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Literatur
Die deutsche Literatur seit 1989

Die deutsche Literatur seit 1989
Foto: Goethe-Institut

Das Aufeinanderprallen von West und Ost führte nach 1989 in Deutschland zu einem historisch einmaligen Vorgang. Man erlebte, wie sich in ein- und demselben Land zwei verschiedene Zeiten überlagerten, und damit verband sich auch ein neues Bewusstsein für Geschichte. Aber auch die Gegenwart selbst zeigte sich plötzlich eruptiv und nach allen Seiten hin offen.

Von Helmut Böttiger

Die Erfahrung des Ostens suchte nun langsam auch den Westen heim. So wäre zum Beispiel ein Autor wie Wolfgang Hilbig im Westen nicht denkbar gewesen. Er schrieb unangetastet vom Literaturbetrieb, saß als Arbeiter im sächsischen Tagebaugebiet und entwarf seine glühenden Bilder – geprägt von einsamen Lektüren, von Symbolismus und von schwarzer Romantik. Ohne oberflächliche, aufdringliche Beziehungen zur Gegenwart waren das eindeutig zeitgenössische Texte. Prosastücke wie „Alte Abdeckerei“ (1991) sind expressive, apokalyptische Visionen vom Leben in der DDR, vom Verrotteten und abgründig Zerstörten.  
 
Auch Reinhard Jirgl sieht in der DDR eine große schwarze Phantasie, mit flammenden Bildern des Untergangs und der Auslöschung des Individuellen. Die Atmosphäre ist durchdrungen von den Schwermetallen und den verrosteten Utopien des Ostens. Jirgl schuf sich seine eigene Grammatikstruktur und Orthographie. Im Unterschied zu Hilbig arbeitet sich Jirgl am bürgerlich-kleinbürgerlichen Milieu ab. In jedem seiner Romane geht es um Familienstrukturen, um kaputte Beziehungen, und der Roman „Hundsnächte“ aus dem Jahr 1997 ist der definitive Berlin-Roman der neunziger Jahre. Hilbig und Jirgl sind Autoren einer mittleren Generation, die noch voll und ganz von der DDR geprägt wurden, von einer Erfahrungswelt abseits bürgerlicher Normen und differenzierter sozialer Kodierungen.
 
Bei den Jüngeren setzte die DDR ganz neue Energien frei. Eine Schlüsselfigur für die veränderte literarische Landschaft wurde der 1962 geborene Durs Grünbein. Listig und beweglich betrat er die Szene, brachte sprachliche Virtuosität mit gesellschaftlicher Reflektion zusammen, war medienkompatibel und sprach und entzog sich immer im richtigen Moment. In Berlin, in den Zerfallsprozessen der Hauptstadt der DDR, schien der Grünbein-Ton Ausdruck einer neuen Generationserfahrung zu sein: der letzten DDR-Generation, die noch nicht ganz in die DDR hineingewachsen war, sich aber in der Zeit nach 1989 doch von der DDR geprägt zeigte. Berühmt wurde Grünbein 1991 mit dem Gedichtband „Schädelbasislektion“. Gegen die Beliebigkeit setzte er ein Programm: „Was du bist steht am Rand / Anatomischer Tafeln“.
 
Genauso alt wie Grünbein ist Ingo Schulze. Seine „Simplen Storys“ (1998) bestehen aus 29 Momentaufnahmen in Altenburg, einer mittleren Provinzstadt zwischen Leipzig und Dresden. Wir sehen verschiedene Figuren in ihrem Alltag, in Großaufnahme, in meist zufälligen Konstellationen. Es gibt keine Psychologie, keine fortlaufende Handlung. Doch gerade, weil so viel ausgespart zu sein scheint, baut sich langsam eine untergründige Spannung auf. Durch ständige Parallelmontagen setzt sich ein zeitgenössisches Panorama zusammen, an dem sich der Zustand der Gesellschaft und diverser Individuen assoziativ ablesen lässt.
 
Überstrahlt wurde das Thema des Ostens vom Nobelpreis, der 2009 an Herta Müller verliehen wurde. Diese Autorin beschreibt in ihrem literarisch hochverdichteten Werk immer wieder die trotzig-reaktionäre Welt der Deutschen im Rumänien des Diktators Ceaucescu. In „Atemschaukel“ (2005) geht es um die fünfjährige Lagerzeit des experimentellen Lyrikers Oskar Pastior, der von 1945 bis 1950, im Alter von 17 bis 22 Jahren, in der Sowjetunion interniert war – gegen Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Moskauer Führung Rumänien dazu aufgefordert, Rumäniendeutsche als Wiedergutmachung zur Aufbauarbeit in die Sowjetunion zu schicken. Nach fünf Jahren Lager ist einem die Welt „so abhandengekommen“, dass sie „einem gar nicht fehlt“: das Bewusstsein zeigt sich dafür geschärft, dass die Normalität keineswegs die Normalität ist.
 
Die Kulissen des östlichen Sozialismus boten sich in der Zeitmaschine Berlin für aktuelle Mischformen und Crossover-Kulturen ideal an. In Ruinen und Abrisshäuser zogen bildende Künstler, Theater-, Performance- und Tanzgruppen ein. Das Spiel zwischen Ost und West ließ die Grenzen oft verschwimmen, die als vorübergehend konstatierten Identitäten lösten sich in neue Konstellationen auf. Die Musikszene suchte in halblegal betriebenen Techno-Kellergewölben adäquate Ausdrucksformen, Schriftsteller wie Kathrin Röggla oder Rainald Goetz arbeiteten mit Montagetechniken und Genre-Samplings. Goetz, der die Ekstase des Augenblicks kultivierte, schaffte es 2015 bis zum renommiertesten deutschen Literaturpreis, dem Büchner-Preis.
Mit einer ähnlichen Stilisierung des ästhetisierten Pop- und Mediengefühls hat auch Christian Kracht, ein Mit- und Gegenspieler von Goetz, beträchlichen Erfolg.
 
Das erste herausragende Gesicht für eine neue Berliner Generation von Schriftstellern wurde allerdings Judith Hermann mit ihrem schmalen Erzählungsband „Sommerhaus, später“ (1998). „Irgendwo sang Tom Waits“, heißt es hier einmal, irgendwo steckt immer eine Phrase aus einem Popsong, die die jeweilige Gefühlsfarbe trifft: „wir hörten Massive Attack und rauchten und fuhren die Frankfurter Allee wohl eine Stunde lang rauf und runter“. Für die Mittzwanziger in diesen Erzählungen steht immer etwas zur Verfügung. Das Leben bietet allerlei Möglichkeiten des Hedonismus und Eskapismus. Doch eines lässt sich nicht verkennen: so opulent die Rahmenbedingungen zu sein scheinen, so leer ist es im Inneren. Die Protagonisten haben alles schon gesehen, die Karibik ist ihnen als Erfahrungsraum genauso selbstverständlich geworden wie Straßenzüge in Lower Manhattan. Doch sie sind nicht hineingewachsen. Deshalb ist in diesen Erzählungen ständig ein Grauschleier spürbar, ein ständiger November. Wenn man ein karges Café am Helmholtzplatz betritt und unwillkürlich den Mantelkragen ein bißchen enger um den Hals zieht, ist man so etwas wie daheim: dieses Buch wurde weithin als eine Identifikationsschrift gelesen.
 
Aus dem Osten tauchte unvermutet – als Sehnsucht, als Nachklang – noch einmal etwas auf, was man im postmodernen, ichzerfaserten Westen so gar nicht mehr richtig kannte: Geschichte, Biographien, Identitäten. Ein herausragendes Beispiel dafür war zuletzt Lutz Seilers Roman „Kruso“ (2014). Im Westen dagegen war man längst zum postmodernen Spiel vorgedrungen, zum Spiel mit Identitäten, zum Spiel mit Geschichte. Und es war eine Tendenz zu beobachten, dass nicht mehr unbedingt nur der Text allein im Mittelpunkt stand, sondern auch die Darbietung desselben: dies radikalisierte sich noch im Verlauf der Nullerjahre. Es entwickelte sich eine Kultur der Performance, zwischen Slam-Poetry und rhythmischen Wortklang-Experimenten. Trendsetter war hierfür der Lyriker Thomas Kling, der an die Avantgarde-Traditionen des Dadaismus anknüpfte und die Kunstformen des schriftlichen Ausdrucks und des öffentlichen Vortrags neu aufeinander bezog. Mittlerweile steht dafür auch die Autorin Monika Rinck, deren postakademisches „Begriffsstudio“ das Sprachmaterial für zeitgenössische Effekte nutzt.     
 
Deutschland ist immer noch ein sehr reiches Land, so dass sich eine umfangreiche literarische Infrastruktur herausgebildet hat, mit Stipendien, Preisen sowie diversen Studiengängen, Workshops und Schreibseminaren. Sie bildet dabei auch eine zunehmende Ökonomisierung und Marktförmigkeit der produzierten Texte ab. Gleichzeitig differenzierten sich daneben aber einzelne, unverwechselbare Schreibweisen heraus.
 
2005 wurde ein Bestseller hervorgebracht, wie er schon länger in der Luft lag. Daniel Kehlmann, der als Dreißigjähriger bereits sieben Romane veröffentlicht hatte, legte mit „Die Vermessung der Welt“ einen flotten, temporeichen Unterhaltungsroman aus der Welt des Geistes hin. Es geht um die späte Begegnung zweier herausragender Wissenschaftler zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts, nämlich des Forschungsreisenden Alexander von Humboldt und des Mathematikers Carl Friedrich Gauß. Gekonnt stellt Kehlmann zwei verschiedene Arten von Weltaneignung, von Lebenserfahrung und Desillusionierung gegenüber und löst sie in raffiniert beiläufigen Szenen auf. Kehlmann ist mittlerweile wohl der international erfolgreichste deutsche Autor. In seinem Roman „Tyll“ aus dem Jahr 2017 gelang ihm der Sprung vom Spieltheoretiker und Zauberkünstler zum anspielungsreichen gesellschaftspolitischen Romanautor. Allgemein wurde es als eine Art Geniestreich rezipiert, wie Kehlmann die mittelalterliche Figur des Till Eulenspiegel, der die Welt in einer Narrenkappe spiegelt, in den Dreißigjährigen Krieg versetzt. Ohne einen konkreten Indikator wird dieser apokalyptische Zustände zitierende Roman als ein Buch über unsere unübersichtlich gewordene, verunsicherte Gegenwart kenntlich.
 
Neben den seit vielen Jahren bekannten Platzhirschen, die an ihrem Spätwerk laborieren, wie Peter Handke oder Botho Strauß, machten sich zunehmend auch Autoren der mittleren Generation einen Namen. Marcel Beyer („Flughunde“, 1995) betreibt eine raffinierte, diskursversierte Gegenwarts- und Geschichtsarchäologie, Sibylle Lewitscharoff rührt mit ihrer vertrackten, skurrilen Sprachlust an letzte philosophische Fragen („Apostoloff“, 2009), der an James Joyce und diversen Stilvorlagen geschulte Thomas Lehr hat unter anderem mit „November. Fata Morgana“ 2010 einen großangelegten Politik- und Familienroman vorgelegt, der zur Zeit der Irakkriege zwischen New York und Bagdad spielt, und Wilhelm Genazino (z.B. „Eine Frau, eine Wohnung, ein Roman“, 2002) gelingt eine abgründige Verbindung von Melancholie und Komik, die absolut gegenwärtig ist. In den letzten Jahren treten zudem verstärkt Autoren hervor, deren Muttersprache ursprünglich eine andere war und die nach Deutschland eingewandert sind, wie etwa Terézia Mora („Alle Tage“, 2004) oder Saša Stanišić („Herkunft“, 2019).
 
Eine Sonderstellung nimmt ebenfalls Ulrich Peltzer ein. Dem 1956 geborenen Autor geht es sowohl um die politische wie auch um die ästhetische Reflexion. Hauptfigur seines fulminanten Berlin-Romans „Teil der Lösung“ aus dem Jahr 2007 ist Christian: eine der typischen postakademischen Existenzen, die sich von Job zu Job hangeln. Die gegenseitige Anziehung zwischen Christian und und der viel jüngeren Politaktivistin Nele gehört zu den besten Gefühls-Topographien, die in den letzten Jahren auf deutsch geschrieben worden sind. 2015 erschien von Peltzer „Das bessere Leben“, ein die selbstverständlich gewordene Globalisierung durchdringender Bewusstseinsroman, der das alte Faust-Mephisto-Motiv virtuos mit aktuellen Berufsbildern aus der sich verselbständigenden Finanzindustrie verknüpft. Peltzer arbeitet mit Filmtechniken und knappen Dialogen. Es ist erstaunlich, wie plastisch die Figuren werden, obwohl die Sprache nicht psychologisiert oder ausmalt.
 
Deutschland ist bereits seit Jahrzehnten viel eher ein Fernsehland als ein Leseland. Diejenigen, die von Anfang an wesentlich vom Fernsehen geprägt wurden, werden von Nachfolgegenerationen bereits überholt. Das schlägt sich unweigerlich auf die Mechanismen des Buchmachens, des Buchkaufens und des Buchschreibens nieder. Die Wahrnehmung und die Informationsverarbeitung ändern sich stark. Oft geht es um Synchronie statt Linearität, und das kann ungeahnte und spannende Formen von literarischen Texten hervorbringen, die auf die Entwicklung reagieren. Aber 2018 gab es von einer jungen Autorin einen ungeahnten Überraschungsroman, in dem vergangene literarische Formen poetisch nachhallen: „Wie hoch die Wasser steigen“ der 1983 geborenen Anja Kampmann. Einerseits spielt er in einer gleißenden Gegenwart, andererseits in einer schwierig zu umreißenden Zeitlosigkeit. Waclaw, die Hauptfigur, arbeitet auf Bohrinseln im offenen Meer, bei globalen Konzernen, die die Bedingungen diktieren und die frühere Sklavenhaltergesellschaft nahtlos ins computergesteuerte Selbstvermarktungs-Business des 21. Jahrhunderts überführen. Nach dem Tod seines besten Freundes, den er bei dieser Arbeit kennengelernt hat, reist Waclaw zu verschiedenen Stationen, die alle etwas mit seinem Leben zu tun haben. Doch allmählich stellt sich heraus, wie wenig greifbar dieses Leben geworden ist.
 
Wie bei allen literarischen Texten, die nach der Lektüre noch im Kopf bleiben, kommt es nicht so sehr auf eine nacherzählbare Handlung an, sondern auf die Atmosphäre und die Worte, in denen sie spielt. Trotz der allfälligen Betriebsliteratur, mit denen die betreffenden Kulturmanager die Festivalbühnen und Literaturhäuser bespielen: es kann immer wieder etwas aufblitzen, an das man sich auch noch Jahre später erinnert.
 

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