Berlinale Deutsches Kino auf dem Internationalen Filmfestival Riga

Ausschnitte aus den Filmen Transit, 3 Tage in Quiberon, In den Gängen
Ausschnitte aus den Filmen Transit, 3 Tage in Quiberon, In den Gängen | © Christian Schulz/ Schramm Film, Peter Hartwig/ Rohfilm Factory, Sommerhaus Filmproduktion

Dieses Jahr präsentiert das Goethe-Institut im Rahmen des Internationalen Filmfestivals Riga (Riga IFF) das Filmprogramm BERLINALE 2018 RIGA, das man ohne Weiteres als eine Auswahl des Besten, was das deutsche Kino derzeit zu bieten hat, bezeichnen kann – und das ist im Moment allerhand! Gleichzeitig fügt es sich auch in die anderen Themen des Riga IFF ein und demonstriert so, dass das deutsche Kino keine einsame Insel ist.
 

Das Programm enthält acht Filme: 3 Tage in Quiberon von der Regisseurin Emily Atef, Valeska Grisebachs Western, Christian Petzolds Transit, Wolfgang Fischers Styx, Oliver Kienles Thriller Die Vierhändige, Thomas Stubers Melodram In den Gängen, Hans Weingartners romantisches Drama 303 sowie der Dokumentarfilm „Shut Up and Play the Piano!“ über den Musiker Chilly Gonzales. Auch Barbara Alberts Drama Licht, das im Festivalprogrammteil In Kino Veritas gezeigt wird, soll erwähnt werden, denn es handelt sich hierbei um einen der sehenswertesten Filmen dieses Jahres und ohne ihn wäre ein Überblick über den aktuellen Stand der Dinge im deutschen Kino unvollständig.

Frauen im Filmgeschäft

Die Zusammenstellung des Programms demonstriert anschaulich die wichtigste Frage, die nicht nur im deutschen, sondern auch im internationalen Filmgeschäft im Mittelpunkt steht: die Gleichberechtigung der Geschlechter. Auch das Internationale Filmfestival Riga (Riga IFF) beschäftigt sich damit: eines der Hauptthemen des diesjährigen Festivals sind Frauen in der Geschichte des Films.

Das deutsche Filmprogramm des Riga IFF, in dem bei drei von neun Filmen Frauen Regie führten, lässt die Situation positiver erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist. Denn die Studie Gender und Film stellte im Jahr 2017 fest, dass bei Filmen, die zwischen 2011 und 2016 in Deutschland gedreht wurden, in 67% Männer, in 22% Frauen, in 5% ein Männer-Tandem und in 5% gemischte Arbeitsgruppen Regie führten. Doch eine so positive Statistik ist für das Programm der BERLINALE 2018 RIGA nur möglich, da bei einem großen Teil der Filme, die mit den wichtigsten Preisen der deutschen Filmindustrie ausgezeichnet wurden, Frauen Regie führten.

Hier sollte zunächst 3 Tage in Quiberon genannt werden, der mit sieben deutschen Filmpreisen ausgezeichnet worden ist. Im Film geht es um den Entstehungsprozess des letzten Interviews, das die Schauspielerin und europäische Filmstar Romy Schneider (1938 – 1982) ein Jahr vor ihrem Tod gab. Als Spross einer bekannten, österreichischen Schauspielerdynastie gelangte sie im Alter von 16 Jahren  mit ihrer Rolle als österreichische Kaiserin Sissi im Fernsehdreiteiler zu Weltruhm. Doch auf der Suche nach ernsthafteren Rollen und ihrem Geliebten, Alain Delon, folgend, begann sie eine zweite Karriere in Frankreich, wo sich ihr die Möglichkeit bot, psychologisch komplexere Figuren zu spielen und mit Regisseuren wie Luchino Visconti, Orson Wells und Claude Sautet zusammenzuarbeiten. Doch all dies bleibt außen vor, als sich Schneider 1981 den Journalisten als unglückliche, 42-jährige Frau präsentiert.

Eine Regisseurin in der Männerdomäne

Valeska Grisebachs Western ist mehrfach ausgezeichnet worden, u.a. auch mit dem Preis der deutschen Filmkritik als Bester Spielfilm und dem Deutschen Filmpreis in Bronze. Der Film, der mit Laienschauspielern gedreht wurde, handelt von einer Gruppe deutscher Bauarbeiter, die in der bulgarischen Provinz ein Kraftwerk errichten sollen. Doch eigentlich geht es im Film um Grisebachs Interpretation der Grundwerte des Westerns – einsame Männer mit Pferden in fremden Gefilden. Der Film zeigt, wie die Regisseurin mit minimalistischen Mitteln sehr genau Figuren und Situationen findet, die präzise die Atmosphäre oder Emotion widerspiegeln, die sie für die Entwicklung ihrer Botschaft braucht. So reflektiert Western das grundlegende Thema eines jeden Westerns: wie eine Gesellschaft entsteht.

Die Flüchtlingsthematik

Sowohl Christian Petzolds neuster Film Transit als auch Wolfgang Fischers Kammerspielfilm Styx sind zwei sehr unterschiedliche Annäherungsversuche an die Flüchtlingsproblematik. Petzolds Film ist die Verfilmung von Anna Seghers gleichnamigem Roman. Die Schriftstellerin verarbeitete darin ihre Erfahrungen aus der Zeit, als sie sich zu Beginn des Zweiten Weltkriegs in Marseille aufhielt, um die Flucht ihrer Familie vor den Faschisten über den Atlantik zu organisieren. Petzold hat diese Flucht nicht als Kostümfilm dargestellt, sonders ins heutige Marseille übertragen. Was man für eine einfache künstlerische Pirouette halten könnte, ist in Wirklichkeit der Schlüssel zum Erfolg dieses Films. Denn dadurch wird diese existenzielle Situation im heutigen Kontext aktuell, wo das Thema Flucht in den Nachrichten allgegenwärtig ist. Die Geschichte über den Versuch, das eigene Leben zu retten, wird universell. Für die Hauptfigur Georg, gespielt von Franz Rogowski (eines der zurzeit bekanntesten Gesichter des deutschen Films), bedeutet dies langes Warten und Ungewissheit. Doch zu den Zukunftsängsten kommt noch die Angst, dass Marie, die er in Marseille kennen und lieben gelernt hat (Paula Beer, bekannt aus Filmen wie François Ozons Frantz) dahinter kommen könnte, dass er sich, um die zur Ausreise benötigten Transitvisa zu erhalten, vor anderen Menschen als Maries Ehemann ausgibt. Dieser war ein berühmter Schriftsteller, der in Wahrheit allerdings schon vor einiger Zeit in Paris Selbstmord begangen hat. So werden beide Handlungsstränge, sowohl der vom Überleben als auch der von der Liebe, von Spannung beherrscht. Doch all das ähnelt einer Unterwasserströmung, denn das, was wir auf der Leinwand sehen, ist bloß endloses Warten und Suchen.

Auch der zweite Film zum Thema Flüchtlinge, der Kammerspielfilm Styx bietet Einstellungen voller Intensität. Darin sehen wir größtenteils nur die Ärztin Rike, die alleine auf einem Segelboot im Ozean unterwegs ist. Dabei trifft sie auf ein havariertes Flüchtlingsboot und Rike muss entscheiden, wen und ob sie überhaupt jemanden retten soll. Dieses moralische Dilemma, vor dem Rike steht, ist auch Thema des Eröffnungsfilms der Riga IFF - Tēvs Nakts (Regie Dāvis Sīmanis, Lettland). Dessen Titelheld, Žanis Lipke, muss sich ebenfalls entscheiden, ob er all seinen Mut zusammennehmen und Menschenleben retten soll – nur handelt es sich diesmal um Juden in Riga während des Zweiten Weltkriegs. Die Frage, welche ethische Entscheidung dich zu einem Menschen macht, steht also im deutschen wie im lettischen Kino im Vordergrund.

Etwas abseits von diesen Filmen steht Thomas Stubers In den Gängen, der auf den ersten Blick nur wie ein weiterer Boy-Meets-Girl-Film scheint. Christian – dargestellt von Franz Ragowski, der auch die Hauptrolle in Transit spielte – arbeitet in einem Großmarkt und verliebt sich in Marion aus der Süßwarenabteilung. Ihre Rolle wird gespielt von Sandra Hüller, die durch ihre Darstellung der weiblichen Hauptrolle in Maren Ades Komödie Toni Erdmann zu internationalem Ruhm gelangte. Aufgrund der genauen Inszenierung des Arbeitsumfelds und der feinfühligen schauspielerischen Leistung ist dies mein Geheimtipp für die Zuschauer.