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Fake News
Die Krisenjahre des Journalismus

Die Krisenjahre des Journalismus
© Colourbox

Fake-News-Vorwürfe und Lügenpresse-Rufe: Journalismus-Genossenschaft will das Vertrauen in den Qualitätsjournalismus wieder stärken mit gründlicher Recherche, der Hinwendung zum Leser – und Kooperationen mit Bibliotheken.

Von Christian Schwägerl

Die Warnungen hätten deutlicher nicht sein können: Bei der Tagung "Public!", ausgerichtet im Februar von der Münchner Stadtbibliothek in Kooperation mit dem Deutschen Bibliotheksverband (dbv) und dem Goethe-Institut, entwarf Verena Metze-Mangold, Politikwissenschaftlerin und frühere Präsidentin der Deutschen UNESCO-Kommission, beunruhigende Risikoszenarien für die offene Gesellschaft.

Der öffentliche Raum, zu dem auch Bibliotheken gehören, sei in Gefahr, von einem zügellosen Datenkapitalismus erobert zu werden, der in der Gesellschaft Polarisierung und Spaltung fördere, ein reines "Gegenüber von Interessengruppen". Vor der Gefahr einer "Refeudalisierung der Gesellschaft" warnte die Rednerin ebenso wie vor dem weiteren Erstarken autoritärer Kräfte. Doch Metze-Mangold hatte auch eine positive Botschaft: Wenn der öffentliche Raum gestärkt wird – auch in Form von öffentlichen Bibliotheken – lässt sich etwas zum Guten verändern.
Zu diesem konstruktiven Geist passte auch, dass wir von der Journalismus-Initiative RiffReporter bei der Public! die Gelegenheit bekamen, unser Kooperationsangebot an Bibliotheken vorzustellen. Es ist ein Angebot, das sich um die Zukunft des öffentlichen Raums ebenso dreht wie um sorgsamen Umgang mit Fakten und um neue Formen von Begegnung.
Bibliotheken und Qualitätsjournalismus sind bisher unabhängig voneinander auf je andere Art in der Verantwortung für den öffentlichen Raum und die Zukunft eines reflektierten und kompetenten Umgangs mit Wissen. Aber es gibt viele Gemeinsamkeiten. Beide Akteure

  • bilden Vielfalt von Wirklichkeit und Perspektiven ab,
  • sprechen Menschen mit diversen Hintergründen und letztlich die ganze Gesellschaft an,
  • sind keinen Fremdinteressen verpflichtet, wobei einschränkend im Journalismus im Gegensatz zu den Bibliotheken privatwirtschaftliche Interessen in Spiel sind,
  • sind Experten für Recherche und Wissen.
Zu den Gemeinsamkeiten zählt nicht zuletzt, dass bei beiden im Zuge der Digitalisierung von Außenstehenden die Existenzberechtigung infrage gestellt wird. Wozu braucht es noch Journalisten, wenn ich mir Informationen selbst ergooglen kann? Wozu braucht es eine Bibliothek, wenn alles im Internet steht?

Beide Sphären stehen deshalb vor der Verantwortung, ihren besonderen Beitrag zur offenen Gesellschaft, die Metze-Mangold beschworen hat, zu vermitteln – und zwar nicht in pädagogischen Angeboten von oben herab, sondern in kooperativen Formaten jenseits des eingespielten Sender-Empfänger-Modells. Wir von RiffReporter sehen hier viel kooperatives Potenzial. Durch Allianzen können Bibliotheken und Journalismus Verantwortung gemeinsam wahrnehmen und zudem spannende und wichtige Angebote für die Bevölkerung entwickeln.

Verena Metze-Mangold hat nämlich leider Recht: Die offene, demokratische Gesellschaft, in der Bürger sich aus vielfältigen Quellen eine Meinung bilden, diese in die privaten, sozialen und politischen Entscheidungsprozesse einbringen, ist nicht nur das gemeinsame Ideal von Bibliotheken und Qualitätsjournalismus. Diese offene Gesellschaft ist auch in globalem Maßstab bedroht. Sie ist historisch betrachtet relativ jung, das Ergebnis jahrhundertelanger Bemühungen, bei denen viele Demokraten ihr Leben ließen. Bis vor wenigen Jahren schien es allerdings so, als sei das Erreichte gesichert. Das hat sich als Irrtum erwiesen.

Weltweit nehmen autoritäre politische Strömungen wieder zu. Sie richten sich vor allem auch gegen eine freie, unabhängige und auf nachprüfbaren Fakten beruhende Presse: Der chinesische Präsident lässt sich auf Lebenszeit wählen und Kritiker einsperren, der US-amerikanische Präsident attackiert unverhohlen die freie Presse als "Volksfeinde", in der Türkei werden oppositionelle Medien geschlossen. Nicht nur in Russland muss man als Journalist um sein Leben fürchten.

Zugleich kommen weltweit Informationsprozesse unter die Kontrolle großer Akteure wie WeChat in China und Google und Facebook in westlich orientierten Ländern. In China werden Plattformen zum Bestandteil der staatlichen Zensurmaschinerie. Mit dem »Social Scoring«, bei dem Bürger nach ihrem Wohlverhalten eingestuft werden, greift die Kontrolle auf alle Lebensbereiche über. Eine missliebige Meinungsäußerung kann dazu führen, dass ein Bürger keine Tickets für Schnellzüge mehr buchen kann.

Bei den westlichen Plattformen sind die Bürger und Nutzer nicht die Kunden, vielmehr sind ihre Daten das Produkt. Kunden sind die Werbetreibenden, die dafür bezahlen, Inhalte an ihre spezifischen Zielgruppen auszuspielen. Das tiefere Interesse dieser Plattformen besteht nicht darin, die offene, demokratische Gesellschaft durch faktenorientierten Diskurs zu stärken. Es geht darum, die Nutzer durch Emotionen auf der Plattform zu halten, um ihnen Werbung zeigen zu können. Das ist der so banale wie gefährliche Grund, warum Facebook und Youtube Nutzer durch automatisierte Empfehlungen in ihren vorhandenen Auffassungen bestätigen, statt sie durch sachliche Informationsquellen bei einer rationalen Meinungsbildung zu unterstützen. Gefälschte Nachrichten, Propaganda, Übertreibungen und Verschwörungstheorien bekommen dadurch einen idealen Nährboden.

Bibliotheken und Qualitätsjournalismus – also ein Journalismus, der sich Fakten und Rationalität statt Fremdinteressen verpflichtet fühlt – sind von diesen Megatrends gleichermaßen betroffen. Für den Journalismus gehen die Umbrüche mit existenzgefährdenden Veränderungen einher. Diese Veränderungen beeinflussen sehr stark, wie gut und intensiv Journalisten Fakten recherchieren, verifizieren und in ihren Produkten verbreiten können. Selbst in einem freiheitlich organisierten Land wie Deutschland befindet sich der Qualitätsjournalismus in einem "perfekten Sturm", der umso wütender tobt, je höher die Ansprüche und Qualitätskriterien sind.

Dreh- und Angelpunkt des Geschehens ist es, wie Journalisten an ihre Fakten kommen. Ihre Aufgabe ist es, aus dem vielschichtigen Weltgeschehen Sachverhalte zu extrahieren und darauf aufbauend ihre Nutzer zuverlässig zu informieren, sie in ihrer Meinungsbildung konstruktiv zu unterstützen. Es gibt in unbegrenzter Zahl Beispiele journalistischer Erzeugnisse, die diesem Anspruch überhaupt nicht genügen – aber hier soll es darum gehen, was Journalismus dann leistet, wenn er seinen Idealen folgt.

Zu diesen Idealen gehört es, in der Gesellschaft als "Medium" zu fungieren, also verschiedene Bevölkerungsgruppen zu verbinden, zum Dialog zu befähigen und zu gegenseitigem Verständnis beizutragen. Zum Ethos des Qualitätsjournalismus zählt auch, Missstände aufzudecken und die Instanzen des Staates sowie mächtige Akteure in Wirtschaft und Gesellschaft zu beobachten und zu kritisieren. In diesem Sinn ist Journalismus ein wichtiges Korrektiv. In jüngster Zeit wächst das Bewusstsein, dass es auch zur Aufgabe gehört, konstruktiv über Lösungen zu berichten, statt nur einseitig anzuprangern. Diese Ideale ruhen auf zwei Grundlagen: Dass Journalisten sich das Vertrauen der Gesellschaft verdienen, weil sie unabhängig von fremden Interessen arbeiten. Und dass in ihrer Arbeit die Faktentreue oberstes Gebot ist, sie also nichts wider besseres Wissen publizieren.
Wie wir sehen werden, sind alle diese Eigenschaften von Journalismus in Gefahr.

Voraussetzung, um faktentreu publizieren zu können, ist als erste Stufe die Recherche. Journalisten müssen die Möglichkeit haben, an den Ort des Geschehens zu gelangen, sich dort frei zu bewegen und verschiedenste Beteiligte befragen zu können. Die Recherche kann auch darin bestehen, verlässliche Wissensspeicher zu nutzen, etwa die Datenbanken mit wissenschaftlichen Publikationen von Bibliotheken.

Recherchen sind im journalistischen Arbeitsprozess am teuersten, aufwendigsten – und oft auch am gefährlichsten. Allein 2018 wurden nach Angaben der Organisation Reporter ohne Grenzen 64 Journalisten bei der Ausübung ihres Berufs getötet. Außerhalb von Krisengebieten geht es um banalere Fragen als die Sicherheit: Hat eine Redaktion das Geld, um für einen Reporter Mietauto, Bahnticket und Hotel zu bezahlen, damit er sich vor Ort ein Bild vom Geschehen machen kann? Ist die Redaktion ausreichend besetzt, damit sich ein Mitarbeiter zwei Tage in die Bibliothek zurückziehen kann, um Informationsquellen zu suchen und Zahlen zu recherchieren? Die Alternative dazu besteht darin, dass Redaktionen sich aus Sekundär- oder Tertiärquellen bedienen oder Journalisten sich darauf beschränken, die Pressemitteilungen und
Twitteraccounts von Akteuren auszuwerten – ein fehleranfälliger Prozess mit eingeschränkter Perspektive.

Zweite wichtige Stufe im Umgang von Journalisten mit Fakten ist der Publikationsprozess. Hier hat der Journalist in seiner Redaktion zuerst die Aufgabe, seine "Geschichte" im Wettbewerb mit anderen Projekten durchzusetzen. Dabei muss er der Versuchung widerstehen, die Geschichte spannender aussehen zu lassen, als sie ist, oder wichtige Fakten gezielt wegzulassen, damit die "Story" stimmt. Beim Schreiben und Produzieren geht es darum, auf der Grundlage von Vorwissen und Recherche ein Abbild der Wirklichkeit zu schaffen, das keine Falschangaben, Verzerrungen, Übertreibungen enthält und die Vielfalt von Perspektiven auf jedes Geschehen berücksichtigt.

Dritte Stufe ist die Überprüfung – bevor etwas publiziert wird, muss es eine Prüfung geben. Das ist primär die Aufgabe der Redakteure. Manche größeren Redaktionen können sich (noch) eine weitere Ebene leisten: den Dokumentar, neudeutsch "Factchecker" genannt. Redakteure überprüfen Beiträge auf Plausibilität, sie stellen Rückfragen, verlangen vom Autor Änderungen oder Nachbesserungen. Factchecker gehen härter vor: Sie starten mit der Annahme, dass alles an einem Beitrag falsch ist und verlangen vom Autor Beweise, dass wiederum sie damit falsch liegen.

Bei der sogenannten "Dok" legen Journalisten dann zum Beispiel Telefonnummern und Quellen offen. Vor allem bei US-amerikanischen Medien geht die Überprüfung so weit, dass Dokumentare auch Sachverhalten nachspüren, die Journalisten als Erlebnisse aufgeschrieben haben. Autoren müssen bei Medien wie dem "New Yorker" davon ausgehen, dass Factchecker ihre Gesprächspartner anrufen. In Deutschland sind Dokumentare als eigene Prüfinstanz auch wegen der Personalkosten eher die Ausnahme.

Wie der Fälschungsskandal beim SPIEGEL und anderen deutschen Medien Ende 2018 gezeigt hat, ist selbst das Vorhandensein einer Factchecker-Abteilung kein Garant, dass nicht ein böswillig fälschender Akteur die Sicherungslinien überlistet. In den Texten von Claas Relotius fanden sich zahlreiche Faktenfehler und zudem erfundene Passagen – eine Art Super-GAU für den Journalismus, der gerade aufgeklärt wird. Es gälte nun, die Sicherungssysteme so zu verbessern, dass Schwarze Schafe sofort auffallen und sich ein solcher Skandal nicht wiederholt.

Doch die Rahmenbedingungen für einen intensiveren Prüfprozess im Umgang mit Fakten verschlechtern sich dramatisch. Im Berufsalltag von Journalisten sind zahlreiche negative Entwicklungen, die sich über Jahre aufgebaut haben, heute sehr deutlich spürbar. Redaktionen werden geschrumpft oder – wie im Fall der deutschen Ausgaben der Wissenschaftsmagazine Wired und New Scientist – ganz aufgelöst. Die freiberuflich arbeitenden Journalistinnen und Journalisten bekommen Honorare angeboten, die auch bei sparsamem Verhalten den Lebensunterhalt nicht decken. Die Möglichkeiten für Journalistinnen und Journalisten, etwa durch Recherchereisen, Laborbesuche, Konferenzteilnahmen oder Bibliotheksaufenthalte in ihren Themengebieten in die Tiefe zu gehen, schrumpfen.

Stressfaktor 1: Die ökonomische Basis des bisherigen Verlagsjournalismus ist in Gefahr

Das Internet mit all seinen positiven Seiten und der immensen Menge von Informationsangeboten hat für den klassischen Journalismus zwei harte Entwicklungen mit sich gebracht: Früher ruhte das Finanzierungsmodell auf Werbeeinnahmen und auf treuen Abonnenten. Wenn eine Firma eine Seite Werbung schaltete, landeten die Einnahmen dafür vollständig beim Verlag. Im Internet dagegen ist die digitale Infrastruktur, über die Werbung läuft, fest in der Hand von Google, teils auch von Facebook. Und dorthin fließt ein erheblicher Teil der Einnahmen. Weil die verbliebenen Einnahmen zudem abhängig von Clickzahlen sind, sind Redaktionen ständig in der Versuchung, Emotionen anzusprechen und Aufmerksamkeit zu erheischen statt sachliche Informationen zu bieten. Von den einst treuen Abonnenten einer Marke gibt es von Jahr zu Jahr weniger: Sie bewegen sich im Netz von Medienangebot zu Medienangebot, ganz nach ihren Interessen und gemäß den Empfehlungen ihrer Freunde. Die Folge: Fast alle Redaktionen von Tageszeitungen und Magazinen sind mit wenigen erfreulichen Ausnahmen in den vergangenen Jahren kleiner geworden. Honorare für freie Journalistinnen und Journalisten schrumpfen. Mangels Ressourcen können sie seltener vor Ort sein und das direkte Gespräch mit allen Beteiligten suchen. Das vergrößert die Distanz zwischen Journalismus und Bevölkerung.

Stressfaktor 2: Aufstieg von parallelen Sub-Öffentlichkeiten

Journalisten wurde früher zusätzlich zur Rolle als Wächter über demokratische Prinzipien auch die Rolle als "Torwächter" (geläufig ist auch der englische Begriff "Gatekeeper") für die Öffentlichkeit zugeschrieben. Zu ihrem Job gehörte es, die Unmengen an Pressemitteilungen, Agenturmeldungen und Rechercheergebnissen zu sichten, filtern, gewichten und nur eine kuratierte Auswahl davon an die Öffentlichkeit weiterzugeben. Das führte dazu, dass viele Falschmeldungen aussortiert wurden und dass Zitate und Ereignisse in einen größeren Kontext eingeordnet werden konnten, bevor sie die Bevölkerung erreichten. Die Rolle als "Torwächter" machte Journalisten zudem zu begehrten Gesprächspartnern von Verantwortlichen und Interessengruppen. Heute eröffnet die Vielzahl sozialer Medien und Plattformen Politikern, Interessengruppen, Firmen und NGOs eine direkte Möglichkeit, an journalistischen Medien vorbei die Bevölkerung zu erreichen – man denke nur an den twitternden US-Präsidenten Donald Trump. Aber auch Verbände und NGOs bedienen sich dieser Mittel, nutzen eine Kommunikationsform, die ihnen direkte Kontrolle über das Geschriebene und Gesendete gibt. Das ist nicht verwerflich – doch schwächt es die Rolle von vermittelnden, für die Allgemeinheit arbeitenden Medien, die statt interessengetriebenen Informationen eine unabhängige Berichterstattung anbieten.

Stressfaktor 3: Journalisten haben zu wenig den Wert ihrer Arbeit vermittelt

Die Journalismusbranche hat viel zu wenig Mühe darauf verwandt, den ideellen und monetären Wert ihrer Arbeitsweise und Produkte in die Öffentlichkeit zu vermitteln. Stattdessen hat sie werbebegleitete Beiträge einfach verschenkt. Nur sehr zögerlich beginnen Verlage jetzt damit, ihren Nutzern zu signalisieren: Wenn wir Qualitätsjournalismus bieten wollen und sollen, kostet das viel Geld, das irgendwoher kommen muss. Der beste Weg für Unabhängigkeit sind zahlende LeserInnen. In der Zwischenzeit haben sich aber schon sehr viele Menschen an Kostenlos-Journalismus gewöhnt und wundern sich, wenn sie wie in jedem Supermarkt auch bei Artikeln an eine Bezahlschranke stoßen. Ob sich Bezahljournalismus durchsetzt, ist eine offene Frage.

Stressfaktor 4: Autoritäre Bewegungen versuchen gezielt, die Glaubwürdigkeit des Journalismus zu beschädigen

In jüngster Zeit kommt hinzu, dass die Gegner einer freien Presse politisch stärker werden und die wirtschaftliche Schwäche des Verlagsjournalismus auszunutzen wissen. Ob Trump gegen die "versagende New York Times" giftet oder AfD- Anhänger "Lügenpresse" skandieren: Es werden grundsätzliche Zweifel an der Arbeitsweise von recherchierenden Journalisten geschürt.

Stressfaktor 5: Mangelnde Qualitätskontrolle im  Journalismus

Angesichts einer verwirrenden Informationsfülle in digitalen Medien und immer perfekteren Fälschungstechnologien, bis hin zu "deep fakes", müssten Journalismusorganisationen die Qualitätssicherung eigentlich massiv ausbauen und zudem systematisch gegen die Versuchung anarbeiten, "Geschichten" so zu emotionalisieren oder aufzubauschen, dass sie sich auf dem Jahrmarkt der Aufmerksamkeit durchsetzen. Die wirtschaftlichen Bedingungen erschweren eine solche Neue Sachlichkeit aber massiv. Dass Redaktionen sparen müssen, macht sie anfälliger für Fälschungen und Fehler und verstärkt die Versuchung, durch aufgebauschte Schlagzeilen die Nutzerzahlen zu steigern – solches Verhalten macht Medien nicht nur angreifbar von Seiten von Interessengruppen, die den unabhängigen Journalismus geschwächt oder beseitigt sehen wollen. Es entfremdet, ebenso wie die zu beobachtende Vielzahl von Rechtschreibfehlern, auch die echten Freunde des Qualitätsjournalismus.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bauen wir mit RiffReporter eine Genossenschaft für Qualitätsjournalismus auf, die dazu beitragen will, dass Journalisten ihre Expertise ausbauen und in die Tiefe gehen können, dass sie Zeit für ihre Recherchen haben und ausreichend Mittel für einen sorgsamen Umgang mit Fakten. Wir tun das hauptsächlich, indem wir es jedem Bürger und auch gemeinnützigen Institutionen ermöglichen, direkt und gezielt die journalistischen Projekte und Themen auf unserer Webseite zu unterstützen.

Ein wichtiges Aktionsfeld ist dafür auch "RiffReporter Live" – wir bieten an, dass unserer knapp 90 Mitglieder Vorträge halten, Moderationen übernehmen, an Panels teilnehmen oder Workshops und Exkursionen anbieten. So wollen wir auch zu einem direkteren Austausch von Journalismus und Gesellschaft beitragen.

Genau hier sehen wir viel Potenzial für Kooperationen mit Bibliotheken – im gemeinsamen Dienst an der Öffentlichkeit, den die Politikwissenschaftlerin Metze-Mangold bei der Tagung "Public!" in München als zentral beschrieben hat. Mögliche Formate dafür gibt es viele: Bei "Journalist-vor-Ort" verlegt ein RiffReporter seinen Schreibtisch für eine Woche in die Bibliothek; beim "Presseclub" geht es um eine offene Diskussion zu Zukunftsthemen; in Workshops kann es – etwa für Schüler – um Faktenprüfung, Podcasting oder Recherche gehen. Zudem könnten Bibliotheken in Kooperation mit Stiftungen und der gemeinnützigen Riff freie Medien gGmbH auch Stipendien entwickeln, die Journalisten bei der intensiven Nutzung der Bibliothek für ihre Recherchen unterstützen. Die Journalisten könnten tage- oder wochenweise ihre Recherchen mit Beständen und Datenbanken vertiefen und ihre Methoden und Ergebnisse dann in Workshops und Vorträgen mit den Bibliotheksnutzern teilen.

"Das Öffentliche braucht die Aufmerksamkeit der Weltgemeinschaft, nicht das Private", forderte Metze-Mangold bei der Public!. Zwei Stehwände unweit des Rednerpults machten in München deutlich, wie wichtig diese Aussage ist. Dort konnten Nutzerinnen und Nutzer der Stadtbibliothek auf farbigen Klebezetteln den Satz "Die Bibliothek ist mein Ort, weil…" vervollständigen. Viele der Einträge wirkten wie eine konstruktive Antwort auf Metze-Mangolds Warnungen.

Vor allem dieser: "Die Bibliothek ist mein Ort, weil ich befähigt und ermuntert werde, die Gesellschaft mitzugestalten." Diese Teilhabe und Mitwirkung zu unterstützen gehört zu den wichtigsten Aufgaben auch von Qualitätsjournalismus.

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