Das Bücherregal
Mir doch Regal

Das Bücherregal - ein paar vollgestopfte Bretter an der Wand? Mitnichten! Volker Albus über eine Möbelgattung, die sich nicht nur im Angesicht des E-Book-Zeitalters weiterentwickelt
 

  • Tom Pawlofskys Regal "Zinfandel" erhält durch die dazugehörigen Holzkisten seine Stabilität. Foto: www.kkaarrlls.com
    Tom Pawlofskys Regal "Zinfandel" erhält durch die dazugehörigen Holzkisten seine Stabilität.
  • Dadurch lässt es sich auch so leicht übersiedeln wie kein anderes Teil dieser Möbelgattung. Foto: www.kkaarrlls.com
    Dadurch lässt es sich auch so leicht übersiedeln wie kein anderes Teil dieser Möbelgattung.
Auf die Frage nach dem wohl langweiligsten Möbel, würden die meisten von uns aller Wahrscheinlichkeit nach das Regal nennen. Sie würden dabei an eine mehr oder weniger schlichte Etagère denken, an ein wandständiges Konstrukt, bestehend aus horizontal angeordneten, gleichmäßig langen Brettern und vertikalen Seitenwänden, zwischen die diese Bretter, selbstverständlich waagrecht und im rechten Winkel, präzise fixiert sind. Und bei nicht wenigen wäre dieses Bild vom wohl bekanntesten Regal der Jetztzeit geprägt: von Ikeas Billy. Von ganz ungefähr kommt ausgerechnet diese Nennung nicht, erfüllt dieses Modell doch genau diese archetypischen Vorstellungen - es ist sozusagen das Nivea unter den Regalen. Zudem ist es unschlagbar, "niveamäßig", billig, und auch größenmäßig kann man mit diesem einfach zu montierenden Teil absolut nichts falsch machen: Es ist erweiterbar bis zum Gehtnichtmehr und somit auf den Platzbedarf eines jeden Buchbesitzstandes anpassbar. Es verwundert also kaum, dass Billy für viele das Regal überhaupt ist, das erste sowieso - und für manche sogar das einzige lebenslang bleibt.

Allerdings: Auch Billy kommt langsam in die Jahre, schlimmer noch: Es dürfte bald überhaupt nicht mehr gebraucht werden. Und das liegt, wie die Süddeutsche Zeitung anlässlich des 30. Geburtstages dieses 41 Millionen Mal verkauften "Wohndings" orakelte, vor allem am allmählichen Verschwinden des Buches, also des hier wohl am häufigsten untergebrachten Utensils.

Sukzessive Neudefinition

Aber es ist wohl nicht allein diese immer wieder prophezeite Diffusion des gedruckten Schriftguts, es ist auch die sukzessive Neudefinition dieses eher randständigen Möbels, die dem prominenten Jubilar immer gefährlicher wird. Denn, Buch hin, Buch her, aus der Sicht vieler Nutzer, und vor allem vieler Designer lässt sich das Regal keineswegs auf eine Funktion zur Unterbringung eines mehr oder weniger umfangreichen Bücherfundus beschränken, vielmehr mutiert es mehr und mehr zu einer Art Open Space multiplen Wohnguts, der sich mal mehr, mal weniger an die eingeführte Typologie anlehnt.

Und diese Mutation ist alles andere als langweilig. Ja, man kann sagen, dass gerade die Entwicklung des Regals zu den definitiv spannendsten Kapiteln der zeitgenössischen Designgeschichte zählt. Und das betrifft keineswegs nur die Modelle, die sozusagen in der klassischen Linie stehen - Beispiel Axel Kufus' FNP oder Werner Aisslingers endless shelf -, nein, es betrifft vor allem jene Entwürfe, die geradezu vorsätzlich von den vermeintlich feststehenden Gesetzmäßigkeiten abrücken.

Mitten im Raum

Pikanterweise setzte diese Aufhebung der praktisch-regalen Buchbindung fast zeitgleich mit der flächendeckenden Billysierung des privaten Ordnungswesens ein: 1980 nämlich, also nur ein Jahr nach Billys Premiere, präsentierte die Gruppe MEMPHIS den Raumteiler Carlton, den man getrost als Ausgangspunkt aller alternativen Überlegungen in Bezug auf die tradierten Parameter dieser Möbelgattung ansehen kann. Denn dieses Carlton widersprach allen Vorstellungen, die man sich bis dato von einem Regal machte: in Bezug auf die Konfiguration, auf die Architektur, auf das Material, die Farbgebung und auf die Dimensionierung. Vor allem aber verstand Ettore Sottsass, der Schöpfer dieses Möbels, Carlton nicht als randständigen Kulissenschieber. Im Gegenteil, er platzierte sein Regal mitten im Raum, als einen die gesamte Umgebung beherrschenden, ein eine Neue Ordnung verkündenden Großwesir. Und anders als die uns bekannten Regale verfügte dieser etwas ungelenk auftretende Riese seine Ordnungsprinzipien nicht als ein straffes System, sondern seine Schrägen und Spitzen erlaubten eine völlig freie Art der Belegung, eine, wenn man so will, indirekte Aufforderung zur Un-Ordnung.

Das blieb nicht ohne Folgen. Insbesondere die Kölner Gruppe Pentagon begann ab Mitte der 1980er-Jahre die designtheoretischen sehr grundsätzlichen Ansätze der Gruppe MEMPHIS explizit am Thema Regal unter unterschiedlichsten Aspekten durchzudeklinieren: konstruktiv materialistisch, z. B. mit dem Verspannten Regal (Wolfgang Laubersheiner, 1985), eher narrativ, wie mit dem Mai '68 (Mayer-Voggenreiter, 1986), ironisch, das Gelsenkirchener Barock kommentierend, wie mit dem Chambre à Air (Reinhard Müller, 1987), oder aber als schlüssiges Zellenkonzept wie mit der Bibliothek (Mayer-Voggenreiter / Reinhard Müller, 1988/89). Gemeinsam war all diesen Entwürfen, die, zusammen mit weiteren Arbeiten, 1991 unter dem Titel Wiener Aktionismus bei Prodomo gezeigt wurden, dass sie zum einen, ähnlich wie MEMPHIS' Carlton, als Solitäre konzipiert waren, zum anderen aber, und hier unterschied man sich fundamental von den Mailänder Kollegen, eine betont brutalistische Material- und Farbensprache kultivierten: Nicht gelbe, rote und blaue Laminate intonierten hier einen fröhlich poppigen Auftritt, sondern, dank Eisen, Holz und Gummi, barsche Anthrazit- und Brauntöne, die mehr als deutlich auf ein bundesrepublikanisch geprägtes Ästhetikverständnis verwiesen.

Anderes Regalverständnis

Stahl, genauer: Stahlblech verarbeitete auch Ron Arad in seinen diversen Regalentwürfen zu Beginn der 1990er-Jahre. Allerdings aus einer gänzlich anderen Motivation heraus als Pentagon. Mit seinem Mortal Coil, dem One Way or Another und vor allem mit dem Bookworm definierte er nicht weniger als ein konfigurativ grundsätzlich anderes Regalverständnis. Denn dieser ab 1993 von Kartell in Kunststoff produzierte Worm war nicht nur rund bzw. geschwungen, er war als Form eigentlich überhaupt nicht definiert. Und auch wenn sich in den beiden am häufigsten kommunizierten Montageformen, einer Spiral- oder einer stilisierten S-Form, eine gewisse Verwandtschaft zu den vertrauten Brett- oder Stahlblech-Konstruktionen andeuteten, so waren diese Konstellationen schon aufgrund der kurvigen Linienführung mehr als Verweis auf die grundsätzliche Verformbarkeit dieses in drei Längen lieferbaren Kunststoffbandes zu verstehen denn als konkrete Vorgaben. Das heißt "S", bzw. die spirale Form stellten eben nur zwei Möglichkeiten dar, zu welchem Zweck dieser Bookworm ersonnen wurde. Und sie zeigten, wie man mit diesem einfachen Band mit den regelmäßigen, ebenfalls frei auszurichtenden, buchförmigen Laschen umgehen kann: frei nach individuellem Bedürfnis, frei nach individuellem Besitzstand!

Mit einem ganz anderen Aspekt der Gattung setzte sich Konstantin Grcic in seinem 1999 eingeführten Regal namens Es auseinander: mit der Stabilität. Die Frage, die er untersuchte lautete ganz einfach: Muss ein Regal, zumal ein frei stehendes, stabil sein? Und wenn ja, wie erreiche ich diese Stabilität? Seine Antwort lautete: im Prinzip ja! Allerdings mit der Einschränkung, dass diese Stabilität tatsächlich nur dann notwendig ist, wenn ich tatsächlich etwas in diesem Regal abstelle. Und dementsprechend wackelt Es, solange es leer ist. Sobald man dort aber z. B. einen Ordner hineinstellt, neigt sich das Regal ganz automatisch in eine leichte Schräglage, in der es sich regelrecht verklemmt und sich quasi selbstständig fixiert. Und da auch die einzelnen Lagen immer in der Waagrechten bleiben, funktioniert dieses Regal bestens, sobald man es benutzt. Das ist nicht nur äußerst raffiniert gedacht, es erspart auch Kosten, was ja so verkehrt auch nicht ist.

Dauerhafte Unterbringung

Bei aller Gegensätzlichkeit dieser Beispiele - eines hatten sie alle gemeinsam: sowohl das Carlton als auch die Regale von Pentagon, Arad und Grcic waren stationär gedacht, heißt: Dort, wo sie aufgestellt bzw. an der Wand befestigt werden, dort bleiben sie in der Regel auch längerfristig platziert - und das ganz einfach schon deshalb, weil sie auf das Einstellen und Ablegen, also ganz generell auf die mehr oder weniger bewusst dauerhafte Unterbringung irgendwelcher Dinglichkeiten, angelegt waren.
Ganz anders sieht das bei solchen Systemen aus, die nicht vom großen und unterteilten Ganzen ausgehen, sondern vom einzelnen Gefach, und dieses Gefach als autonome Einheit definieren, das heißt als Einheit, die sowohl einzeln als auch in der Mehrzahl funktioniert. Bei Stefan Diez' Containern zum Beispiel handelt es sich um nahezu kubische Kunststoffwannen, die vornehmlich im Haushaltsbereich, also zum Beispiel für Wäsche, eingesetzt werden, bei Arik Levys Fluid hingegen um relativ weitmaschig gearbeitete Stahlrohrkörbe, die sich, durch Einlagen ergänzt, für nahezu sämtliche Accessoires des häuslichen Umfelds eignen. Und natürlich lassen sich beide aufgrund ihrer Konstruktion auf einfachste Art, also ohne Schrauben oder ähnliche Hilfsmittel, zu einer relativ stabilen, gleichwohl immer flexiblen Regalanlage stapeln.

In die gleiche Richtung denkt auch Tom Pawlofsky, Absolvent der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe. Allerdings besteht sein Ordnungsmöbel Zinfandel nicht ausschließlich aus einem Satz handlicher "Container", genauer gesagt: einem Satz Holzkisten, sondern zudem aus einem Schaumstoffgitter, in die die Kisten je nach Belieben eingeschoben werden können. Aber diese Option ist eher zweitrangig: Pawlofsky geht es in erster Linie um die Kisten, die, dank der beidseitigen Eingriffe, einen jederzeit notwendigen Transport zu bewerkstelligen, und das sowohl innerhalb als auch außerhalb der Wohnung. Und insofern markiert gerade dieser Entwurf einen sehr grundsätzlichen Paradigmenwechsel: Hier ist nicht das Regal der Ausgangspunkt, sondern der Wunsch nach einem schnellen und unproblematischen Umzug. Dass man darüber hinaus aus dieser Ausrüstung, denn um nichts anderes handelt es sich bei diesen Kisten, ein veritables Regal "bauen" kann, ist allenfalls eine Reminiszenz an tradierte Wohnvorstellungen - mehr aber auch nicht. Und wer weiß, wie lange solche Vorstellungen überhaupt noch Bestand haben.