Gastspiel
Stolpern über die Vergangenheit

Stolpersteine Staatstheater. Ensemble.
Stolpersteine Staatstheater. Ensemble. | Foto: Felix Grünschloß

Mit Stolpersteinen wird in vielen Städten Deutschland den Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Die Gedenkpflastersteine geben auch einem Theaterstück den Titel, mit dem sich das Badische Staatstheater Karlsruhe mit seiner Vergangenheit beschäftigt. Ende 2017 gastierte es in Riga – und regte auch in Lettland zum Nachdenken an.

Theater gelten seit jeher als Orte, an denen sich kritisch mit Geschichte auseinandergesetzt wird. Oftmals allerdings nicht mit der eigenen. Das Badische Staatstheater Karlsruhe hat es anders gemacht – und sich 2015 als Beitrag zum 300. Stadtgeburtstag an ein düsteres Kapitel der eigenen Geschichte herangewagt. Mit der dokumentarischen Inszenierung „Stolpersteine Staatstheater“ nimmt sich das Theater den lange verdrängten Vorgängen an der Bühne in der Zeit des Nationalsozialismus an – und erfährt damit große Aufmerksamkeit im In- und Ausland.
 
Aufgezeigt wird in dem rund zweistündigen Stück, wie die antisemitische Diskriminierung und die Entlassung linker und liberaler Theaterkünstler nach der Machtübernahme Hitlers im Detail funktioniert hat. Es ist eine Ermittlung in eigener Sache – und ein Lehrstück authentischer Erinnerungskultur. Auf Einladung des New Theatre Institute of Latvia und des Goethe-Instituts wurde die Produktion von Regisseur Hans-Werner Kroesinger im Dezember 2017 auch am Dailes-Theater in Riga gezeigt.

Lokal und international, gestern und heute

„Wir haben das Stück als lokale Aufführung geplant, aber es scheint eine metaphorische Bedeutung bekommen zu haben“, sagt der Chefdramaturg und stellvertretende Generalintendant des Badischen Staatstheaters, Jan Linders. Vieles davon sei übertragbar auf die damalige Situation an anderen Theatern und Kulturstätten in Deutschland. Und auch im Ausland stoße das Werk trotz der Konzentration auf das Fallbeispiel Karlsruhe auf großes Interesse.
 
„Das Stück kann ganz anders gelesen werden – durch die Gegenwart und auch über Bande“, erzählt Linders am Rande des Gastspiels in Riga. „Man erzählt über Deutschland. Aber wer hinguckt, der interpretiert seine eigene Geschichte rein“. Dies zeigte sich auch in Lettland, wo sich das Publikum nach der Aufführung bei einer Diskussionsrunde mit den Theatermachern mit dem Dokumentarstück auseinandersetzen und Querschlüsse ziehen konnte.
 
Die theatrale Aufarbeitung vollzieht sich in „Stolpersteine Staatstheater“ anhand von Originaldokumenten, die Kroesinger und die Dramaturgin Regine Dura in den Archiven des Staatstheaters und der Stadt akribisch recherchiert haben. Nahezu lückenlos ist darin erfasst, wie zügig, konsequent und umfänglich sich das Theater zwischen 1933 und 1945 der nationalsozialistischen Ideologie an den Hals warf und sich gleichschalten ließ.

Stolpersteine auf der Bühne

Die Inszenierung verlegt im übertragenen Sinne die im Titel erwähnten Stolpersteine, die zu Zehntausende in den Straßen und öffentlichen Räumen deutscher Städte zu finden sind. Die Gedenkpflastersteine sind ein Projekt des bildenden Künstlers Gunter Demnig – sie werden in den Boden eingelassen, versehen mit einer Messingplatte, die an Verfolgte der Nazidiktatur erinnert.
 
In Karlsruhe befinden sich zwei dieser Steine direkt vor dem Gebäude des Staatstheaters. Sie erinnern an zwei Bühnenkünstler, die 1933 Teil der Theatergruppe gewesen waren und Opfer der rigiden Kulturpolitik des Dritten Reichs wurden: die Operettensängerin Lilly Jank und der Schauspieler Paul Gemmecke – zwei der vier Hauptfiguren des Theaterstücks.
 
„Normalerweise blicken Theater in die Welt und bringen Aufführungen darüber auf die Bühne, was dort geschieht. Aber sie schauen nicht auf sich selbst. Deshalb war es interessant zu sehen, was in diesen Tagen in der Theatergemeinschaft vor sich ging“, sagt Kroesinger. „Man konnte sehr deutlich sehen, dass es nicht viel anders war als auf der Straße. Das Theater war die Gesellschaft im Kleinformat.“

Historische Dokumente in ihrer brutalen Funktionslogik

Wie das Badische Staatstheater braun wurde und sich seiner unliebsamen jüdischen Künstler entledigte, können die Zuschauer direkt auf der Bühne nachvollziehen. Dazu sitzen sie auf kleinen weißen Papphockern mit den Schauspielern an einem überdimensionalen Tisch. Anhand von Akten, Briefen, Zeitungsberichten und Zeitzeugen-Aussagen werden von den vier Darstellern in Form eines sachlichen Dialogs die erschütternden Künstlerschicksale rekonstruiert.
Für das lettische Publikum, das traditionell stärker im künstlerischen Theater verhaftet ist, war dieser geschäftsmäßig-trockene, unlebendige Ansatz sichtlich gewöhnungsbedürftig. Über die Anordnung der Texte hinaus wird nur wenig erläutert oder kommentiert – Regie und Schauspieler lassen die über weite Strecken protokollartig verlesenen, teils aber auch engagiert rezitierten Dokumente für sich selbst sprechen.
 
Die gewählte Herangehensweise sei interessant, aber nicht einfach nachzuvollziehen. Es falle schwer, sich mit einer der Personen zu identifizieren oder zu sympathisieren, sagte ein Zuschauer nach der Vorstellung beim Publikumsgespräch. Unklar blieb allerdings, ob damit die vier Hauptfiguren des Stücks gemeint waren oder die aktenwälzenden Schauspieler, die in die Rolle der Täter (Politiker, Staatsbeamte, Denunzianten aus der Bevölkerung) und betroffenen Künstler schlüpfen, über die sie berichten.

Ungewohnte Theaterform für Lettland

Andere Zuschauer, so konnte man im Verlauf der sehr sprachlastigen Aufführung beobachten, machten die Komplexität des in allen Einzelheiten dargebotenen Paragraphenreiter- und Technokratentums eher unaufmerksam als betroffen. Dazu trug auch die sich immer wieder etwas zäh in Länge ziehende minuziöse Dokumentation der Aktenvermerke und Schriftwechsel bei. Die Aufführung dürfte sich zudem für viele lettische Zuschauer zu nah an den örtlichen Gegebenheiten Karlsruhes orientiert haben.

Auch sprachlich war das in der Originalfassung gezeigte Bürokratietheater eine Herausforderung und verlangte ein hohes Maß an Konzentration ab. Die verlesenen Akten und Dokumente, die bewusst nicht sprachlich geglättet, vereinfacht oder umformuliert wurden, sind keine Texte, die für die Bühne geschrieben wurden. Nicht immer blieb daher ausreichend Zeit, um neben dem Lesen der Übertitel dem Geschehen am Tisch zu folgen.

„Anfangs fand ich es sehr monolithisch“, gesteht auch Lolita Tomsone. Mit zunehmendem Fortgang des Geschehens auf der Bühne gewöhnte sich die Direktorin der Žanis-Lipke-Gedenkstätte in Riga aber an die schlichte Präsentationsweise der montierten Fragmente, die sie an die Arbeit von Historikern und Museen erinnere „Das ganze Stück ist in gewisser Weise eine kuratierte Geschichte eines Theaters“, kommentiert sie in der Diskussion mit den deutschen Theatermachern im Kleinen Saal des Dailes Theaters.

Aufarbeitungsangebot an das Publikum

Kroesinger entgegnet diesen Zuschreibungen trotzig, aber ohne jeden Anflug von Beleidigtsein. Das Stück sei wie Feld und offeriere eine Frequenz von Geschichten, erläutert der Regisseur dem Publikum seine puristische Form des Theaters. Daraus könnten sich die Zuschauer immer das rausnehmen, was sie brauchen und auf Erfahrungen in der eigenen Gesellschaft oder in der eigenen Geschichte übertragen. Da die Recherchematerialien direkt präsent sind, könne man sich auch in eine unmittelbare Auseinandersetzung mit ihnen begeben.
 
Der Dramaturg Matīss Gricmanis hat dies getan „Für mich ist es ein Stück darüber, wie es ist, mitschuldig zu sein“, schildert er seine Erlebnisse nach der Vorstellung. „Ich habe die ganze Zeit zugesehen und über Komplizenschaft nachgedacht“. Schließlich sei es nicht das bürokratische System gewesen, das die ehemaligen Publikumslieblinge verraten hat. Sondern ihre Künstlerkollegen und Mitmenschen, die mit ihnen zusammen lebten und arbeiteten, ihnen aber aus opportunistischen Gründen nicht zur Seite sprangen.

Blick wird in die Gegenwart verlängert

Über die Stadtgeschichte Karlsruhes schlägt das Stück auch den Bogen in die Gegenwart. Nachdem das Publikum seine Sitzposition von der karg ausgestatteten Bühne auf die Tribüne wechselt, geht es um das Verschweigen nach dem Krieg und das neuerliche Aufkommen von national-populistischen Bewegungen. Schauspieler reflektieren dabei in eigenen Texten über ihr eigenes Verhältnis zu den Stolpersteinen und wie sie im heutigen Karlsruhe die Erinnerung an den Nationalsozialismus wahrnehmen.
 
Auch Gricmanis und Kroesinger verweisen auf die Ähnlichkeiten in Rhetorik und Feindbildkonstruktionen zwischen damals und heute. „Wenn wir uns mit unserer Geschichte beschäftigen, beschäftigen wir uns nicht nur mit der Vergangenheit, sondern auch immer mit der Gegenwart“, meint der deutsche Regisseur.
 

Das Gastspiel in Riga wurde von dem New Theatre Institute of Latvia in Zusammenarbeit mit dem Goethe-Institut Riga organisiert.
Das Projekt wurde durch das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland ermöglicht.