Berlinale 2019 Riga
Helden und Heldinnen unserer Zeit

Berlinale 2019 Riga
Filme der Berlinale 2019 Riga: Systemsprenger; Gundermann; Hi, AI | © kineo Film/Weydemann Bros/Yunus Roy Imer © Peter Hartwig/Pandora Film © Rise And Shine

Das vom Goethe-Institut im Rahmen des internationalen Kinofestivals Riga zusammengestellte Kinoprogramm beinhaltet dieses Jahr sechs Filme, die in zwei Gruppen geteilt werden können. Einerseits die Suche nach unbekannten Helden, Themen und Stimmen in einer unregelmäßigen oder komplizierten Form. Andererseits das, was François Truffaut Ende der 50er Jahre als Qualitätskino bezeichnete – etwas, das für technische Perfektion steht, aber mit Vorhersehbarkeit einhergeht. Allerdings wäre es nicht fair, eine dieser Gruppen höher zu bewerten als die andere – die erste droht möglicherweise schon in zwei Jahren zu veralten, doch beide haben ihre eigene Wahrheit. Und unterschiedliche Auszeichnungen.
 

Vielschichtige Charaktere

Das deutsche Kinoprogramm wird von Nora Fingscheidts Debütfilm Systemsprenger eröffnet – so bezeichnen die Sozialarbeiter in ihrem Alltagsjargon die Kinder, die sich nicht in das Sozialsystem integrieren oder den Standards anpassen. So jemand ist auch die neunjährige Benni, die bereits viele Kinderheime und Pflegefamilien durchlaufen hat, aber aufgrund ihres aufständischen Verhaltens vom Sozialsystem immer weitergereicht wird, da niemand mit den plötzlichen Emotionsausbrüchen des Mädchens zurechtkommt. Bennis Darstellerin Helena Zengel ist eindeutig die zentrale Person dieses Films – von Beginn an reißt sie den Zuschauer mit ihren Wutausbrüchen und Schimpftiraden mit. Der Film beginnt in einem solch emotional intensiven Moment, dass man sich fragt, wie er weitergeht. Zur großen Überraschung der deutschen Kinogesellschaft wird Systemsprenger Deutschland bei der Oscarverleihung 2020 in der Kategorie „bester internationaler Spielfilm“ (International Feature Film) vertreten.

Auch der Film Ich war zuhause, aber... von der Gewinnerin des Silbernen Bären für die beste Regie Angela Schanelec dreht sich um eine weibliche Hauptfigur in einer Krisensituation.
Doch eine Reihe klarer Kausalzusammenhänge demonstriert die Regisseurin nicht, damit der Zuschauer die Entwicklung der Heldin versteht. Astrid hat Auseinandersetzungen mit ihren Kindern, sie trauert um ihren zu früh verstorbenen Mann. Es scheint, als sei sie berufliche Kinokritikerin, die durch im Film nicht vorkommende Prüfungen eine sehr radikale Auffassung von der Beziehung zwischen Kunst und Leben angenommen hat. Dabei ist zu betonen, dass Schanelec dem Kinopublikum absolute Freiheit lässt, die individuell naheliegendste Botschaft im Film zu erkennen, und dass jede unterschiedliche Erfahrung legitim ist. Ein serbischer Kinoregisseur, dem Astrid in einer Szene auf offener Straße ihre Meinung zu seinen Ansichten über die Grenzen der Kunst sagt, erwidert ihr: „Das ist Ihre Wahrheit.“ Dies ist aus meiner Sicht das Leitmotiv dieses Films. Jeder Zuschauer baut sich seine Wahrheit.

Genauso eine ungewöhnliche Heldin ist Eva im Dokumentarfilm Searching Eva – italienisches Model, Bloggerin, Sexarbeiterin, Dichterin, Hausfrau, die schon mit 14 Jahren erklärte, dass die Trennung von privatem und öffentlichem Leben ein veraltetes Modell sei. Deswegen zeigt Eva jeden Schritt in ihrem Leben in den sozialen Netzwerken und ließ sich auch vor der Kinokamera selbst in den intimsten Situationen filmen. Doch in Evas Fall handelt es sich nicht um billigen Exhibitionismus, sondern um das konzeptuelle Ziel, Vorbild für andere junge Menschen zu sein und zu zeigen, dass man alles werden kann, was man sich wünscht. Die Einbeziehung der Kommentare ihrer Fans und Hasser in den Film ist ein die Botschaft strukturierendes Element, das darauf hinweist, dass die Identität im Dialog mit der Umwelt entsteht. Dieser Film entwickelt sich auch wie ein Dialog mit dem Zuschauer – er fordert die im Leben gewonnenen Vorstellungen heraus und regt zum Nachdenken über die selbst auferlegten Einschränkungen und die Gültigkeit der gesellschaftlichen Normen an.

Um junge Helden geht es in gewissem Sinne auch in Isa Willingers Hi, Ai (Liebesgeschichten aus der Zukunft), der eine Symbiose aus Science-Fiction und Dokumentarkino darstellt. Hier sind humanoide Roboter die Beziehungspartner der Menschen. Sie sehen diesen nicht nur überraschend ähnlich, sondern können auch eigenständig denken und über Ereignisse reflektieren. Der Film demonstriert, dass die Zukunft, um die es auch im Genre-Klassiker Blade Runner geht, schon begonnen hat.

Aktuelles Thema

Dem lettischen Zuschauer, der schon seit der Veröffentlichung der Agentenliste des sowjetischen Staatssicherheitsdienstes (VDK) mit der Frage nach den Rollen von Verrätern und Opfern im totalitären System konfrontiert wird, würde ich empfehlen, sich Andreas Dresens Spielfilm Gundermann über den deutschen Liedermacher Gerhard Gundermann (1955–1998) anzusehen, der auch der singende Baggerfahrer genannt wurde. Obwohl Gundermann seinen Unterhalt als Musiker mit Konzerten verdienen konnte, arbeitete er weiter im Braunkohletagebau – nach seinen abendlichen Konzerten blieb er nie lange im Backstage-Bereich, da er zur Nachtschicht musste. Wie er selbst betonte, diente ihm die Arbeit dort als Energiequelle zum Schreiben seiner Lieder. Außerdem war Gundermann überzeugter Kommunist. Doch in seinem Idealismus war er nicht zu Kompromissen bereit und führte Pläne nicht allein wegen des Häkchens aus. So wurde er wegen Befehlsverweigerung aus der Armee ausgeschlossen, obwohl er schon als Kind davon geträumt hatte, Soldat zu werden. Ebenso wurde er wegen seiner Freigeisterei auch aus der Kommunistischen Partei ausgeschlossen. Doch 1995 stellte sich heraus, dass auch Gundermann Agent der Stasi gewesen war und dem Geheimdienst Informationen über seine Freunde und Kollegen geliefert hatte. Widersprüche und Mehrdimensionalität waren charakteristisch für Gundermann, und deshalb ist er auch ein interessanter Kinoheld.

Die Entstehung des Films zog sich über zehn Jahre hin, da es schwierig war, potenzielle Sponsoren davon zu überzeugen, dass die Erzählung über einen Sänger, den in Ostdeutschland jeder kennt, in Westdeutschland aber niemand, das Publikum in der ganzen Republik interessieren würde. Doch letztendlich wurde er zu einem absoluten Triumph und erhielt sechs deutsche Filmpreise, darunter alle Hauptkategorien – Gold für den besten Film, die beste Regie sowie den besten männlichen Schauspieler. Und die Westdeutschen interessierten sich für einen Ostdeutschen Helden, was 30 Jahre nach der Wiedervereinigung Deutschlands alles andere als selbstverständlich war.

Die Mehrdeutigkeit des goldenen Handschuhs

Der goldene Handschuh von Fatih Akin ist perfektes Kino – sorgfältig durchgehaltener Hamburger Kneipenstil der 1970er Jahre, großartige Nebenfiguren, die von einem hervorragenden Darstellerensemble bis ins kleinste Detail genau personifiziert werden. Der Film basiert auf wahren Begebenheiten und handelt vom Serienmörder Fritz Honka, der im Kiezmilieu der 70er Jahre nacheinander mehrere unscheinbare ältere Frauen tötet. Der goldene Handschuh bezeugt die Virtuosität des Regisseurs, der den Film gänzlich auf die Fantasie des Zuschauers stützt, indem er das Schlimmste dessen Vorstellungskraft überlässt, anstatt es auf der Leinwand darzustellen. Gleichzeitig ist er im Kontext des diesjährigen deutschen Kinos eine Art Ausgestoßener. Er feierte seine Premiere im Hauptwettbewerb der Internationalen Berliner Filmfestspiele und wurde fünfmal für den Deutschen Filmpreis nominiert, erhielt aber nur den Preis für das beste Maskenbild. Vielleicht, weil Honka im Vergleich mit den Helden anderer Filme und ihren Problemen zu eindimensional erscheint und keine Überraschungen bietet. Doch vielleicht wird die Zeit eine andere Wahrheit bringen.