Gebäude ein Schild angebracht war, das davon zeugt, dass das Gebäude dem Unternehmen SIA „Baumwolle” gehört. Ein vielsagender Zufall, nicht wahr?

Häufig entdecken gerade Menschen von außerhalb die besondere Schönheit alltäglicher Orte unserer Stadt. Was hast Du Deinen Freunden aus dem Ausland in Riga noch gezeigt?

Sehr oft gehe ich mit Gästen zum Trödelmarkt „Latgalīte” und sie sind mit mir einer Meinung: er ist der beste. Eine Kostümbildnerin aus Italien zum Beispiel hat dort eine „Singer“ aus dem Jahr 1928 entdeckt. Die erste elektrische Nähmaschine mit ins Lettische übersetzter Gebrauchsanweisung, fast unbenutzt, samt Originalkoffer mit kariertem Innenfutter, die sie für vierzig Lats gekauft hat. Später haben wir auf Ebay gesehen, dass eine solche Maschine bis zu tausend Euro kosten kann. Ohne Koffer und Gebrauchsanweisung. Einfach Spitze.

Natürlich auch die „Maskačka” (Moskauer Vorstadt) und Āgenskalns – das sind einzigartige Viertel, die es so nur in Riga zu sehen gibt, sonst in keiner anderen Stadt. Auch auf die Haseninsel (Zaķusala) und in die Gegend um den Kisch-See (Ķīšezers) sind wir gefahren, die meiner Meinung nach auch riesiges Entwicklungspotential hat.

Wirklich dumm dagegen ist, dass Riga seine Wasserwege nicht nutzt. Sieht man sich Riga aus der Luft von oben an, erkennt man, dass man sich auf dem Wasser viel mehr fortbewegen könnte. Wir haben den Kisch-See, der den Mežapark mit Riga verbindet, weiter kann man nach Ķīpsala, Ķengarags, Bolderāja, Jūrmala fahren. Auf dem Stadtkanal kommt man bis vor die Oper. Das ist etwas Besonderes, was wir dort haben, aber wir nutzen es nicht. Die Ufer von Riga könnte man unglaublich schön entwickeln.

Denkst Du viel über solche Dinge nach?

Ich kann nicht damit aufhören. Und ich halte es nicht aus, dass alles so langsam vor sich geht. Das größte Problem in meinem Leben (lacht). Die Bürokratie und die Langsamkeit, mit der Entscheidungen getroffen werden behindern auch sehr die Entwicklungsmöglichkeiten der Szeneviertel. Ideen kommen schnell, ihre Ausführung dauert länger. Bürokratische Entscheidungen in der Kulturpolitik sollten schneller getroffen werden. Wirtschaftliche und strategische Parameter kann man auf dieses Gebiet nicht übertragen.

Ich habe sehr viele Interviews gegeben – erst vor wenigen Tagen war ein Journalist der italienischen Zeitung La Repubblica zu Gast, über Kaņepes Kulturzentrum haben auch die französische Tageszeitung „Le Parisien” sowie „The Economist” und die „Washington Post” geschrieben, Journalisten aus Finnland haben sich angekündigt. Genauso geht das bei Kaspars [Kaspars Lielgalvis betreibt das Kunstzentrum „Totaldobže” auf dem Gelände der ehemaligen VEF-Fabrik – Red.] von Totaldobže. Wir sind es auch, die Informationen über Riga in die Welt bringen.

Wie siehst Du die Zukunft Rigas und seiner Szeneviertel nach 2014 dem Jahr der Kulturhauptstadt Europas?

Riga leert sich langsam und doppelt gefährlich ist es, wenn gerade junge Leute die Stadt verlassen. Deshalb müssen wir dreifach daran interessiert sein, eine Umgebung zu schaffen, die für Leute in der Altersgruppe von 15 bis 35 Jahren interessant ist.

Im 21. Jahrhundert arbeiten immer mehr Menschen im Internet und es wird immer weniger wichtig, wo man arbeitet und in welchem Land man lebt. Riga ist in Europa gut positioniert als Stadt, die billig, schön und geographisch günstig zwischen Ost und West gelegen ist und somit für Kreative und Reisende interessant. Anstatt Aufenthaltsgenehmigungen an solche Leute zu verkaufen, die hier nicht wirklich leben, irgendwo anders ihre Geschäfte machen und sich nicht für unsere Umgebung interessieren, könnte man den Zuzug von jungen kreativen Menschen fördern. Ich fände es wahnsinnig „cool” wenn sagen wir 20. 000 junge Berufstätige aus verschiedenen Ländern Europas nach Riga kommen würden. Das wäre ein würdiges Ziel für Riga als Kulturhauptstadt Europas. Das ist mein großer Traum, den ich mir für Riga wirklich wünsche.