Lettisches Design heute
Kreativität im Spannungsfeld zwischen Ausbildung und Industrie

Der Wendepunkt zum modernen Design in Lettland liegt in den 1990er Jahren. Mit der Erlangung der Unabhängigkeit endete die Zeit, in der Design in Lettland unter sowjetischer Besatzung für lettische Maßstäbe übertrieben industriell und staatlich reguliert und von den Machthabern als ideologisches Instrument genutzt wurde. Die neue politische Situation sorgte für neue Beziehungen zwischen Industrie und Designern, die nun nicht mehr vom Staat, sondern von der Wirtschaft bestimmt wurden. Inzwischen sind 25 Jahre vergangen, in denen zunächst einmal die neue Situation erfasst werden musste.

  • Aldis Circenis hat seine Ausbildung zum Architekten Anfang der 90er Jahre abgeschlossen, als die lettische Architektur und das lettische Design sich in der Übergangsphase zur Marktwirtschaft eines unabhängigen Staates befanden. Seine Karriere begann er im Möbelhandel, inzwischen ist er Besitzer der Rīgas Krēslu fabrika (Rigaer Stuhlfabrik) und der Marke Riga Chair. Er ist gleichzeitig Designautor und Produzent des Hockers Bloom. Bloom ist mit dem Red Dot ausgezeichnet worden. Aldis Circenis, Hocker Bloom, Hersteller: Riga Chair, 2012, gebogenes Sperrholz, Foto: Riga Chair.
    Aldis Circenis hat seine Ausbildung zum Architekten Anfang der 90er Jahre abgeschlossen, als die lettische Architektur und das lettische Design sich in der Übergangsphase zur Marktwirtschaft eines unabhängigen Staates befanden. Seine Karriere begann er im Möbelhandel, inzwischen ist er Besitzer der Rīgas Krēslu fabrika (Rigaer Stuhlfabrik) und der Marke Riga Chair. Er ist gleichzeitig Designautor und Produzent des Hockers Bloom. Bloom ist mit dem Red Dot ausgezeichnet worden.
  • Der Glaskünstler Artis Nīmanis hat die Marke An&Angel geschaffen, die Glasgefäße herstellt und diese anfangs nur in Lettland, aber inzwischen in verschiedenen Glasmanufakturen in ganz Europa produzieren lässt. Seine Kollektion Deco wurde mit dem Red Dot ausgezeichnet. Artis Nīmanis, Schüssel Deco, Hersteller: An&Angel, 2013, Glas, Foto: An&Angel.
    Der Glaskünstler Artis Nīmanis hat die Marke An&Angel geschaffen, die Glasgefäße herstellt und diese anfangs nur in Lettland, aber inzwischen in verschiedenen Glasmanufakturen in ganz Europa produzieren lässt. Seine Kollektion Deco wurde mit dem Red Dot ausgezeichnet.
  • Der Schmied Jānis Nīmanis (international bekannt unter dem Namen John Neeman) hat die Marke Autine ins Leben gerufen und stellt Messer, Äxte und Tischlerwerkzeuge her. Er vereint dabei alte Handwerkstraditionen mit den Ideen des anspruchsvollen Marketings des 21. Jahrhunderts. Jānis Nīmanis, Jagdmesser, Hersteller: Autine, 2014, Stahl, Rosenholz, Foto: Autine.
    Der Schmied Jānis Nīmanis (international bekannt unter dem Namen John Neeman) hat die Marke Autine ins Leben gerufen und stellt Messer, Äxte und Tischlerwerkzeuge her. Er vereint dabei alte Handwerkstraditionen mit den Ideen des anspruchsvollen Marketings des 21. Jahrhunderts.
  • Das Duo Chudy&Grase besteht aus dem Deutschen Nils Chudy und der Lettin Jasmīna Grase, die vor kurzem die Designakademie in Eindhoven abgeschlossen haben. In Zusammenarbeit mit den lettischen Weidenflechtern Pēteris Tutāns und Lolita Tutāne haben sie die Möbelkollektion Meet The Wicker kreiert. Jasmīne Grase und Nils Chudy, Möbel Meet The Wicker, Hersteller: Chudy&Grase, 2014, Metall, Weidenruten, Foto: Chudy&Grase.
    Das Duo Chudy&Grase besteht aus dem Deutschen Nils Chudy und der Lettin Jasmīna Grase, die vor kurzem die Designakademie in Eindhoven abgeschlossen haben. In Zusammenarbeit mit den lettischen Weidenflechtern Pēteris Tutāns und Lolita Tutāne haben sie die Möbelkollektion Meet The Wicker kreiert.
  • Zigmunds Lapsa, Henriks Eliass Zēgners Buch „Elementi“, Verlag: Mansards, 2013 Foto: Zigmunds Lapsa.
    Zigmunds Lapsa, Henriks Eliass Zēgners Buch „Elementi“, Verlag: Mansards, 2013
In Lettland kann man einen professionellen Hochschulabschluss im Bereich Design an der Lettischen Kunstakademie erwerben. Obwohl die Hochschule im Rahmen des Studienprogramms und vor allem für die Diplomarbeiten stets die Zusammenarbeit mit Produzenten vor Ort sucht und sie sogar gezielt zu den Ausstellungen der Diplomarbeiten und zu Treffen mit jungen Designern einlädt, ist die Einstellung der Produzenten vornehmlich skeptisch und zurückhaltend gegenüber der Idee, lettische Designer in den Produktionsprozess einzubinden. Die vorherrschende Meinung ist, dass es den eigenen Designern an professionellem und technischem Wissen sowie der Fähigkeit mangelt, ihre kreativen Ideen den technischen Möglichkeiten der Industrie und der Nachfrage am Markt anzupassen. Der größte Teil der lettischen Industriellen entscheidet sich dafür, mit ausländischen Designern zusammenzuarbeiten oder sie agieren nur als Hersteller und produzieren keine eigens für sie designten Produkte. Die lettische Industrie ist hauptsächlich auf Exportmärkte ausgerichtet, auf denen sich Marken, die sehr auf den Mehrwert von Design achten, dazu entschließen, Produkte von Designern z.B. aus Nordeuropa auf den Markt zu bringen, da sie offen zugeben, dass der Name der skandinavischen Designers im Vergleich zu den lettischen ein wesentlich größeres kommerzielles Potential birgt. Die lettischen Designer mühen sich nicht mehr hinter den verschlossenen Türen der eigenen Industrie ab, sondern werden selber zu Produzenten ihres eigenen Designs. Die modernen, digitalen Errungenschaften der Industrie sowie unser modernes Zeitalter, in dem Marken sich damit beschäftigen Produkte zusammenstellen anstatt nur eine einzige Fabrik mit einer bestimmten Technologie zu betreuen, bieten den Designern die Möglichkeit ihre Produkte selber nicht nur in einigen wenigen Exemplaren, sondern in großer Zahl zu produzieren. (z.B. Aldis Circenis - Rīgas Krēslu fabrika, Riga Chair, Rihards Funts, Zane Homka – Rijada,  Artis Nīmanis – An&Angel)
 
Die Traditionen des qualitativ hochwertigen Kunsthandwerks wurden in Lettland auch im 20. Jahrhundert bewahrt und sind  bis heute erhalten geblieben. Die Kunsthandwerker übernehmen in den meisten Fällen selbst die Rolle des Designers, was bisweilen zu hochwertigen Produkten mit großem Exportpotential führt (z.B. beim Schmied Jānis Nīmans – Autine). Die größte Stärke der lettischen Kunsthandwerker ist die Herstellung von Gegenständen, die sich eng an ethnografischen Traditionen orientieren. Doch ihre Versuche, ihr handwerkliches Wissen der Ästhetik des 21. Jahrhunderts anzupassen, sorgen für Diskussionen. Die Generation der jungen Designer zeichnet sich durch ein immer stärker werdendes Interesse daran aus, mit Kunsthandwerken zusammenzuarbeiten. Sie möchten deren Materialwissen und Fertigkeiten dazu nutzen, zeitgenössische Produkte zu kreieren (z.B. Chudy&Grase). Die älteste und am häufigsten anzutreffende Tradition ist es, ethnografische Elemente in professionellem, zeitgenössischen Design zu verwenden. Oft sind diese Interpretationen hochwertiger und interessanter als das durchschnittliche Niveau des Gesamtwerks dieser Designer, was die Annahme bestätigt, dass die größte Stärke der lettischen Designer in der Interpretation und nicht der Erschaffung von etwas komplett Neuem liegt.
 
Eine neue, zukunftsweisende Tendenz im zeitgenössischen lettischen Design ist die Tatsache, dass sich viele junge Letten dazu entschließen, ihre Ausbildung im Ausland zu absolvieren. Dadurch wird das ansonsten von den örtlichen Studienmöglichkeiten geprägte Gesamtbild des Designs vielfältiger. Natürlich kehrt nur ein Teil der Studierenden aus dem Ausland teilweise oder ganz zurück und übt seine Designertätigkeit in Verbindung mit Lettland aus. Allerdings suchen gerade Designer mit lettischem Hintergrund, die im Ausland studieren oder arbeiten, Inspiration auf der Suche nach ihrer lettischen Identität, in der Ethnografie oder den Traditionen des Kunsthandwerks (z.B. Māra Skujeniece, Shudy&Grase). Doch diese Tendenz sorgt auch für die ungewöhnliche Situation, dass z.B. im Bereich des Grafikdesigns, für den es keine spezifische Berufsausbildung oder Studienprogramm in Lettland gibt, eben gerade diese Designer, die im Ausland studiert oder gearbeitet haben, die Latte der Qualität in ihrer Heimat sehr hoch gelegt haben.